Titel: Reimann, über die chemisch-trockene Reinigung getragener Stoffe.
Autor: Reimann, M.
Fundstelle: 1871, Band 199, Nr. LXV. (S. 234–239)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/ar199065

LXV. Die sogen. chemisch-trockene Reinigung zur Entfernung des Schmutzes aus getragenen Stoffen; von Dr. M. Reimann in Berlin.

Aus Reimann's Färberzeitung, 1870, Nr. 6–8.

Mit Abbildungen.

Keine industrielle Erscheinung der Neuzeit ist mit einem so dichten Schleier umgeben und dennoch bei näherer Besichtigung so einfach als die sogen, chemisch-trockene Reinigung. Im Jahre 1866 zuerst aufgetaucht, verbreitete |235| sich dieselbe bald in allen größeren Städten und wird gegenwärtig von den meisten Firmen, welche sich mit Lappenfärberei beschäftigen, benutzt.

Das Wesen der trockenen Reinigung ist einfach die Entfernung des Schmutzes aus getragenen Stoffen mit Hülfe des Benzins, Terpenthinöls, Petroleumäthers oder einer anderen Flüssigkeit, die Fett aufzulösen im Stande ist. Die meisten Schmutzflecke bestehen aus Fett oder Harz, welches mit Staub oder einer färbenden Materie überzogen ist. Entfernt man das Fett oder Harz, so verliert damit der Staub seinen Halt, und der Fleck verschwindet.

Es gibt eine ganze Reihe von Methoden zur Vollführung der trockenen Reinigung, je nachdem die Arbeit in großem oder in kleinerem Maaßstabe ausgeführt wird.

Für kleinen Betrieb wird die Reinigung folgendermaßen vorgenommen.

Man stellt sich fünf Gefäße auf, welche so groß sind, daß man die zu behandelnden Stoffe darin eben hantiren kann. Dieß können Gefäße aus Zinkblech seyn, häufig werden aber auch geradezu große Töpfe in Anwendung gebracht. Zu jedem Behälter gehört ein passender Deckel. Die Zinkgesätze sind cylindrisch und mehr hoch als breit. Man füllt dieselben zu drei Viertheilen mit Benzin an und sortirt die Gegenstände, welche man waschen will. Man trennt die helleren von den dunkleren und macht sich auf diese Weise verschiedene Haufen der Stücke zurecht.

Jedes der Stücke, und zwar die helleren zuerst und die dunkleren zuletzt, breitet man auf einem Tische, den man zweckmäßig mit Zinkblech übernageln läßt, aus und reinigt dieselben zuerst von den gröbsten Flecken. Zu diesem Zweck bindet man ein faustgroßes Stück Watte zu einem Ballen geformt in weiße Leinwand ein, so daß man die Enden der Leinwand als Handhabe benutzen kann. Diesen kleinen Apparat nennt man das Tampon.“ Dieses taucht man in eine Schale mit Benzin ein, so daß es davon durchtränkt ist und reibt nun diejenigen Stellen, welche man am schmutzigsten findet, gehörig aus, bis der größte Theil des Schmutzes an diesen Stellen beseitigt ist. Auf dieselbe Weise verfährt man mit allen übrigen Stücken und nimmt die dunkleren deßhalb zuletzt, weil das benutzte Benzin dann schon durch das Immer-Wiedereintauchen des Tampons dunkel geworden ist. Das übriggebliebene Benzin gießt man in ein großes Sammelgefäß, welches mit einem Deckel gut zu verschließen ist.

Nachdem dieß geschehen, nimmt man die hellen Stücke und wäscht eines nach dem anderen im Behälter Nr. 1 aus, worauf man sie in |236| Nr. 2 hineinlegt. Man deckt Nr. 2 zu, wäscht nun eine neue Partie Stoffe in Nr. 1 mit den Händen durch und bringt während dem die zuerst behandelten Stücke aus Nr. 2 in 3. Man wirft nun die zweite Partie in den Behälter 2, beginnt mit dem Waschen einer dritten Partie und wirft während dem die zuerst behandelten Stücke von 3 nach 4 und die darauf folgenden von 2 nach 3. Die dritte Partie wird dann in den Behälter 2 hineingeworfen. Dieses Umwerfen geschieht aus dem Grunde, weil das Benzin durch das Auswaschen der Stoffe immer dunkler wird, während die erste Partie, also die weißen Stücke, immer mit reinem Benzin zusammenkommen. Es werden nun die zuerst behandelten Stücke in dem Behälter 5 nochmals ausgewaschen, dann wieder auf dem Tisch ausgebreitet und besichtigt. Im Falle noch schmutzige Stellen vorhanden sind, wird der Stoff mit einem zu diesem Zweck vorhandenen zweiten reinen „Tampon“ mit Benzin aus dem Behälter Nr. 5 nochmals abgerieben und in dem Behälter 5 einige Zeit liegen gelassen. Die fertigen Stücke aus Nr. 5 wirft man dann in einen mit Deckel versehenen Topf, in welchem das anhaftende Benzin abläuft, welches man durch Umkippen von Zeit zu Zeit aus dem Topfe entfernt. Man drückt schließlich die Stücke gut aus und trocknet sie in einer recht warmen Trockenkammer.

Auf diese Weise sind die Stücke vollständig gereinigt, soweit das Benzin es vermag; denn es ist hervorzuheben, daß alle diejenigen Flecke, welche durch Alkalien, Säure, Zucker, Milch u.s.w. hervorgebracht sind, dem Benzin widerstehen. Dasselbe gilt auch von den sogenannten Schweißflecken, welche in einer Veränderung der Farbe ihren Grund haben. Will man auch diese fortbringen, so muß eine Nachbehandlung der einzelnen Stellen mit Seifenlösung erfolgen. Dieses Verfahren gehört aber nicht hierher.

Das oben geschilderte Verfahren ist sehr praktisch und hat nur die Unannehmlichkeit, daß man sich dem Geruche des Benzins beim Auswaschen stark aussetzt, doch läßt sich die Sache zum Theil dadurch vermeiden, daß man die Operation unter einem gut ziehenden Rauchfange vornimmt. Zum Ablaufenlassen der Stücke kann man sich eines hohen cylindrischen Blechgefäßes bedienen, welches einen durchlöcherten doppelten Boden hat. Durch diesen tropft das überflüssige Benzin ab und kann durch eine Oeffnung unten in dem Behälter von Zeit zu Zeit entfernt werden. Es sey noch bemerkt, daß für Harzflecke die Anwendung des Terpenthinöls sehr vortheilhaft ist. Harzflecke wäscht man am besten mit einem Tampon, der in Terpenthinöl getaucht wird, vor und verfährt dann ganz wie oben beschrieben.

Für größere Etablissements eignet sich natürlich dieses Verfahren |237| weniger; man hat für diese sogenannte Benzintrommeln erdacht, welche das Auswaschen mit der Hand im geschlossenen Raum von selbst ausführen.

Textabbildung Bd. 199, S. 237

Die einfachste Art dieser Trommeln ist folgende. Man läßt aus Holz eine Trommel herstellen, die, genau cylindrisch, sich um ihre Achse dreht, ähnlich wie eine Kaffeetrommel. Das Holz ist innen mit Zinkblech ausgelegt und dieses überall verlöthet, so daß man eigentlich eine Zinktrommel hat, welcher das Holz den Halt gibt. Die Trommel ruht mit Zwei Zapfen auf zwei passenden Lagern. Der eine Zapfen trägt eine Kurbel. In größeren Etablissements wird an Stelle der Kurbel eine Riemenscheibe angebracht, die von einer Dampfmaschine getrieben wird.

Die Trommel ist überall fest geschlossen; nur an einer Stelle hat sie eine viereckige Oeffnung, in welche genau eine hölzerne Klappe hineinpaßt, die innen wieder mit Zink gefüttert ist. Es sind Schrauben vorhanden, mit deren Hülfe man die Thür fest in die Oeffnung hineinpressen kann, so daß kein Benzin entweicht.

Die zu reinigenden Stoffe werden genau so sortirt, wie oben beschrieben wurde. Der Unterschied ist hier nur, daß, während bei kleinerem Betrieb die helleren Stücke zusammengewaschen wurden, bei größerem Betrieb dieselben zusammen in die Trommel gelangen. Man füllt die Trommel soweit mit Benzin, daß dasselbe etwa den dritten Theil der Trommel füllt und wirft dann durch die Oeffnung eine passende Quantität der zu reinigenden Stücke hinein. Alle Stücke auch bei dem Trommelverfahren müssen vorher, wie oben angegeben, mit dem Tampon gereinigt seyn.

Die Trommel wird dann geschlossen. Viele finden es gut, eine Anzahl hölzerner Kugeln in die Trommeln mit hineinzugeben. Diese Kugeln schlagen dann beim Umdrehen die Stoffe und sollen ein besseres |238| Waschen bewirken. Nachdem die Trommel geschlossen ist, wird sie entweder mit der Kurbel durch Menschenhand oder mittelst der Maschine durch die Riemenscheibe 1/2–3/4 Stunde lang in Umdrehung versetzt.

Nach dieser Zeit zieht man die Stücke heraus, drückt sie aus und bringt sie entweder wieder in ein Abtropfgefäß, wie oben angegeben, oder aber in eine Centrifuge hinein, an deren Ausflußrohr man eine Flasche anlegt, um das ablaufende Benzin aufzufangen. Nach einigen Umdrehungen ist dann der größte Theil des Benzins aus den Stoffen heraus, und dieselben können nun noch einmal nachgesehen und dann in einer warmen Trockenstube getrocknet werden.

Außer dieser Trommel hat man noch andere, von denen ich noch die sogenannte Turbulentemaschine erwähnen will. Sie unterscheidet sich im Princip nicht von der beschriebenen Trommel, nur die Gestalt ist verschieden und bietet für die Wäsche einige Vortheile dar. An Stelle des Blechcylinders befindet sich hier zwischen den Zapfen drehbar ein hölzerner Kasten, der quadratisch geformt und innen mit Zinkblech ausgelegt ist. Dieser Kasten hat auf einer Seite eine viereckige Oeffnung, die mit einer Thür verschlossen ist, welche wiederum durch Schrauben hermetisch geschlossen werden kann. Man füllt den Kasten mit Benzin und den zu reinigenden Stücken genau so wie die Trommel.

Nachdem die ersten weißen Stücke in der Trommel gewaschen sind, werden dieselben entfernt und die zweite Portion hineingebracht und so fortgefahren, bis schließlich die dunkelsten gewaschen sind. Alsdann wird durch einen Hahn, welcher an der Benzintrommel angebracht ist, das Benzin abgelassen und in das Sammelgefäß gebracht. Man füllt die Trommel mit neuem Benzin und fängt die Operation mit einer neuen Quantität Stoffen von vorn an.

Dieß ist die eigentliche Wäsche.

Es sammelt sich nach einigen Operationen eine große Menge schmutzigen Benzins an, und es handelt sich nun darum, dieses wieder nutzbar zu machen.

Textabbildung Bd. 199, S. 238
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Der dazu gehörige Apparat besteht in einer Glasretorte, welche mit einer Kühlvorrichtung verbunden wird; letztere stellt man sich mit einem Faß und einer als Schlange dienenden Bleiröhre her. Für die Destillation von circa 10 Pfund auf einmal genügt eine Weite der Bleiröhre von 1/2 Zoll. Diese Röhre biegt man schlangenartig zusammen, so daß sich ihre Windungen in das Faß hineinschieben lassen. Es bleibt nur noch übrig, zwei Löcher einander gegenüber in die Wandungen des Fasses zu bohren, in deren eines man den Anfang, in das andere das Ende der Schlange steckt. Man verkittet die Fugen mit Pech und füllt das Faß mit kaltem Wasser. Um das Wasser im Fasse fortwährend kalt zu erhalten, stellt man einen Trichter, dessen Röhre bis auf den Boden des Fasses reicht, in die Windungen der Schlange hinein und gießt während des Destillirens fortdauernd kaltes Wasser in den Trichter, während man das warme Wasser, welches oben naturgemäß abläuft, ableitet. Der obere Theil des Bleirohres, welcher aus der Schlange hervorsteht, wird durch Eintreiben eines Keiles ein wenig erweitert. In diese Erweiterung steckt man die Retorte hinein, deren Hals schräg zu richten ist, so daß die in dem Hals verdichtete Flüssigkeit in die Schlange hineinläuft. Zum Füllen setzt man die Retorte so auf einen Strohring, daß der Hals vertical in die Höhe steht und gießt nun das Benzin hinein. Man steckt darauf den Retortenhals in das Ende der Schlange und füllt den Zwischenraum mit nassen Leinwandstreifen, welche man um den Retortenhals herumwindet. Die Streifen hat man während der Destillation immer naß zu erhalten, damit kein Benzin entweicht.

Es handelt sich nun um die Erhitzung der Retorte. Diese darf niemals über freiem Feuer geschehen, sondern ist am besten so vorzunehmen, daß man in einem kleinen Kessel Wasser zum Kochen bringt und die Retorte auf einem Dreifuß in dem Kessel so aufstellt, daß das kochende Wasser über dem Niveau des Benzins steht. Ist Alles so vorbereitet, so schiebt man den Hals einer Flasche über das untere Ende des Bleirohres und bringt das Wasser im Kessel zum Kochen. Das Benzin destillirt, wenn es leichtsiedendes ist, in starkem Strom über, und sammelt sich in der untergestellten Flasche wasserklar an. (Im Falle das Benzin einen höheren Siedepunkt hat als das Wasser, muß man natürlich den kleinen Kessel, anstatt mit solchem, mit Palmöl, rohem Glycerin oder Sand anfüllen.)

In größeren Etablissements wird die Destillation in besonderen Metallretorten vorgenommen.

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