Titel: Ueber die Anwendung der Milch als Schutzmittel gegen Bleivergiftung; von Didierjean.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 197/Miszelle 9 (S. 93–94)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/mi197mi01_9

Ueber die Anwendung der Milch als Schutzmittel gegen Bleivergiftung; von Didierjean.

Mit dem Betriebe unserer Glashütte verbinden wir gleichzeitig die Fabrication der zur Erzeugung von (Blei-) Krystallglas dienenden Mennige. Früher hatten wir unter dem mit diesem Fabricationszweige beschäftigten, aus sechzehn Arbeitern bestehenden Personal fast beständig mehrere Kranke, welche in Folge von Bleivergiftung an oft sehr schwerer Kolik litten. Wir machten wiederholte Versuche, die Wirkungen des Bleies zu bekämpfen und führten zu diesem Zwecke bei unseren Arbeitern ein aus Wasser, Alkohol, Zucker und Citronensaft bestehendes, mit einer äußerst geringen Menge Schwefelsäure versetztes Getränk ein. Anfänglich genossen sie diesen sehr angenehm schmeckenden Trank sehr gern; nach mehreren Tagen waren sie aber desselben vollständig überdrüssig und nicht mehr zum Genusse desselben zu bewegen. Ich schrieb dieses Resultat stets der Gegenwart der Schwefelsäure zu, welche, obgleich wir sie in äußerst geringem Verhältniß reichten, auf den Magen wirkte. So waren wir stets genöthigt, dieses Getränk nach einigen Tagen seiner Anwendung wieder aufzugeben.

Es blieb uns daher zur Bekämpfung der verderblichen Wirkungen des Bleies nur übrig:

Erstens von Seiten unserer Arbeiter eine sehr große Reinlichkeit zu verlangen.

|94|

Mittelst dieser Maßregel bezweckten wir die Absorption durch die Haut gänzlich zu verhüten oder wenigstens beträchtlich zu vermindern, so daß eine Absorption gewissermaßen nur durch die Respiration erfolgen konnte.

Zweitens trafen wir die Einrichtung, daß jeder Arbeiter welcher acht Tage hinter einander in den zur Darstellung der Mennige benutzten Räumlichkeiten gearbeitet hatte, die nächsten acht Tage hindurch in dem Hofe der Fabrik, also an freier Luft arbeiten mußte. Zu diesem Zwecke theilten wir die Arbeiter in zwei Rotten, von denen eine jede abwechselnd acht Tage in der Mennigfabrik, und acht Tage an freier Luft zu arbeiten hatte.

Ungeachtet dieser Vorsichtsmaßregeln kamen unter unseren Arbeitern Erkrankungen an Bleikolik sehr häufig vor.

Gegen Ende des Jahres 1867 wurde meine Aufmerksamkeit auf zwei Arbeiter gelenkt, welche niemals krank gewesen waren, obgleich sie ziemlich lange der einen von den beiden mit der Darstellung der Mennige beschäftigten Rotten angehört hatten. Alle übrigen Arbeiter, ohne Ausnahme, waren mehr oder weniger von Bleivergiftung ergriffen worden.

Diese beiden Arbeiter waren im Vergleich zu ihren Cameraden verhältnißmäßig wohlhabend, sie besaßen einige Feldstücke und waren gewohnt, beinahe alle Tage von Haus eine Ration Milch mitzunehmen, welche ihnen in der Fabrik bei ihren Mahlzeiten als Getränk diente. Diese Gewohnheit, zu gewissen Tageszeiten Milch zu trinken, ist bei dem wohlhabenden Theile der Bewohner unserer Berge ziemlich verbreitet.

Diese Beobachtung brachte mich auf den Gedanken, daß vielleicht die von uns wiederholt, jedoch erfolglos angewendeten, mit Schwefelsäure versetzten Getränke mit Vortheil durch Milch ersetzt werden könnten.

Ich empfahl daher unseren Mennigarbeitern den täglichen Genuß von Milch und führte denselben vom Februar 1868 an als verbindlich ein. Jeder Arbeiter bringt alle Tage ein Liter Milch mit zur Arbeit. Der Aufseher überzeugt sich davon Morgens beim Verlesen und jeder Arbeiter erhält täglich einen Geldzuschuß für den Ankauf seiner Milch.

Die günstigen Wirkungen dieses Getränkes machten sich bei unseren Arbeitern sehr bald fühlbar und seit achtzehn Monaten haben wir in unserer Mennigfabrik nicht einen einzigen kranken Arbeiter gehabt.

Ohne behaupten zu wollen, daß die Milch ein unfehlbares Präservativ gegen alle von Bleivergiftung herrührenden schlimmen Zufälle ist, glaube ich doch, daß der regelmäßige Gebrauch dieses Getränkes eine ausgezeichnete Wirkung auf die Gesundheit der Arbeiter hat, welche mit den verschiedenen Bleiverbindungen beschäftigt sind. (Comptes rendus, t. LXX p. 1076; Mai 1870.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: