Titel: Ueber den Einfluß der Nähmaschinen auf die Gesundheit der Arbeiterinnen; von E. Decaisne.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 197/Miszelle 5 (S. 89–90)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/mi197mi01_5

Ueber den Einfluß der Nähmaschinen auf die Gesundheit der Arbeiterinnen; von E. Decaisne.

Aus meinen Beobachtungen, welche an 661 mit den Nähmaschinen arbeitenden weiblichen Individuen angestellt wurden, glaube ich nachstehende Folgerungen ziehen zu dürfen:

1) Die Wirkungen des Arbeitens mit der Nähmaschine auf das locomotorische System unterscheiden sich in Nichts von denen, welche durch jede übermäßige Muskelarbeit hervorgebracht werden, die hauptsächlich gewisse Glieder mit Ausschluß gewisser anderer beschäftigt. Die mehrfach hervorgehobenen Schmerzen in den Muskeln |90| der Lenden- und Kreuzgegend, die Krümmung der Schenkel etc., zeigen sich nämlich nicht bei den Frauen welche täglich nur drei bis vier Stunden an der Maschine beschäftigt sind, und verschwinden bei denen welche länger arbeiten, gewöhnlich nach Verlauf einer gewissen Zeit.

2) Wenn ich auch zugebe, daß durch übermäßige körperliche Arbeit bei dem weiblichen Geschlechte Störungen in den Functionen des Magens veranlaßt werden können und müssen, so ist es mir doch unmöglich, die Nähmaschine als Ursache jener Verdauungsstörungen anzuklagen, welche wir in Paris bei sechzehn von zwanzig Arbeiterinnen jeder Classe antreffen.

3) Vergleicht man, wie ich es gethan habe, den Zustand der Athmungsorgane bei den mit der Maschine und bei den mit der Nadel arbeitenden Näherinnen, so findet man daß gewisse Affectionen der Respirationsorgane, z.B. Dyspnöe (Schwerathmen) bei allen Arbeiterinnen ohne Unterschied in gleichem Verhältniß auftreten.

4) Es ist auch behauptet worden, daß das von der Maschine verursachte Geräusch auf das Nervensystem wirke. Wenn es auch nicht in Abrede zu stellen seyn dürfte, daß dasselbe anfangs ein gewisses Uebelbefinden hervorruft, so ist es andererseits, nach dem Geständniß aller von mir über diesen Punkt befragten Arbeiterinnen, ebenso wahr, daß sie sich sehr schnell daran gewöhnen und daß dasselbe für die Gesundheit gar nicht nachtheilig ist.

5) Ohne die positive Behauptung aufstellen zu wollen, daß die Nähmaschine gewissen unseligen Erregungen fremd sey, bin ich doch zu der Ansicht gekommen, daß die über diesen Punkt veröffentlichten Beobachtungen und der Schluß welchen man im Allgemeinen aus denselben hat ziehen wollen, ohne allen Werth sind. Auch hier ist, wie ich in meiner der (französischen) Akademie eingereichten Abhandlung nachgewiesen habe, das Uebel selten durch die Nähmaschine herbeigeführt worden und fast immer habe ich in früheren Gewohnheiten, in der moralischen Verderbniß oder in besonderen physischen Störungen den Grund der Erregungen gefunden, auf welche ich anspiele.

6) Eine streng durchgeführte Untersuchung hat mir bewiesen, daß die an der Nähmaschine beschäftigten Arbeiterinnen unter sonst gleichen Verhältnissen keineswegs, wie man behauptet hat, mehr als die anderen Arbeiterinnen an Mutterblutfluß, an Fehlgeburten, an Darmfellentzündung oder an weißem Flusse leiden, und daß die Fälle auf welche man sich in dieser Hinsicht beruft, nur einfache Coincidenzen und Folge einer die Kräfte des Weibes übersteigenden Arbeit sind.

7) Wenn es übrigens erwiesen wäre, daß gewisse der Nähmaschine gemachte Vorwürfe in einigen Fällen wirklich Grund haben, so müssen dieselben vor der allgemeiner gewordenen Anwendung des Dampfes als Betriebskraft und der seit einigen Jahren sowohl für die Werkstätten als auch für die Privatzimmer der Näherinnen erfundenen Motoren, deren Preis von Tag zu Tag ein mäßigerer wird, von selbst fallen.

Hinsichtlich der Nähmaschinen für welche man die Frau als Motor beibehält, müssen die mit isochronisch wirkenden Tretvorrichtungen versehenen denjenigen mit alternirend wirkenden Tretvorrichtungen vorgezogen werden. Man wird dadurch die Arbeiterinnen vor jeder Erregung bewahren.

8) Ich glaube somit gezeigt zu haben, daß die Arbeit bei der von der Arbeiterin selbst getriebenen Nähmaschine, wenn sie innerhalb der gehörigen Grenze bleibt und nicht, wie es leider nur zu oft geschieht, übertrieben wird, für die Gesundheit nicht schädlicher ist als die Arbeit mit der Nadel. Den Beweis dafür liefert die Thatsache, daß es mir unmöglich war, bei 28 weiblichen Individuen zwischen dem achtzehnten und vierzigsten Lebensjahre, welche täglich drei bis vier Stunden arbeiteten, irgend eine Wirkung zu constatiren, welche der Nähmaschine hätte zugeschrieben werden können, (Comptes rendus, t. LXX p. 1096; Mai 1870.)

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