Titel: Ueber einen durch Anilindämpfe veranlaßten Vergiftungsfall; von Armand Dollfuß.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196/Miszelle 11 (S. 483–484)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/mi196mi05_11

Ueber einen durch Anilindämpfe veranlaßten Vergiftungsfall; von Armand Dollfuß.

Die Mülhauser Industriegesellschaft erhielt von den HHrn. Speckel und Dietz, Färber in Illzach, ein Schreiben über eine Vergiftung durch Anilindämpfe, welche bei einem ihrer Arbeiter und dessen jungen Gehülfen vorkam. Diesem Schreiben war ein ausführlicher Bericht von Dr. Hahn über die in diesem Falle beobachteten Symptome und über die von ihm befolgte Behandlung der Krankheit beigelegt.

Das von den genannten Färbern angewandte Gemisch bestand in Anilin, Weinsteinsäure, Salzsäure, Schwefelkupfer, chlorsaurem Kali, Salmiak und heißem Wasser. In dasselbe wird die Baumwolle behufs des Schwarzfärbens getaucht und von Zeit zu Zeit werden die Strähne darin mit den Händen behandelt. Nach beiläufig anderthalb Stunden fühlte sich der Arbeiter und sein Gehülfe durch die Dämpfe welche sich aus dem Bade entwickelten, sehr belästigt. Ich will vorerst bemerken, daß ein solches Gemisch Chlor entwickeln muß; ferner daß vielleicht das angewandte Anilin nicht rein genug war, denn ich weiß daß die Färber für das Schwarz oft das Anilin verwenden welches bei der Fuchsinfabrication destillirt und beträchtliche Mengen von Arsenik enthält. Es ist möglich, daß sich im vorliegenden Falle außer dem Chlor noch Arsenchlorid und wahrscheinlich auch chlorirte Anilinderivate entwickeln. Nach den von mir eingezogenen Erkundigungen sind die Dämpfe von reinem Anilin der Gesundheit nur wenig schädlich, und die Unfälle welche in den Anilinfabriken vorkamen, sind auf die Sorglosigkeit der Fabrikanten oder die Unklugheit der Arbeiter zurückzuführen. Dieß gilt vielleicht nicht in gleichem Grade für die Dämpfe welche sich aus dem zum Drucken von Anilinschwarz angewandten Farben beim Kochen derselben entwickeln, oder aus den zum Schwarzfärben dienenden Bädern.

Die Vorsichtsmaßregeln welche beim Manipuliren von Anilin oder den Gemischen in welche es eingeführt wird, zu ergreifen sind, beschränken sich darauf, daß man es vermeidet deren Dämpfe einzuathmen. Hierzu genügt es an freier Luft zu arbeiten oder, wenn dieß nicht möglich ist, das Local gut zu lüften worin man diesen Ausdünstungen ausgesetzt ist.

Wenn der Arbeiter sich belästigt fühlt, muß man ihn sofort an die freie Luft bringen. Sollten andere Unpäßlichkeiten hinzukommen, so muß man ihn rasch einer |484| kräftigen Behandlung unterziehen. In dem Falle welcher den Gegenstand dieses Berichtes bildet, bestanden die Symptome in einer allgemeinen Schwäche ähnlich einer starken Trunkenheit, heftigem Kopfweh, behindertem Athmen, Erkalten der Extremitäten und einer veilchenblauen Färbung der Haut. Man bekämpfte diese Unfälle, indem man dem Kranken ein Brechmittel gab und ihn wieder erwärmte durch Reibungen mit schwach ammoniakalischem Wasser, Einhüllen in wollene Decken und Trinkenlassen von sehr heißem schwarzen Kaffee mit Zusatz einer alkoholischen Flüssigkeit.

Ich will noch bemerken, daß die Wirkung des Anilins weit übertroffen wird von derjenigen des Körpers welcher zu seiner Darstellung dient, von dem Nitrobenzin, welches in gewisser Menge in Form von Dämpfen in die Lungen eingeführt, schon den Tod mehrerer Personen verursacht hat und folglich mit Vorsicht manipulirt werden muß. Diese Flüssigkeit, von welcher die Parfümerie sehr viel consumirt, dient als Ersatz des Bittermandelöles, dessen Geruch sie hat, aber auch, obgleich in geringerem Grade, die giftigen Eigenschaften. Man muß es daher vermeiden, ein Anilin anzuwenden welches eine gewisse Menge Nitrobenzin zurückhält, was manchmal bei dem käuflichen Anilin der Fall ist. (Bulletin de la Société industrielle de Mulhouse, t. XL p. 206; April 1870.)

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