Titel: Ueber das Aufstecken der doppelten Handkurbeln.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196/Miszelle 1 (S. 264–265)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/mi196mi03_1

Ueber das Aufstecken der doppelten Handkurbeln.

Die Beobachtung der vielfältigen Maschinen und Apparate, welche durch zwei auf einer Achse befestigte Handkurbeln bewegt werden, zeigt, daß die dynamischen Verhältnisse solcher Kurbelachsen bei der Construction meist entweder nicht richtig verstanden sind, oder nicht entsprechend berücksichtigt werden. Wie bei jedem Kurbelmechanismus wirkt an der Achse eine veränderliche Umfangskraft wegen der Veränderlichkeit des Hebelarmes, an welchem die Triebkraft bei den verschiedenen Kurbelpositionen angreift, und diejenige Anordnung ist selbstverständlich die richtige, welche jene Veränderlichkeit möglichst einschränkt. Man findet nun beinahe durchweg entweder die beiden Kurbeln einander gegenübergestellt oder unter einem rechten Winkel aufgesteckt. Für Beides werden Gründe angeführt. „Da der Mensch mit weniger Anstrengung drückend und schiebend arbeiten kann, als ziehend und hebend, so wird ihm die Umdrehung der |265| Kurbel an allen Stellen im Kreise nicht gleich schwer, und es ist deßhalb zweckmäßig, die beiden Kurbelhörner einander gegenüber zu stellen.“ So sagt ein bekanntes Lehrbuch der Mechanik. Sieht man nun aber zwei Arbeitern zu, welche mit einiger Anstrengung an einem der vielen so angeordneten Haspel beschäftigt sind, so erkennt man leicht, daß die Umfangskraft eine außerordentlich variable ist. Die todten Punkte fallen bei beiden Kurbeln zusammen, und erfordert die Bewegung der letzteren über die ersteren hinweg eine besondere Anstrengung, welche für die Arbeitsleistung ebenso nachtheilig ist, als die in der Mitte zwischen den todten Punkten eintretende verhältnißmäßig große Geschwindigkeit. Aus diesem Grunde werden vielfach die Kurbeln um einen rechten Winkel versetzt, und thatsächlich wäre diese Anordnung die richtige, wenn die durch den Arm auf die Kurbeln ausgeübte Triebkraft eine constante wäre. Da nun aber der Arbeiter auf der einen Seite des Kurbelkreises bei gleicher Anstrengung eine größere Kraft auszuüben vermag, wie auf der anderen, und da nahezu auf dieselbe Seite die Mitwirkung des Gewichtes der bewegten Körpertheile und der Kurbeln fällt, so befinden sich je während einer bestimmten Zeit beide Kurbeln bald auf der günstigen, bald auf der ungünstigen Seite. Während also bei der Gegenüberstellung der Kurbeln die Bewegung während einer Umdrehung in zwei ungefähr gleiche Perioden getheilt wird, so hat man bei der Aufsteckung unter 90º für den gleichen Weg eine einzige Periode, in welcher zwar die Differenzen der größten und kleinsten Umfangskraft kleiner sind, die aber ihrer größeren Länge wegen für die Arbeiter noch unbequemer werden kann, wie jene beiden Perioden. Da wir also einerseits auf beiden Seiten des Kurbelkreises sehr verschiedene Triebkräfte haben, da aber andererseits die todten Punkte der beiden Kurbeln nicht zusammenfallen dürfen, so leuchtet ein, daß der vortheilhafteste Aufsteckungswinkel zwischen 99º und 180º liegen muß, und daß man denselben so zu wählen hat, daß stets die ungünstigste Position der einen Kurbel mit der günstigsten Position der anderen Kurbel zusammenfalle. Eine Untersuchung in dieser Richtung ergibt, daß ein Winkel von 120º dieser Bedingung entspricht. Da es die Herstellung nicht im mindesten erschwert, die Kurbeln unter 120º aufzustecken, da aber dadurch die Arbeitsleistung eines zweimännigen Haspels erhöht wird, so ist die Thatsache verwunderlich, daß man ganz allgemein keinem Gebrauch davon macht, sondern die Kurbeln meist einander gegenüberstellt. Bei andauernd in Bewegung stehenden Haspeln ist die durch richtige Aufsteckung zu erzielende Verbesserung gewiß als eine wesentliche und sehr beachtenswerthe zu bezeichnen. C. Linde. (Bayerisches Industrie- und Gewerbeblatt, 1870 S. 60.)

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