Titel: Zur Erklärung der Dampfkessel-Explosionen; von R. Wabner.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 197/Miszelle 1 (S. 377–378)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/mi197mi04_1

Zur Erklärung der Dampfkessel-Explosionen; von R. Wabner.

Man hat bisher die Möglichkeit, daß der erste Anstoß zu Explosionen von Dampfkesseln durch die in den Siederöhren und Feuercanälen eines Kessels befindlichen brennbaren Gase gegeben werden könne, ganz außer Acht gelassen. Daß bei der Verbrennung von Steinkohlen etc. explosible Gasmischungen überhaupt entstehen können, wird Niemanden zweifelhaft seyn. Hat doch gewiß schon Mancher der Leser die unangenehme Erfahrung gemacht, daß ein gewöhnlicher Stubenofen durch zu heftiges und unvorsichtiges Anfeuern mit gehörigem Krachen auseinandergetrieben werden kann. Sehr leicht bilden sich explosible Gasgemische auch in Oefen mit Gasfeuerung, z.B. bei den in Oberschlesien ziemlich verbreiteten Lipiner Gaszinköfen. Werden beim Anheizen die aus dem Gasgenerator in den Zinkofen strömenden und den letzteren erfüllenden Gase in den weiten, über dem sogenannten Gesäße befindlichen Raume unvorsichtig angezündet, so kann eine ziemlich heftige Explosion erfolgen.

Ganz auf dieselbe Weise werden sich unter Umständen auch in den Räumen unter und neben den Dampfkesseln explosible Gasgemische bilden können, welche, wenn sie sich entzünden, heftige Erschütterungen der Kesselwände und somit auch der in dem Kessel eingeschlossenen Dampf- und Wassermassen herbeiführen müssen. Ist nun die Dampfspannung im Kessel zufällig eine sehr hohe geworden und haben überdieß die Kesselwände durch längeren Betrieb viel von ihrer ursprünglichen Elasticität und Widerstandsfähigkeit eingebüßt, so erscheint ein plötzliches Zerreißen oder, je nach den Umständen, auch ein Zusammendrücken der Kesselwände hierbei durchaus nicht unerklärlich.

Die Ursache zur Bildung und Ansammlung explosibler Gasgemische in den Siederöhren und Rauchcanälen wird gewöhnlich in plötzlich eintretender Verhinderung des Abziehens der Feuergase nach der Esse zu suchen seyn. Wird bei lebhaftem Feuer und dem Vorhandenseyn einer starken Lage von Brennmaterial auf den Rosten der Rauchschieber plötzlich niedergeschoben, oder tritt auf irgend eine andere Weise, z.B. durch aus der Esse herabgefallenen Ruß, oder Einstürzen von Mauerwerk eine theilweise Absperrung der Feuerzüge vom Schornsteine ein, so wird in diesem Augenblicke eine Stauung und Ansammlung von Rauch und unverbrannten Gasen unter dem Kessel eintreten, da auf einem stark erhitzten Roste die Gasentwickelung immer noch eine zeitlang fortschreitet, auch wenn der Zug nach der Esse aufgehört hat. Auch die Flammenbildung über dem Roste hört, bei eintretender Verstopfung der Züge, natürlich sogleich auf. – Dringt nun allmählich durch Rost und Feuerthüren atmosphärische Luft ein und mischt sich mit den angesammelten Gasen, so kann sich die ganze Masse derselben plötzlich entzünden, was sowohl eine bedeutende, momentane Wärmeentwickelung, als auch eine plötzliche Luftverdünnung und somit eine heftige Erschütterung des ganzen Kessels zur Folge haben wird.

Es ist natürlich, daß nicht jede derartige Ansammlung und plötzliche Verbrennung von Feuerungsgasen eine Kesselexplosion zur Folge haben wird; offenbar gehört dazu auch noch eine relativ hohe Dampfspannung, oder ein schlechter Zustand der Kesselbleche.

Nach der angeführten Erklärungsweise ist der bei jedem Dampfkessel angebrachte (gesetzlich geforderte) Rauchschieber geradezu als ein Beförderungsmittel von Kesselexplosionen zu betrachten. Besonders gefährlich muß ein theilweises Schließen des Rauchschiebers erscheinen, da dann leicht eine momentane Ansammlung von brennbaren Gasen eintreten kann, während gleichzeitig noch atmosphärische Luft in den Feuerraum angezogen wird. – Die bei zwei, vor einigen Monaten kurz nach einander vorgekommenen Kesselexplosionen auf der comb. Hohenlohe-Steinkohlengrube bei Kattowitz beobachteten Thatsachen haben den Verfasser zu der in Vorstehendem ausgesprochenen Ansicht über die Entstehung von Kesselexplosionen geführt und ist diese Ansicht auf's Neue bestärkt worden durch einen Bericht des königl. Bauinspectors Haarmann zu Bochum über eine vor Kurzem auf der Bochumer Gußstahlhütte |378| erfolgte Kesselexplosion; die Veröffentlichung dieses Berichtes (falls sie nicht etwa schon geschehen) wäre sehr zu wünschen.

Königshütte, 7. Juli. (Berggeist, 1870, Nr. 59.)

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