Titel: Vétillart, über Unterscheidung der pflanzlichen Gespinnstfasern.
Autor: Vétillart,
Fundstelle: 1870, Band 197, Nr. XIX. (S. 77–81)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/ar197019

XIX. Untersuchungen über die in der Industrie verwendeten Pflanzenfasern; von Vétillart.

Aus den Comptes rendus, t. LXX p. 1116; Mai 1870.

Hr. Marcel Vétillart, im westlichen Frankreich durch eine der bedeutendsten und technisch bestgeleiteten Bleichanstalten für Gewebe bekannt, hat der (französischen) Akademie eine Abhandlung eingereicht, deren Zweck ist, die Erkennung und Unterscheidung der verschiedenen in der heutigen französischen und ausländischen Industrie verwendeten Gespinnstfasern durch genau bestimmte Charaktere zu ermöglichen. Es sind deren sechs: der Flachs, der Hanf, die Baumwolle, die Jute (Corchorus capsularis), das Chinagras (Urtica oder Bochmeria nivea. und heterophylla) und der Neuseelandflachs (Phormium tenax).

Die Akademie hat die HHrn. Decaisne, Dupuy de Lôme und Chevreul mit der Prüfung von Vétillart's Arbeit beauftragt, welche über das Resultat derselben folgenden Bericht erstatteten.

Hr. Vétillart überzeugte die Commissionsmitglieder von der Richtigkeit seiner Beobachtungen und Versuche, indem er sie in Stand setzte, die bei denselben erhaltenen Resultate mit sehr gut ausgeführten, von ihm selbst gezeichneten und illuminirten, dem Text seiner Abhandlung beigegebenen Abbildungen zu vergleichen.

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Die Bestimmung der specifischen Natur der von Vétillart untersuchten sechs Gespinnstfasern beruht auf der mikroskopischen Beobachtung und auf der Färbung welche sie durch die Wirkung des Jods unter dem Einfluß von wässeriger oder mit Glycerin verdünnter Schwefelsäure annehmen.

Die Faser wird sowohl in der Richtung ihrer Länge, als auch auf dem senkrecht zu ihrer Achse gemachten Schnitt beobachtet.

Die von dem gehechelten Rohstoff, von einem Garn, einer Schnur oder einem Gewebe herrührende Faser bietet drei Fälle dar: sie ist entweder noch roh, oder bereits appretirt oder endlich schon gefärbt.

Die rohe Faser muß behufs der Untersuchung eine halbe Stunde lang in eine schwache Lösung von kohlensaurem Natron (Soda) eingeweicht und dann ausgewaschen werden.

Appretirte Faser wird mit kochendem destillirten oder schwach alkalischem Wasser behandelt.

Ist endlich die zu untersuchende Faser schon gefärbt, so muß man sie so gut als möglich entfärben.

Man nimmt Faserbündel von 6 bis 8 Centim. Länge, zieht einige Fasern aus denselben heraus und trennt sie von einander, indem man sie gerade zieht; haben sie durch Spinnen bereits eine Drehung erlitten, so muß man sie aufdrehen und einige von ihnen der Länge nach auf den Objectträger des Mikroskopes bringen, worauf man sie, damit sie durchsichtig werden, mit einer geeigneten Flüssigkeit, z.B. mit Glycerin, Chlorcalciumlösung etc. tränkt und mit einem gläsernen Deckplättchen bedeckt.

Die Jodlösung erhält man durch Auflösen von 1 Th. Jodkalium in 100 Th. destillirtem Wasser und Zusatz von Jod zur Flüssigkeit.

Von dieser Lösung bringt man einen großen Tropfen auf den Objectträger und legt einige Fasern hinein; nach einigen Minuten nimmt man den Ueberschuß der Flüssigkeit mit Fließpapier weg, legt ein Deckgläschen auf die Fasern und bringt an die eine Seite dieses Gläschens einige Tropfen von concentrirter vorher mit Wasser oder Glycerin verdünnter Schwefelsäure und beseitigt den an der anderen Seite hervortretenden Ueberschuß derselben gleichfalls mittelst Löschpapier. In dieser Weise muß alles überschüssige Jod entfernt werden.

