Titel: Die Färbekraft einiger Anilinfarbstoffe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 197/Miszelle 12 (S. 293)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/mi197mi03_12

Die Färbekraft einiger Anilinfarbstoffe.

Wer erinnert sich nicht an die zahlreichen Beispiele der Theilbarkeit der Materie, welche in physikalischen Vorlesungen aufgeführt zu werden pflegen, an den Reiter der sammt seinem Pferde in das Gold eines Ducaten gehüllt ist, an die zu meilenlangem Draht ausgezogene kleine Goldmünze, an die vergoldete irdene Schüssel, welche man in den Töpfereien von Staffordshire für einen Sixpence kaufen kann?

Kaum minder schlagende Illustrationen für die Theilbarkeit der Materie liefern die Anilinfarben. Das Interesse, mit dem mehrere physikalische Freunde einige hierher gehörigen Erscheinungen noch jüngst erst im Berliner Universitäts-Laboratorium betrachtet haben, veranlaßt mich die Ergebnisse mitzutheilen, welche bei verschiedenen Versuchen über die Färbekraft der Anilinfarben erhalten wurden.

Die Auflösung eines Rosanilinsalzes – da es sich hier stets um sehr verdünnte Lösungen handelt, so ist es ganz einerlei, welches Salz man anwendet – mit einige Tropfen Essigsäure enthaltendem Wasser so weit verdünnt, daß auf 1 Theil Färdesalz 1 Million Theile Flüssigkeit kommt (1 Milligramm auf 1 Liter Flüssigkeit), besitzt noch eine tief carmoisinrothe Farbe. Ein mit verdünnter Essigsäure angefeuchteter Seidebüschel wird von dieser Lösung augenblicklich schön roth gefärbt. Erhöht man den Wassergehalt bis auf 25 Millionen (1/25 Milligramm im Liter), so ist die rothe Tinte immer noch sehr deutlich und eingelegte Seide erscheint nach einer Viertelstunde lichtroth gefärbt. Verdünnt man noch weiter, so zeigt es sich, daß bei dem Verhältniß von 1 Th. Färbesalz auf 100 Millionen Theile Wasser (1/100 Milligrm. im Liter) die Grenze erreicht ist, bei welcher die Farbe noch sichtbar ist. Dünne Schichten dieser Flüssigkeit erscheinen in der That schon ganz farblos und man muß durch dickere Sichten (von etwa 1/2 Meter) hindurchsehen oder die Oberfläche der Flüssigkeit halb im durchfallenden, halb im reflectirten Lichte betrachten, um die Tinte noch deutlich wahrnehmen zu können. Interessant ist es alsdann, einen weißen Seidefaden in ein nicht allzu geringes Volum dieser nahezu farblosen Flüssigkeit einzuhängen. Nach 24 Stunden erscheint ein solcher Faden ganz deutlich und zwar ungleich tiefer gefärbt als die färbende Flüssigkeit. Angesichts dieser Erscheinung können wir nicht bezweifeln, daß sich im Schooße der scheinbar ruhenden Flüssigkeit Strömungen vollziehen, in Folge deren die gefärbten Wassermolecüle nach einander an dem ruhenden Faden vorübergeführt werden; und es deuten daher auch die hier verzeichneten Beobachtungen auf einen Bewegungszustand der Molecüle hin, zu dessen Annahme die Naturforscher auf den verschiedensten Bahnen gelangt sind.

Experimentirt man statt mit einem Rosanilinsalz mit einem der zahlreichen Farbderivate des Rosanilins, so beobachtet man ein ganz ähnliches Färbevermögen. Der Versuch wurde noch speciell mit dem Aethylviolett und dem Jodgrün angestellt. In beiden Fällen war die Färbung bis zur Verdünnung selbst von 100 Millionen noch sichtbar, und beide Lösungen fixirten auf einem Seidefaden nach längerer Zeit die betreffende Farbe schwach, aber deutlich. Die beiden letztgenannten Farbstoffe eignen sich aber für diese Grenzversuche minder gut als die Rosanilinsalze, da Violett und Grün im verdünnten Zustande der Farbe näher liegen, welche man beim Durchsehen durch beträchtliche Schichten reinen Wassers beobachtet. (Aus Prof. A. W. Hofmann's Vorlesungsversuchen in den Berichten der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin, 1870, Nr. 12.)

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