Titel: Die Bessemerstahl-Fabricate bezüglich sicherer Bruchfestigkeit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 197/Miszelle 6 (S. 90–92)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/mi197mi01_6

Die Bessemerstahl-Fabricate bezüglich sicherer Bruchfestigkeit.

Die Verbesserung des Bessemer-Verfahrens ist schon seit mehreren Jahren in mannichfacher Weise angestrebt worden. So sind viele Versuche gemacht worden, um das Roheisen schon durch entsprechende Behandlung im Hohofen für den Bessemerproceß |91| geeigneter zu machen: es sind mancherlei Beimischungen versucht worden, um den Einfluß des gerade bei dem Bessemerproceß so sehr schädlich auftretenden Phosphorgehaltes des Roheisens zu neutralisiren; auf Anregung namentlich von Tunner ist versucht worden, vermittelst Beobachtung der Spectral-Erscheinungen die Vorgänge bei dem Bessemerproceß zu ergründen und zu regeln; ein besonderer Fortschritt ist der Einführung der Schlackenproben (ähnlich dem Probiren bei dem alten Rohstahl-Frischproceß) zu verdanken, die zur Zeit wohl auf den meisten Werken Anwendung finden: in Oesterreich ist man sogar so weit gegangen, vor dem Ausgießen des Converters eine Schöpfprobe zu nehmen, um je nach dem gefundenen Grade der Härte und Reinheit des Stahles eventuell den Proceß weiter fort zu führen oder noch geeignete Zusätze zu machen.

Auch in der Verarbeitung des Bessemerstahles hat man sich nach allen Richtungen bemüht, z. B. durch langsames, egales Anwärmen der Blöcke und ebenso langsames Erkalten der fertig gewalzten oder geschmiedeten Stücke der Neigung zur Sprödigkeit entgegen zu arbeiten. Und doch haben alle diese Versuche und Verbesserungen bis zur Zeit noch nicht dahin geführt, den Fabricaten aus Bessemerstahl eine durchweg sichere Bruchfestigkeit zu geben. In dem verflossenen Winter namentlich sind – wohl unter dem Einfluß der grimmigen Kälte – Bandagen aus Bessemerstahl in sehr bedeutender Anzahl geplatzt und noch ganz vor Kurzem ist in dieser Sache das competente Urtheil eines der sachkundigsten Fachleute der Welt in wahrhaft durchschlagender Weise öffentlich abgegeben worden.

Am 21. März fand nämlich in Elberfeld bei der bergisch-märkischen Eisenbahn-Verwaltung eine Submission u. A. auf Achsen, Bandagen etc. statt. In derselben reichte der Gußstahl- und Bessemer-König, Hr. Krupp, seine Offerte lediglich auf Bandagen aus Tiegelgußstahl und aus Puddelstahl ein, mit dem Bemerken daß er die Fabrication von Bandagen aus Bessemerstahl aufgebe, weil letzteres Material nach den neueren Erfahrungen sich zu diesem Zwecke nicht eigne.

Ein solches rücksichtsloses Eingeständniß des Besitzers des ersten Stahlwerkes der Welt ist allerdings darnach angethan, die Frage auf's Neue anzuregen, inwieweit der Bessemerstahl fernerhin noch für Eisenbahnzwecke verwendet werden darf, ohne die Fahrsicherheit und damit das Leben vieler Menschen zu bedrohen.

In Amerika macht man von allerlei vorkommenden Brüchen allerdings nicht so viel Aufhebens. Wenn dort eine bedeutende Bahn in ihrem Bericht z. B. einige Hunderte von Bessemer-Schienen als gebrochen angibt, so tröstet man sich damit, daß die von England importirten gewöhnlichen Eisenschienen ebenfalls, namentlich bei Frostwetter, massenhaft entzwei gehen, und ähnlich ist es in England, wenn auch dort bei den üblichen stärkeren Profilen nicht in solchem Maaße.

Auf deutschen Bahnen dagegen wird das Brechen einer Eisenschiene z. B. mindestens als ehrenrührig für den betreffenden Fabrikanten betrachtet, während man allerdings den Bessemerschienen gegenüber bei einem solchen Vorkommniß schon eher geneigt ist, der „bekannten Eigenthümlichkeit des Materiales“ Rechnung zu tragen, obwohl an vielen Stellen aus diesem und anderen Gründen den bei weitem elastischeren und absolut sicheren Puddelstahlschienen nach wie vor der Vorzug gegeben wird. Als Material behauptet der Puddelstahl bis zur Stunde das Uebergewicht wegen seiner Bruchsicherheit. Bezüglich des Verschleißes werden thatsächliche Vergleiche erst angestellt werden können, wenn die Bessemerschienen an stark befahrenen Stellen längere Jahre gelegen haben werden. Daß der Bessemerstahl, wenn er nicht zu spröde werden und namentlich auch dem Auswalzen des Fußes der Vignole-Schiene nicht zu viele Hindernisse entgegenstellen soll, sehr weich – unhärtbar – hergestellt werden muß, ist bekannt. Dem gegenüber hat man es bei den Puddelstahlkopfschienen z. B. durch die geeignete Zusammensetzung der Packete in der Hand, den härtesten Theil an die Führfläche zu bringen, ohne im Auswalzen behindert zu seyn oder das Brechen der Schiene befürchten zu müssen.

Der einzige Nachtheil der Puddelstahlschiene besteht in der Unsicherheit der Schweißung. In dieser Hinsicht sowohl wie auch in der Auswahl des Materiales an sich mag viel gesündigt worden seyn, allein die vermehrte Concurrenz und die steigenden Anforderungen des colossal zunehmenden Bahnverkehres werden auch diesen Punkten die nöthige verschärfte Aufmerksamkeit zuwenden und die Fabrikanten dahin bringen, den in der Möglichkeit der Materialprobe liegenden großen Vortheil vor dem Bessemer-Verfahren besser auszunutzen, wie denn verschiedene Werke bereits sehr gute langjährige |92| Resultate zur Seite stehen haben. Die Frage, in welcher Art, resp. zu welchem Preise, alte Bessemerschienen in Massen zu verwerthen seyn werden, harrt noch ihrer Lösung, während hinsichtlich der Puddelstahlschienen die Antwort längst durch die Praxis in befriedigender Weise gegeben worden ist.

Für Finanzleute, die zugleich die Verschleiß-Verhältnisse der Schienen mit berücksichtigen, ist es total unverständlich, wie man bei einer Garantiezeit von mehreren Jahren, in welchen sich bei Puddelstahl- und Puddelstahlkopfschienen die etwaigen Schweißfehler zeigen und Auswechselung der schadhaften Schienen erfolgt – sich durch längere Garantiezeit der Bessemerschienen verleiten läßt, höhere Preise und Jahres-Revenüen zu zahlen – da evident der gute Puddelstahl größere Widerstandsfähigkeit und weniger Verschleiß hat als der weiche Bessemerstahl. (Zeitung des Vereines deutscher Eisenbahnverwaltungen, 1870, Nr. 17.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: