Titel: Calvert, Vergleichung verschiedener antiseptisch wirkenden Substanzen.
Autor: Calvert, Frederick Crace
Fundstelle: 1871, Band 199, Nr. XX. (S. 68–71)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/ar199020

XX. Vergleichende Versuche über die Fähigkeit verschiedener Substanzen, die Zersetzung organischer Stoffe zu verhindern; von Dr. Fr. Crace Calvert.

Aus Chemical News, vol. XXII p. 281; December 1870.

Ich theile im Folgenden die Resultate meiner vor ungefähr anderthalb Jahren abgeführten Versuche über die vergleichsweise Wirkungsfähigkeit verschiedener, gewöhnlich als antiseptische oder fäulnißwidrige Mittel angewendeter Substanzen mit.

Desodorisirend (geruchzerstörend) nennt man bekanntlich eine Substanz, welche unangenehme oder schädliche Gerüche beseitigt; desinficirend eine solche, welche die Verbreitung von Ansteckung verhindert; antiseptisch |69| endlich ist ein Körper, welcher verhütet daß die Substanz, mit welcher er in Berührung ist, in Gährung oder Fäulniß übergeht. Beispiele von desodorisirenden Mitteln sind Manganchlorür und schwefelsaures Eisenoxydul. Zu den antiseptischen Mitteln gehören Quecksilberchlorid, Chlorzink, Chlornatrium (Kochsalz), Arsenigsäure, mehrere ätherische Oele, Carbolsäure, Cresylsäure. Die desinficirenden Mittel zerfallen in zwei Classen: in die erste Classe gehören diejenigen, welche durch Oxydation wirken und die Infection veranlassende organische Substanzen zerstören, wie das übermangansaure Kali, der Chlorkalk und die Salpetersäure; die zweite Classe begreift diejenigen Desinfectionsmittel, welche (wie Dr. Sansom in Chemical News vom 18. und 25. November 1870 nachgewiesen hat) durch ihre Gegenwart wirken, indem sie selbst keine Veränderung erleiden, aber die Krankheitskeime vergiften oder unschädlich machen. Zu dieser Classe gehören Campher, Schwefligsäure und Carbolsäure. Natürlich besitzen die sämmtlichen oben genannten Substanzen nicht ausschließlich die Eigenschaften der Classe, der ich sie zugetheilt habe; sie charakterisiren sich jedoch vorwiegend durch die Wirkungsweise welche ich ihnen zuschrieb.

Zur Bestätigung des Gesagten dienen zweierlei von mir abgeführte Reihen von Versuchen; bei der ersten wurden Lösungen von Eiweiß und Mehlkleister in unverschlossene Flaschen gebracht; diese Lösungen versetzte ich mit verschiedenen Mengen von einigen der gegenwärtig als Antiseptica am meisten gebräuchlichen Substanzen. Aus nachstehender Tabelle sind die erhaltenen Resultate ersichtlich:

Textabbildung Bd. 199, S. 69
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Textabbildung Bd. 199, S. 70

Diese Tabelle zeigt deutlich, daß Carbolsäure und Cresylsäure die einzigen wahren Antiseptica sind und diese Ergebnisse stimmen mit denen überein, welche W. Crookes, Dr. Angus Smith und Dr. Sansom erhielten; denn die Wirkung beider Säuren hielt an, bis sowohl die Eiweißlösung als der Mehlkleister gänzlich eingetrocknet waren.

Es ergibt sich daraus, daß, wenn zur Beseitigung des schädlichen Geruches von irgend einer im Zustande der Fäulniß oder Zersetzung begriffenen Substanz bloß desodorisirende Mittel erforderlich sind, Manganchlorür, Chlorkalk, übermangansaures Kali, Chloralaun etc. mit Vortheil benutzt werden können. Wird aber die Verhütung der Zersetzung einer organischen Substanz bezweckt (und dieses Ziel muß, meiner Ansicht nach, angestrebt werden, denn Verhütung ist besser als Heilung), dann muß man zur Anwendung von Carbolsäure und Cresylsäure schreiten, weil der Zweck nur mittelst dieser beiden Substanzen erreicht werden kann.

Da die von faulender organischer Substanz ausgegebenen Producte bekanntlich die Zersetzung von Körpern welche von gleicher Natur mit ihnen sind, begünstigen, wenn beide einander ganz nahe gebracht werden (indem ohne Zweifel die Luft als Vehikel für die Uebertragung der Keime dient), so stellte ich nachstehende Versuche an, um zu ermitteln welche von den unten genannten Substanzen das stärkste Vermögen besitzt, solche Keime zu zerstören und somit die animalische Substanz vor Fäulniß zu schützen. Auf den Boden weithalsiger Flaschen von 1 Pinte Inhalt brachte ich eine bekannte Menge von jedem der antiseptischen Mittel und hing mittelst eines Drahtes über denselben ein Stück frisches (gesundes) Fleisch auf; bei täglich wiederholter Untersuchung konnte ich leicht erkennen, wenn das Fleisch die ersten Merkmale des Verderbens zeigte (fleckig wurde) oder in Fäulniß überging. Die folgende Tabelle enthält die erhaltenen Resultate:

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Angewendetes Antisepticum. Das Fleisch zeigte
Flecken nach:
Es wurde
faul nach:
Uebermangansaures Kali 2 Tagen 4 Tagen
sogen. Chloralaun 2 „ 10 „
Mac Dougall's Desinfectionspulver 12 „ 19 „
Chlorkalk 14 „ 21 „
Theeröl 16 „ 25 „
Chlorzink 19 „
carbolsäurehaltiges Desinfectionspulver
Carbolsäure
Cresylsäure
wurde nicht fleckig, sondern
trocknete zu einer ganz harten
Masse ein.
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Mac Dougall's desinficirendes Pulver (für Pferdeställe etc.) ist zufolge Neßler's Analyse seiner Zusammensetzung nach nichts Anderes als Gaskalk; man s. polytechn. Journal, 1867, Bd. CLXXXIV S. 80.

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Prof. Gamgee, bekannt durch seine Methode zur Conservirung des Fleisches (welche im polytechn. Journal. 1870, Bd. CXCVI S. 271 mitgetheilt wurde), hat in der letzten Zeit unter dem Namen Chloralaun (Chloralum) das wasserhaltige Aluminiumchlorid (durch Abdampfen einer Lösung von Thonerdehydrat in Salzsäure dargestellt) in England als Desinficirmittel und Antisepticum in Aufnahme gebracht, in welcher Hinsicht dieses Thonerdesalz nicht nur das bisher angewendete Chlorzink ersetzen, sondern sogar so wirksam wie Carbolsäure seyn sollte (Mechanics' Magazine, November 1870, S. 367); dieß hat sich jedoch, wie vorauszusehen war, durch Calvert's Versuche nicht bestätigt.

A. d. Red.

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