Titel: Das der Kälte ausgesetzt gewesene Zinn in St. Petersburg; von Paul Lewald.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196/Miszelle 3 (S. 368–369)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/mi196mi04_3
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Das der Kälte ausgesetzt gewesene Zinn in St. Petersburg; von Paul Lewald.

Es ist schon zu wiederholtenmalen das eigenthümliche Verhalten von Bancazinn, welches dasselbe in einem St. Petersburger Magazin bei großer Kälte gezeigt hatte, in öffentlichen Blättern besprochen worden. Prof. Fritzsche in St. Petersburg hat sich mit der Sache eingehend befaßt und es ist viel darüber geschrieben worden, ohne daß nach meiner Meinung das Richtige getroffen worden wäre.

Bald nachdem das Phänomen durch Prof. Fritzsche in die Oeffentlichkeit gebracht worden war,101) erhielt ich ein Stück von dem Petersburger Zinn. Dasselbe unterschied sich von ächtem Bancazinn in nichts als in der durch die Kälte verursachten Structur-Veränderung.

Es ist nun nicht richtig zu sagen, Zinn hat die Eigenschaft bei circa – 35° Cels. seine Structur zu ändern und zu zerfallen, sondern bloß Zinn, welches in Blockformen gegossen, zeigt dieses Verhalten. Um diese Behauptung zu belegen, muß ich etwas weiter ausholen.

Zinn kommt hauptsächlich in Blöcken von circa 250 Kubikzoll in den Handel. Gießt man einen solchen Block in eine eiserne Form, so erstarrt das Zinn derart, daß die Oberfläche des Zinnes einsinkt und rissig wird. Unter dieser eingesunkenen Oberfläche befinden sich mehr oder minder große Hohlräume, die bis 40 Kubikzoll betragen können. Die Größe dieser Hohlräume richtet sich nach der Temperatur des Zinnes beim Ausgießen. Je höher dieselbe ist, desto größer werden die Hohlräume. Der Grund dieses Verhaltens ist folgender: nur in der Mitte, wo die Masse am längsten flüssig bleibt, kann das Zinn seinem Bestreben zu schwinden folgen; an den Seiten, in den Ecken, am Boden und an der Oberfläche geht die Erstarrung mehr oder minder rasch vor sich, es schwindet daher an der Oberfläche etwas, an den Ecken, dem Boden und an den Seiten gar nicht. Die Zinnkrystalle befinden sich hierdurch in einem Zustande der Spannung, und noch Stunden lang kann man manchmal einen Block, nachdem er gegossen, während des Erkaltens hin und wieder klingen hören. Dieses Klingen ist hervorgerufen durch das Zerspringen einzelner Krystalle bei zunehmender Abkühlung. Es muß daher einen Temperaturgrad geben, bei dem die Spannung der Krystalle einen solchen Grad erreicht, daß sie zum Zerfallen der Blöcke führt. Die im Handel vorkommenden Blöcke zeigen nun auf der Oberfläche nicht die oben beschriebene Einsenkung. Die Blöcke würden nicht hübsch aussehen, und deßhalb gießt man zuerst die Form nur etwas über halb, und nachdem das hineingegossene Zinn erstarrt ist, ganz voll. Es wird durch diese Verfahrungsart die innere Spannung noch vermehrt, da ja durch dieselbe auch die Zinnkrystalle der Oberfläche am Schwinden verhindert werden und eine höhere Spannung erhalten.

Das Petersburger Zinn stand in Haufen aufgesetzt, das Zinn sing an, Töne von sich zu geben und zerfiel. Es hatten bei dieser Art der Aufstapelung die unteren Blöcke nicht allein die Spannung in ihrem Inneren, sondern auch den Druck der auf ihnen lastenden Blöcke auszuhalten und das Resultat wurde hierdurch noch beschleunigt.

Das Verhalten des Zinnes in Petersburg wurde also in erster Linie hervorgerufen durch die Form und die Art der Fabrication und nicht durch die physikalischen Eigenschaften der Materie.

Wer sich hiervon überzeugen will, der gieße sich eine Zinnstange von circa 1 Quadratzoll Querschnitt, lasse dieselbe einmal durch ein Vorkaliber eines Rundeisen-Walzwerkes gehen, schneide dann sich ein beliebiges Stück ab, setze dasselbe einer Kälte von – 40° Cels. und darüber aus, und das Zinn wird nicht zerfallen. (Das Ausland, 1870 S. 71.)

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Polytechn. Journal Bd. CXCI S. 171 und Bd. CXCV S. 92.

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