Titel: Das Sprengmittel „Dualin.“
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196/Miszelle 7 (S. 89–91)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/mi196mi01_7

Das Sprengmittel „Dualin.“

Dieser neue Sprengkörper, welcher von seinem Erfinder Hrn. C. Dittmar, Artillerie-Lieutenant a. D., in Charlottenburg bei Berlin fabricirt wird, ist derzeit ein für den Bergwerksbetrieb sehr empfehlenswerthes Sprengmittel geworden. In Folge seines billigen Preises und der entsprechend höheren Wirkung gegenüber Schwarzpulver gewährt es Ersparungen, die bei einem einzelnen Schuß schon Bedeutendes ausmachen, in der großen Masse aber sehr in's Gewicht fallen, indem, während der Preis des Dualins nur etwa das Vierfache des Pulverpreises beträgt, seine Wirkung 6–8 Mal so groß ist. Außer den directen Ersparnissen ist es auch in Bezug auf Zeitersparniß empfehlenswerth, da es immer nur in fertigen Patronen versendet wird und somit das Patronenmachen von Seiten des Arbeiters erspart wird und derselbe bloß nöthig hat, die fertige Patrone in's Bohrloch einzuschieben. Durch das Benutzen fertiger Patronen sind denn auch die Kopfschmerzen beseitigt, welche durch das Anfassen und in den Mundbringen des Dualins dem Arbeiter wohl verursacht, dagegen mit Unrecht den Explosionsgasen zugeschrieben wurden. Auch kann die mit geübten Leuten arbeitende Fabrik des Erfinders die Patronen sorgfältiger, fester und gleichmäßiger anfertigen lassen, als dieß durch die Hand des Grubenarbeiters geschieht, der nur zeitweise diese Arbeit verrichtet. Die Patronen werden in verschiedenen Durchmessern, wie man sie bei den einzelnen Gruben benöthigt, jedoch in ziemlich gleichen Längen von 6–8'' an geliefert. Benöthigt man zu einem Bohrloch eine größere Länge, die sich durch ein Vielfaches der einzelnen Längen nicht herstellen läßt, so wird eine Patrone entweder durchgebrochen oder durchgeschnitten und stumpf an die andere Patrone angestoßen.

An trockenem Ort wird die Zündung mit dem Halme, der am besten bis in die Patrone reicht, oder mit dem Raketchen vorgenommen; die Besetzung erfolgt in diesem Falle so wie bei gewöhnlichem Pulver.

An nassem Orte zündet man mit dem Zündhütchen und mit der Zündschnur; hier genügt es auch, an Stelle des Besatzes bloß Wasser aufzugießen.

Das Dualin ist gerade für Steinkohle sehr gut verwendbar, indem es bei seiner bedeutenden Wirkung auch einen großen Stückkohlenfall gibt. Bei der Anwendung in der Kohle ist nur Eines zu beachten, daß, um die volle Wirkung zu erzielen, es besser ist, |90| Bohrlöcher von geringeren Weiten zu nehmen, damit die dem Dualin dargebotene wirksame Fläche eine größere wird. Im Gestein scheint die Weite des Bohrloches weniger wesentlich zu seyn. Sehr wichtig ist es, die Patrone bis auf den Boden des Bohrloches fest aufzustoßen, um einen schädlichen Zwischenraum zu vermeiden, welcher der Wirkung hindernd im Wege ist und auch Veranlassung zu einer theilweise nur unvollkommenen Explosion geben kann.

In Oberschlesien sind in neuester Zeit von Hrn. Dittmar selbst und auf einzelnen Gruben Versuche angestellt worden, welche die besten Resultate ergaben; so auf den Borsig'schen Gruben in Biskupitz, wo das Dualin sich theilweise schon eingebürgert hat, und auf Königsgrube, deren lebhaftes Interesse für alle Neuerungen beim Grubenbetrieb bekannt ist. Ueberall, wo die Versuche in der Kohle gemacht wurden, ist der Beweis geliefert worden, daß das Dualin eine mehr allmähliche und stoßende, als plötzlich zerschmetternde Wirkung zeigt. Dieß ist auch der Grund, weßhalb es mit Vortheil beim Steinsalz-Bergbau in Staßfurt zu verwenden ist, wie solches die Versuche in Staßfurt zur Genüge darthaten.

Im Nassauer District hat dasselbe auf den Eisenerz-Gruben wie beim Steinbruchbetrieb sich billiger als Pulver herausgestellt, ebenso im Mansfeld'schen.

Allen Bergbautreibenden kann es nur erwünscht seyn, daß nunmehr durch die größere Concurrenz die Kosten der neuen Sprengmittel billiger werden und somit Gelegenheit geboten ist, weiterhin eine minder beschränkte Anwendung zu gestatten, als bisher, wo die Preise gegenüber Schwarzpulver immer noch zu hoch waren. Jetzt wird endlich die Differenz der Preise immer geringer und darf man hoffen, daß die Zeit nicht zu fern liegt, wo es den Nitroglycerin-Präparaten durch Wohlfeilheit gelungen seyn wird, sich allgemein Eingang zu verschaffen.

Wir glauben, daß das Dualin in seiner jetzigen Qualität wie Preis alle Aussicht hat, sich beim Bergbau einzubürgern, besonders beim Kohlenbergbau, wo es durch seine große, aber dennoch nicht allzu plötzlich wirkende Kraft mit dem Pulver rivalisiren kann.

