Titel: Ueber Gewinnung von Schwefel aus Leuchtgas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196/Miszelle 7 (S. 371–372)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/mi196mi04_7
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Ueber Gewinnung von Schwefel aus Leuchtgas.

Bekanntlich rührt der in den Steinkohlen enthaltene Schwefel theils von den Pflanzen her, denen sie ihren Ursprung verdanken, theils gehört er den Schwefelkiesen an, welche beim Bildungsprocesse der Steinkohlen durch Reduction von schwefelsaurem Eisenoxydul in denselben entstanden sind. Der erstere ist also primären, der zweite, dessen Menge wohl größer als die des ersteren ist, secundären Ursprunges.

Im Leuchtgase findet sich der Schwefel der Hauptmasse nach als Schwefelammonium, dann als Schwefelkohlenstoff, Schwefelcyanammonium und wohl noch in Form anderer Verbindungen.

Zur Reinigung desselben bedient man sich gegenwärtig allgemein der Laming'schen Masse, welche nach der gewöhnlichen Bereitung ein Gemenge von Eisenoxydhydrat, Kalk, Gyps und Sägespänen ist. Bekanntlich wirkt eine frische Masse weit weniger auf das zu reinigende Gas als eine Masse welche, indem man sie befeuchtet der Einwirkung der Luft längere Zeit ausgesetzt hat, wieder belebt wurde. Hierbei wird das bei der Entschwefelung des Gases gebildete Schwefeleisen (Fe² S³) unter Abscheidung des Schwefels wieder in Eisenoxyd verwandelt, während dieses von dem in der Masse enthaltenen Schwefelammonium unter Abscheidung von Ammoniak wieder geschwefelt wird u.s.f. Daß die bereits mehrmal gebrauchte, also viel Schwefel enthaltende Laming'sche Masse kein Ammoniak abgibt wenn Leuchtgas, wohl aber wenn atmosphärische Luft darüber geleitet wird, erklärt sich daraus, daß der feuchte Schwefel auch das Schwefelammonium zurückhält, indem er damit höhere Schwefelverbindungen bildet. Der Schwefelgehalt der Laming'schen Masse ist also ebenso wichtig, wie das Eisenoxydhydrat, indem der erstere das Gas vom Ammoniak, das letztere es von dem Schwefel befreit, der sich dann als solcher in der Masse findet. Theoretisch betrachtet, sollte dieselbe Masse fort und fort gebraucht werden können, wenn sie abwechselnd der Einwirkung des rohen Leuchtgases und dann wieder der Luft ausgesetzt wurde. Die Erfahrung zeigt aber, daß dieselbe nur 30 bis 40mal gebraucht werden kann, weil durch die große Menge Schwefel, ungefähr 50 Procent, welche sich dann darin gesammelt hat, die Einwirkung der Luft auf das Schwefeleisen zu sehr gehindert wird. Schneider hat aber nun ein sinnreiches Mittel angegeben, die unwirksam gewordene Masse beliebig oft wiederzubeleben, indem er ihr Eisenfeile (die Hälfte ihres Gewichtes) zusetzt und dieselbe befeuchtet, unter öfterer Erneuerung der Oberfläche, längere Zeit der Luft überläßt, wobei zuerst Schwefeleisen gebildet, dieses aber dann wieder unter Abscheidung des Schwefels in Eisenoxyd umgewandelt wird. Hierdurch verliert allerdings der Eisenvitriol in der Folge seine Bedeutung für die Gasfabrication, es ist aber doch noch die Frage, ob bei sehr großen Etablissements die Aufbringung der nöthigen Menge von Eisenfeile nicht kostspieliger werden dürfte, als die erneuerte Anwendung von Eisenvitriol.

Wie dem auch sey, so kommt doch der in der Masse abgeschiedene Schwefel der Industrie wieder zu Gute, indem er entweder a) mit Schwefelkohlenstoff ausgezogen werden kann, oder b) indem man die Masse im Schwefelofen zu schwefliger Säure verbrennt, wobei man aus einer Tonne derselben 1 1/4 Tonnen Schwefelsäurehydrat erhält.

Im Jahre 1861 wurden in London bereits nahe 2300 Tonnen dieser Masse auf Schwefelsäure verarbeitet. Da gute Kohle im Durchschnitt 1 Proc. Schwefel enthält und in London im Jahre 1861 zur Erzeugung von Leuchtgas 1,100,000 Tonnen Steinkohlen verwendet wurden, welche Angabe wohl noch zu gering ist, so liefert diese Menge Kohle mindestens 11,000 Tonnen Schwefel, von dem ein bedeutender Theil als Schwefelsäure gewonnen werden kann.

Auf die letzte Welt-Ausstellung zu Paris hatten unter anderen die Compagnie Parisienne d'éclairage und die Gas-products utilising Company in London direct aus der Laming'schen Masse gewonnenen Schwefel geliefert. (Dr. Schrötter's Bericht über die chemischen Producte im österreichischen officiellen Ausstellungs-Bericht.)

E. Pelouze empfahl im vorigen Jahre, die Löslichkeit des Schwefels in den Steinkohlentheerölen zur Extraction der Laming'schen Masse zu benutzen; man s. polytechn. Journal Bd. CXCIII S. 152 und 513.

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