Titel: Ueber das Vorkommen der Kieselerde zu Oberohe und deren Verwendung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 197/Miszelle 6 (S. 379–381)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/mi197mi04_6
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Ueber das Vorkommen der Kieselerde zu Oberohe und deren Verwendung.

Vor einigen dreißig Jahren wurde bei Oberohe im Amte Bergen (Provinz Hannover) ein Kieselerdelager entdeckt, welches erst in neuerer Zeit abgebaut und verwerthet wird.

Das Vorkommen und die Verwendung ist beschrieben in Bronn's Geschichte der Natur Bd. II S. 392, von Bergassessor Jung in der Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preußischen Staate Bd. XV S. 234, in Henneberg's Journal für Landwirthschaft, 1855 S. 492 und in verschiedenen Artikeln der Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereines von 1838 bis 1870.

Das Oberoher Kieselerdelager hat seine größte Ausdehnung von S.-W. nach N.-O. mit etwa 450 Ruthen bei einer Breite von durchschnittlich 200 Ruthen. Seine Mächtigkeit wechselt zwischen 12 und 18 Fuß; es ist an einzelnen Stellen bei 40 Fuß Teufe noch nicht durchbohrt. Ueberlagert wird dasselbe durch eine wenige Zoll bis zu acht Fuß mächtige Sandschicht. Diese, ausschließlich aus mikroskopisch kleinen Algen (Diatomeen) bestehende Kieselerde (auch die Elbe führt zahlreiche, lebende Diatomeen) ist schneeweiß, gelbweiß, grünweiß, violettweiß; sie fühlt sich bald sammetartig, bald sandig an. In frischem Zustande enthält sie meist über 30 Proc. Wasser, während sie getrocknet vollständig stäubt.

Der Grund und Boden auf dem die Kieselerde auftritt, gehört theils dem Staate, theils Privaten, und liegt etwa zwei Stunden von der Eisenbahnstation Unterlüß.

Im Laufe des letzten Jahres wurde die Ausbeutung des Kieselerdelagers bei Oberohe und die Verwendung der gewonnenen Kieselerde wesentlich ausgedehnt. Der Betrieb befindet sich gegenwärtig in den Händen von drei Unternehmern. Der Kaufmann H. W. Kasten in Hannover hat in seinem, regelmäßig geführten Tagebau, in dem die Kieselerde in vorzüglicher Reinheit und in bedeutender Mächtigkeit vorkommt, große Quantitäten gefördert, welche vorzugsweise zur Fabrication von Dynamit, Ultramarin, Wasserglas, Emaillen und Glasuren Verwendung gefunden haben. Auch wurde eine nicht unbeträchtliche Menge als Putzpulver verbraucht. Die Kaufleute Berkefeldt und Mündter in Hannover haben gleichfalls erhebliche Quantitäten gewonnen und zur Herstellung von Dynamit versandt. Der Kaufmann Jenkel in Lüneburg hat angeblich mehrere Schiffsladungen für Hamburger Rechnung nach Schottland expedirt.

Bei der Versendung der Kieselerde ist große Aufmerksamkeit erforderlich, sowohl um eine reine, als auch um eine trockene Waare zu liefern. Ein hoher Wassergehalt würde die Fracht unverhältnißmäßig vertheuern. Es wäre daher von großem Vortheile, wenn bei der Station Unterlüß, sey es von den Unternehmern, sey es von der Eisenbahnverwaltung, die entsprechenden Lagerräume hergestellt würden.

Die Kieselerde aus Diatomeenschalen wurde bisher verwandt:

1) als Düngmittel für an löslicher Kieselerde armen Boden;

2) als Polir- und Putzmittel für alle Metalle, sowohl trocken, als mit Wasser, Spiritus, Petroleum. Als Schleifmittel zum Abschleifen des Polirgrundes;

3) als schlechter Wärmeleiter zur Füllung von Eisschränken, feuerfesten Schränken u. dgl.;

4) zu leichten Ziegeln. Die Kuppel der Sophienkirche zu Konstantinopel soll aus solcher Kieselguhr von Rhodus gewölbt seyn, die auch das Material zu den „schwimmenden Steinen“ der Alten lieferte;

5) als Absorptionsmittel für Flüssigkeiten aller Art. Sie absorbirt das 3 bis 5 fache ihres eigenen Gewichtes von damit gemengtem Wasser, Oel, Nitroglycerin u.s.w.

Besonders ist hier der Dynamit zu erwähnen, der aus mit Nitroglycerin (Sprengöl) getränkter Kieselerde besteht;

6) als Füllungsmittel für Siegellack, Papier und besonders für Seifen. Eine geringe Menge genügt schon, um das Abtropfen des Siegellacks zu verhindern. Bei der Seife dient sie nicht als einfaches Mittel zur Gewichtsvermehrung, sondern vielmehr zur Erhöhung der reinigenden Wirkung der Seife beim Gebrauche;

7) als Zusatz zum Modellirthon; sie verhindert das Reißen, sowohl beim Trocknen als auch beim Brennen (Verwendung als Formsand);

8) zur Darstellung von Steinkitt. Gleiche Theile Kieselerde und Bleiglätte und 1/2 Theil zu Pulver gelöschter Kalk mit Leinölfirniß zu steifem Teige angerührt, |381| bilden eine Masse von sehr bedeutender Bindekraft, welche auch nach einiger Zeit die Härte des Sandsteines annimmt und zum Kitten von Stein, Metall und Holz sich vorzüglich eignet.

Mit geschmolzenem Harz (Colophonium) und Schwefel gemengt, bildet die Kieselerde nach dem Erkalten eine steinharte und sehr zähe Masse, welche als Kitt vielfacher Verwendung fähig ist (Verwendung als Cement, Stuck);

9) zur Thonwaarenfabrication;

10) zur Glasfabrication;

11) zu Glasuren, besonders bei Fayence-Gegenständen;

12) zur Glasmalerei und zu Emaillen (in den Rheinlanden, Frankreich, Italien [Venedig]);

13) zu Wasserglas (in der Provinz Hannover);

14) zur Smalte- und Ultramarinfabrication (am Mittel- und Niederrhein, Rheinhessen, Bayern, Provinz Hannover).

Auch wird von den oben Genannten chemisch reine Kieselerde geliefert. Der Preis schwankt je nach der Reinheit und der bezogenen Quantität zwischen 10 Sgr. und 3 Thlr. 10 Sgr. pro Ctr.

Schließlich sey noch erwähnt, daß die Kieselerde bei Oberohe so ausgedehnt vorkommt, daß an ein Erschöpfen in Jahrhunderten nicht gedacht zu werden braucht. (Berggeist, 1870, Nr. 57)

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