Titel: Wiederherstellung von verbranntem Gußstahl.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196/Miszelle 4 (S. 87–88)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/mi196mi01_4
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Wiederherstellung von verbranntem Gußstahl.

So mancher Besitzer einer mechanischen Werkstätte, heißt es im praktischen Maschinen-Constructeur, hat schon bei Durchsicht seiner Rechnungen gefragt, wie es doch möglich ist, daß so viel Geld für Gußstahl ausgegeben wurde, und doch ist die Sache sehr einfach: Man braucht nur der Behandlung der Gußstahl-, Dreh-, Flach- und Kreuzmeißel, der Bohrer etc. in einer mechanischen Werkstätte einmal zuzusehen, so weiß der Betreffende gleich, wo sein Geld geblieben.

Es wird da durch das ewige Warmmachen, Ausrecken, Härten u.s.w. so viel Stahl verbrannt, heimlich abgehauen und fortgeworfen, daß es wohl der Mühe lohnt, ein so einfaches billiges Gegenmittel, wie das unten folgende, in jeder auch noch so kleinen Werkstätte einzuführen.

Man schmelze 3 Gewichtstheile reines Colophonium in einem Tiegel und setze nach dem Flüssigwerden unter langsamem Umrühren 2 Gewichtstheile gutes gekochtes Leinöl zu, wobei man aber vorsichtig zu Werke gehen muß, da das Gemisch bei hoher Temperatur leicht in Flammen aufgeht. Man erhält schließlich eine dunkelbraune Masse von Syrups-Consistenz, welche die Eigenschaft hat, daß jedes auch noch so sehr verbrannte Stückchen Gußstahl, rothwarm hineingetaucht, sofort wieder seine ursprüngliche Güte erhält, und wenn die Operation mehrmals hintereinander wiederholt wird, eine Qualität Stahl hervorbringt, welche ursprünglich in solcher Feinheit nicht vorhanden war.

Es ist wirklich überraschend, zu sehen, wie ein bis zur Reißnadel ausgerecktes Stück Gußstahl mit Willen verbrannt, in die Masse hineingetaucht, sich, man möchte sagen, bis zur unsichtbaren Spitze ausstrecken läßt, ohne das geringste Bestreben zu zeigen, brüchig zu werden oder sich gar zu spalten.

Die Härtung geschieht am besten dunkelroth und in Regenwasser.

Wichtig ist die Anwendung des Mittels für die Fabrication der Gußstahlpillen zum Schärfen der Champagne-Steine,18) denn jeder Mühlenbesitzer, der obige Steine eingeführt hat, weiß, was es kostet, ehe er Pillen erhält, welche einigermaßen ihren Zweck erfüllen, und bei Anwendung obiger Masse wird man finden, daß mit dem gewöhnlichen in Deutschland fabricirten Gußstahl ein Instrument von so vorzüglicher Härte hergestellt werden kann, daß es jedem anderen, auch dem so sehr gepriesenen aus Frankreich, kühn die Spitze bieten kann.

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Bekanntlich verwerfen nämlich die Reisenden der Champagne-Mühlstein-Fabrication alle Werkzeuge, die nicht von ihnen selbst geliefert werden.

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