Um das Innere der Faser, nachdem dasselbe durch einen zu ihrer Achse rechtwinkelig geführten Schnitt bloßgelegt worden, beobachten zu können, nimmt man ein Faserbündel von 3 Centimet. Länge und der Dicke einer Gänsefeder, bindet dasselbe mit einem Faden in der Mitte zusammen und taucht dann das eine Ende in eine Klebflüssigkeit, deren

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Hanf.

A. Die Fasern des Hanfes hängen fest zusammen und jede ist mit einer dünnen Rinde umgeben, welche durch Iod nicht blau, sondern gelb gefärbt wird.

Sie haben beiläufig die Länge der Flachsfasern, aber ihr Durchmesser ist verschieden, sie sind dicker und nicht so glatt wie die Flachsfasern.

Ihre Enden sind dick und kurz, spateiförmig.

Durch Jod und Schwefelsäure werden sie blau oder grünlichblau gefärbt.

B. Die Querschnitte weichen von denen des Flachses sehr bedeutend ab. Die Fäserchen erscheinen wie in einander gewirrt und sie haften sehr fest aneinander.

Jedes Fäserchen färbt sich auf Zusatz des Reagens in der Nähe seines Randes gelb, in den übrigen Theilen blau; eine gelbe Färbung in der Mitte zeigt sich nicht.

Das starke Anhaften der Fasern, ihr ungleicher Durchmesser und die Rauhigkeit ihrer Oberfläche verhindern das Verspinnen des Hanfes zu hohen Nummern.

Baumwolle.

A. Die Fasern sind stets isolirt, um sich selbst gewunden, in Bändern mit geschlängelten, in der Mitte gefalteten Längenrändern.

Die Enden der Fasern sind breit; in der Mitte sind die Fasern mit einem Canal versehen.

Durch Jod und Schwefelsäure werden sie blau gefärbt.

Die Fasern der langstapeligen Baumwolle sind 25 bis 40 Millimet., die der kurzstapeligen 10 bis 20 Millimet. lang.

B. Die Querschnitte, welche gleichfalls stets vereinzelt erscheinen, sind nierenförmig abgerundet.

Mit Jod und Schwefelsäure behandelt, färben sie sich blau, mit gelben Flecken innen und außen.

Jute.

A. Fasern stark an einander haftend, mit geschlängelten Rädern, schwierig von einander zu trennen, 1,5 bis 5 Millimet. lang.

Sie sind mit einem weiten und ungleichen, leeren centralen Canal versehen.

An den Enden erscheinen sie platt und zugerundet.

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Durch Jod und Schwefelsäure werden sie mehr oder weniger tief gelb gefärbt.

B. Die Querschnitte haften stark aneinander. Sie bilden geradlinig begrenzte Polygone, denen des Flachses ähnlich, doch ist deren centrale Höhlung breiter; die Ränder jedes Polygons färben sich auf Zusatz des Reagens gelb und dunkelgelb.

Sehr weiße Jute wird durch Jod und Schwefelsäure schmutzig- oder grünlichblau gefärbt.

Bei Einwirkung von Feuchtigkeit trennen sich die Fasern der Jute von einander, daher die aus dieser Substanz angefertigten Schnüre, Stricke etc. der Nässe nicht ausgesetzt werden dürfen, indem sie sonst von selbst zerreißen; dadurch aber wird die Verwendung dieses Materiales eingeschränkt. Auch verträgt die Jute die Behandlung mit Alkalilaugen nicht.

Chinagras.

