Titel: Anwendung der Carbolsäure als fäulnißwidriges Mittel bei der Lederbereitung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 197/Miszelle 12 (S. 462–463)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/mi197mi05_12

Anwendung der Carbolsäure als fäulnißwidriges Mittel bei der Lederbereitung.

Die Anwendung der Carbolsäure als fäulnißwidriges Mittel in den verschiedenen Branchen der Lederbereitung hat sich Baudet in Paris in allgemeinstem Umfang patentiren lassen. Durch Zusatz von einigen Tausendstel Gewichtstheilen Carbolsäure zu den in der Gerberei verwendeten Flüssigkeiten und anderen Agentien soll dem Verderben der Häute während der Verwandlung in Leder, sowie auch des fertigen Leders, z.B. der Handschuhe, vorgebeugt werden. Der ausführlichen Patentbeschreibung sey nur Folgendes entnommen.

In der Weißgerberei kommt es, besonders im Sommer während der Gewitter, vor, daß die Kleienbeize umschlägt und die darin liegenden Häute, wenn sie nicht schleunigst entfernt werden, mürbe werden, indem das Fasergewebe eine beginnende Zersetzung erleidet. Durch Zusatz von 1/4 bis 1/2 Gramm Carbolsäure auf den Liter der Kleienbrühe beugt man diesem Unfalle vor und die Häute können auch im Sommer hinreichend lange Zeit in der Beize liegen bleiben, ohne anzugehen. Sind Häute in gewöhnlicher Beize dem Verderben schon nahe gekommen, so genügt es, sie mit Wasser, welches 1 1/2 bis 2 Grm. Carbolsäure im Liter enthält, tüchtig zu bearbeiten um der Fäulniß; sofort Einhalt zu thun. Die Gefäße müssen, bei längerer Aufbewahrung, geschlossen seyn. In ähnlicher Absicht soll man der bei der französischen Weißgerberei gebräuchlichen „Nahrung“ der Häute 2/1000 bis 3/1000 Carbolsäure zusetzen, um dem zu starken Erhitzen der mit der Nahrung versehenen Häute beim Lagern derselben entgegenzuwirken und ebenso soll das getrocknete Leder vor dem Stollen mit carbolsäurehaltigem Wasser befeuchtet werden.

In der Sämischgerberei wird außerdem noch das der Haut einzuverleibende Fett mit 4/1000 bis 7/1000 Carbolsäure vermischt. – Rauchwerk wird ebenfalls mit Hülfe der Carbolsäure gegerbt; entweder taucht man die Felle in eine einprocentige Carbolsäurelösung oder man setzt sie den Dämpfen der Carbolsäure in Schwitzkästen aus; man soll hierdurch auch dem Wurmfraß des Pelzwerkes vorbeugen. – Lohgares Leder, besonders das dicke Sohlen- und Geschirrleder, ist, in Stößen aufbewahrt, zuweilen dem Verderben, wie Beschlagen, Stockigwerden, ausgesetzt. Man hat es nun, wenn es trocken geworden und geklopft werden soll, erst mit einer 4/1000 bis 8/1000 starken wässerigen Carbolsäurelösung zu imprägniren, wodurch es haltbar wird und außerdem, was ein Vortheil für den Lederfabrikanten ist, immer durch einen größeren Feuchtigkeitsgehalt ein vermehrtes Gewicht behält. – Handschuhleder wird durch Beimischung von Carbolsäure zu den verschiedenen Gerbflüssigkeiten nicht nur vor dem Stockigwerden etc. bewahrt, sondern es bleibt bei dem Trocknen auch sehr geschmeidig und weich. – Schwarzes Glacéleder wird durch die Anwendung von Carbolsäure rein glänzend, ohne fettiges Aussehen, erlangt sammetartige Weichheit und erhält selbst auf dem Seetransport oder bei anderer feuchter Aufbewahrung keine Stock- oder Schimmelflecke. – Nicht mit Carbolsäure behandelte Lederwaaren, z.B. Handschuhe, sollen auf dem Seetransport u.s.w. wenigstens in mit Carbolsäurelösung getränkten und wieder getrockneten Stoffen verpackt werden. – Auch bei der Anfertigung des Goldbronzeleders ist die Carbolsäure zu verwenden, um dem Ausschlagen (respoussage) der fertigen Leder, d. i. dem Erscheinen einer dunkelrothen oder schwarzen trüben Färbung auf der Bronzirung, vorzubeugen. In allen Fällen soll die Wirkung |463| der Carbolsäure in einer Tödtung der Fermente, Schimmelpilze und Infusorien bestehen. (Deutsche Industriezeitung, 1870, Nr. 30.)

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