Sicher ist aber, daß bei der Anwendung von festem Nitroglycerin auch beim Gezähe und der Arbeit selbst noch vielfach Aenderungen und Neuerungen vorzunehmen seyn werden, indem einmal über die zweckmäßigste Tiefe und den richtigen Durchmesser der Bohrlöcher, sowie über die Stellung der Bohrlöcher vielfach noch die Erfahrungen fehlen und in jedem einzelnen Falle erst durch längere und sorgfältigere Versuche sich erreichen lassen. (Berggeist.)

Darstellung des Dualins nach der Patentbeschreibung des Erfinders. – Der American Artizan, 1870 Nr. 6, enthält S. 90 die Beschreibung der Darstellung des Dualins von Carl Dittmar in Charlottenburg selbst, wahrscheinlich die von demselben zur Erlangung des amerikanischen Patentes abgegebene, wie dieselbe denn auch den bekannten Charakter der Patentbeschreibung sehr deutlich zeigt. Dualin, heißt es darin, ist ein gelblich braunes Pulver, im Ansehen virginischem Rauchtabak ähnlich. An offener Luft entzündet, verbrennt es ohne Explosion, in beschränktem Raum dagegen kann es ebenso wie gewöhnliches Pulver zur Explosion gebracht werden. Gegen Stoß ist es nicht empfindlich; es zersetzt sich nicht von selbst und bäckt nicht zusammen, läßt sich rasch in Patronen füllen und sich ebenso gut an warmen wie an kalten, an trockenen wie an feuchten Orten aufbewahren. Seine Stärke ist 4 bis 10 Mal so groß wie die von gewöhnlichem Pulver und größer als die von Dynamit. Das Dualin besteht aus Cellulose, Nitrocellulose, Nitrostärke, Nitromannit und Nitroglycerin, in verschiedenen Verhältnissen je nach der gewünschten Stärke gemischt. Die Cellulose wird aus sägemehlartig zerkleinertem weichen Holz, wie Fichte oder Pappel, durch Behandeln mit verdünnten Säuren und nachheriges Kochen in Sodalösung hergestellt und dann nach vollständigem Trocknen gemischt

1) mit Salpeter und Nitroglycerin; oder

2) zunächst durch Behandeln mit Salpetersäure von 48° Baumé und Schwefelsäure von 66° Baumé in Nitrocellulose übergeführt und dann mit Nitroglycerin vermischt; oder

3) die trockene Cellulose wird mit wasserfreiem Glycerin bis zur Consistenz eines dicken Breies gemischt und allmählich unter höchst sorgfältigem Umrühren und Kühlhalten mit ihrer 8- bis 10fachen Menge eines Gemisches von Schwefelsäure von 66° Baumé und Salpetersäure von 48° Baumé vermischt. Das Umrühren wird wenigstens eine halbe Stunde lang fortgesetzt, worauf das Gemisch in ein Wasserbad |91| von seiner zehnfachen Menge gebracht wird. Nach wiederholtem Auswaschen mit reinem Wasser wird die Masse eine oder zwei Stunden lang in verdünnter Sodalauge umgerührt, dann wieder mit reinem Wasser gewaschen und durch Erwärmen mittelst heißen Wassers und Behandeln mit concentrirter Schwefelsäure und Chlorcalcium wasserfrei gemacht. Hierauf wird sie mit der nach Nr. 1, 2 oder 4 behandelten Masse zu einem trockenen Pulver vermischt, von welchem der als Patronenfüllung verwerthbare Staub abgesiebt wird. Oder

4) die Cellulose wird verkohlt, fein gepulvert, in concentrirter Salpeterlösung gekocht, nach Zusatz von Soda rasch getrocknet und mit Nitroglycerin oder nach 1, 2 oder 3 dargestelltem Dualin vermischt.

5) Zur Darstellung von Nitrostärke, als Bestandtheil des Dualins, wird

a. Stärke vollständig getrocknet, bis sie eine gelblich-braune Farbe annimmt, dann fein gepulvert und mit wasserfreiem Glycerin gemengt. Die Masse wird dann langsam in ihre zehnfache Menge eines Gemisches von Salpetersäure von 48° Baumé und Schwefelsäure von 66° Baumé unter höchst sorgfältigem Umrühren und Abkühlen gebracht; das Umrühren wird eine halbe Stunde lang fortgesetzt und die Masse in ein Wasserbad gebracht, wiederholt mit reinem Wasser ausgewaschen, hierauf in Sodalauge, dann in ein anderes Wasserbad gebracht und endlich durch Erwärmen mittelst heißen Wassers und Behandeln mit concentrirter Schwefelsäure und Chlorcalcium wasserfrei gemacht. Darauf wird sie durch ein feines Sieb gegeben und mit getrockneter gepulverter Stärke, die mit Salpeterlösung behandelt ist, oder mit Cellulose vermischt, die wie oben angegeben präparirt ist. Oder

b. die getrocknete Stärke wird mit gepulverter Cellulose oder mit dem nach 3. erhaltenen Dualinstaub vermischt, in ein Gemenge von Salpetersäure von 48° Baumé und Schwefelsäure von 66° Baumé gebracht und wie unter a. weiter behandelt.

6) In einer dem früher Angegebenen entsprechenden Weise wird Mannit mit wasserfreiem Glycerin gemischt und mit den anderen Bestandtheilen des Dualins verbunden.

Nach dem Vorstehenden darf man wohl annehmen, daß das Dualin einfach mit Nitroglycerin getränktes Schultze'sches Pulver19) ist. (Deutsche Industriezeitung, 1870, Nr. 12.)

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Die Darstellung des Schultze'schen Schieß- und Sprengpulvers ist im polytechn. Journal, 1865, Bd. CLXXV S. 453 beschrieben.

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