A. Längsfasern isolirt, von wandelbarer Dicke, zuweilen sehr breit; der innere Canal oft mit gelber körniger, der Färbung fähiger Substanz erfüllt; die Fasern sind oft schräg gestreift; sie sind 5 bis 12 Centimet. lang, wogegen die Fasern des Hanfes selten 6 Centimet. überschreiten.

Durch Jod und Schwefelsäure werden sie blau gefärbt.

B. Querschnitte sehr unregelmäßig, einspringende Winkel zeigend, nur schwach einander anhaftend; centrale Höhlung sehr weit; der Inhalt derselben färbt sich durch das Reagens braungelb.

Uebrigens sind die Querschnitte dieser Faser größer als die aller anderen, hier in Betrachtung gezogenen, sie erinnern an die der Hanffaser und werden durch das Reagens blau gefärbt.

Das Gemenge von Chinagras mit Baumwolle ist nicht vortheilhaft zu verwenden.

Neuseelandflachs.

A. Gefäßbündel der Blätter leicht zu zertheilen und mittelst der Präparirnadel in sehr feine und regelmäßige Fäserchen zu trennen, welche straff, 5 bis 12 Millimet. lang und mit einem centralen Canal von regelmäßiger Weite versehen sind. Längsränder der Fasern geschlängelt.

Die feinen Enden der Fäserchen werden allmählich immer dünner.

Die Faser färbt sich auf Zusatz des Reagens gelb und zwar um so weniger dunkel, je weißer sie ist.

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B. Die Querschnitte sind denen der Jute ähnlich, die Ecken der Polygone erscheinen aber abgerundet.

Höhlung weit und zugerundet.

Die Fäserchen werden durch Jod und Schwefelsäure gelb gefärbt.

Der Neuseelandflachs widersteht, wie die Jute, der Nässe sowie der Einwirkung alkalischer Laugen nicht.

Unter dem Einfluß des von Hrn. Vétillart angewandten Reagens, Jod und Schwefelsäure, färbt sich die reine Holzfaser violettblau, während ein in Form einer dünnen Membran oder feiner Körner in der holzigen Gespinnstfaser enthaltener Bestandtheil sich durch dasselbe Reagens gelb färbt. Ist dieser Bestandtheil etwa Pectose?

Dem Wunsche der Commission entsprechend, dehnte Hr. Vétillart seine Untersuchungen auf eine sehr große Anzahl von Pflanzenarten aus und benutzte dazu nicht nur die Sammlungen des Museums, sondern auch die des Conservatoriums der Künste und Gewerbe (in Paris); überdieß wurde ihm bei einer Reise nach England von Hrn. Oliver, Conservator der Herbarien zu Kew, eine große Anzahl von Gespinnstfaser-Sorten von vollkommen bekanntem Ursprunge zur Verfügung gestellt. Am 1. Januar dieses Jahres war Hr. Vétillart durch seine Untersuchungen zu folgenden Schlüssen gelangt:

Durch die aufeinander folgende Behandlung mit Jodlösung und mit Schwefelsäure, welche mit Wasser und Glycerin gehörig verdünnt ist, werden

gelb gefärbt die spinnbaren Fasern blau oder violett gefärbt die
von: spinnbaren Fasern von:
a) Monocotyledonen: a) Monocotyledonen:
Musaceen, Liliaceen, Palmen, Pandaneen, Gramineen, Bromeliaceen.
Amaryllideen, Aroideen, Typhaceen u.s.w.
b) Dicotyledonen: b) Dicotyledonen:
Malvaceen, Liliaceen, Thymeleen, Cordiaceen, Lineeen, Cannabineen, Urticeen, Leguminosen,
Büttneriaceen, Saliceen, Compositen, Moreen, Asclepiadeen, Polygaleen,
Annonaceen, Myrtaceen, Bombaceen u.s.f. Cinchonaceen, Lecythideen, Artocarpeen,
Apocyneen, Baringtoniaceen u.a.m.

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