Titel: Ueber das verbesserte Gatling-Geschütz im Vergleich mit dem Frosbery-Mitrailleur.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199, Nr. CXXIII. (S. 451–460)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/ar199123

CXXIII. Das zum Vergleichs-Schießversuche mit dem Fosberry-Mitrailleur gestellte verbesserte Gatling-Geschütz.

Nach Engineering, December 1870, S. 449.

Mit Abbildungen auf Tab. XI.

Unter Hinweisung auf die früheren Parallel-Schießversuche zwischen dem Fosberry-Mitrailleur und verschiedenen Vorder- und Hinterladungs-Feldgeschützen, sowie Martini-Henry- und Snider-Gewehren 83), bespricht obengenannte Quelle das durch |452| Dr. Richard J. Gatling von Indianapolis (Vereinigte Staaten) erfundene Batterie-Geschütz als zuletzt eingegangenen, in seinen Resultaten aber alle übrigen übertreffenden Concurrenten; darnach sind die unter dem Präsidium des Genie-Obersten Wray abgeführten betreffenden Schießversuche bereits Gegenstand eines vom Comité dem Kriegsministerium eingereichten Berichtes geworden, welcher auch dem Ober-Commando und den Lords der Admiralität überwiesen wurde. Unsere Quelle bemerkt:

„Bis jetzt ist nicht mit Sicherheit bekannt geworden, welche Waffe das Comité für den Dienst zu adoptiren vorgeschlagen hat; wir haben aber allen Grund zu glauben, daß hierzu das Gatling-Geschütz empfohlen worden ist, umsomehr als bereits die Herstellung und Verausgabung an die Truppen von zwölf dieser Geschütze befohlen wurde, um damit die Bestätigung der zu Shoeburyneß erhaltenen Schießresultate zu erzielen. Die Anfertigung dieser Geschütze erfolgt auf den Werken zu Elswick von Sir William Armstrong and Comp., gegenwärtig Repräsentanten der (amerikanischen) Gatling-Geschütz-Gesellschaft für England.

„Die Hauptresultate der von genannter Commission angestellten und in ihren Berichten detaillirt enthaltenen Schießversuche sind zu unserer Kenntniß gelangt, und wir können daher hinsichtlich der bei den vier schwereren Waffen verwendeten Munition und damit erzielten Treffer mittheilen, daß das Gatling-Geschütz mit 492 Pfund Munition 2803 Treffer, der Fosberry-Mitrailleur mit 472 Pfund 1708, der 12 Pfünder mit 1232,5 Pfund 2286 und der 9 Pfünder mit 1013 Pfund 2207 Treffer lieferte, was offenbar zu Gunsten des Gatling-Geschützes spricht. Diese dem Gatling-Geschütze zugefallene größte Trefferzahl würde schon für sich unsere obige Annahme seiger Bevorzugung durch die Commission rechtfertigen, wenn nicht andere Erwägungen von mindestens eben so großer Wichtigkeit uns bestimmten, diesem Geschütze den Vorrang vor dem Fosberry-Mitrailleur einzuräumen; diese basiren auf der im wirklichen (amerikanischen) Kriege erprobten Fähigkeit des Gatling-Geschützes, strenge Prüfungen auszuhalten, und auf der Constructions-Vergleichung beider Maschinen-Geschütze.

„Das erste Gatling-Geschütz wurde i. J. 1862 angefertigt, und damals zu Indianapolis, Cincinnati und Washington öffentlich ausgestellt, auch in amerikanischen und europäischen Zeitschriften besprochen. Im folgenden Jahre sendete Dr. Gatling durch den französischen Artillerie-Major Maldon ein Schreiben mit näheren Angaben über seine Erfindung an das französische Gouvernement; der Kaiser wünschte dann |453| von diesem Major weitere Details zu erhalten, welche Dr. Gatling auch lieferte und zugleich sein Geschütz zum Kauf anbot, der aber abgelehnt wurde. Hiernach traten die Mitrailleurs in Frankreich, Belgien, Preußen und Oesterreich auf, welche sämmtlich auf dem Princip des Gatling-Geschützes beruhen, da der Mitrailleur im Allgemeinen ebenfalls aus einer Anzahl zusammengestellter Läufe mit ebensovielen Schlössern besteht.

„Dieses Geschütz ist in unserer Zeitschrift im März 1867 nach beigegebener Abbildung im Detail beschrieben worden,84) zu der Zeit wo es zu Shoeburyneß der Prüfung unterzogen wurde. Seitdem sind jedoch verschiedene Verbesserungen an ihm vorgenommen worden, durch welche es wirksamer und brauchbarer geworden ist, daher wir im Folgenden mit Hinweis auf die in letzterer Zeit damit vorgenommenen Detail-Aenderungen neuerdings eine Beschreibung liefern.

„Das Gatling-Batterie-Geschütz – in Fig. 5 nach einer uns von General Adye mitgetheilten Photographie in perspectischer Ansicht dargestellt – besteht aus einem Complexe von zehn Läufen, in Verbindung mit einem ausgekehlten Patronenbringer und mit zehn Schlössern, welche Theile sämmtlich fest an einem centralen Längenschafte befestigt sind. Die Auskehlungen des Patronenbringers, die einzelnen Oeffnungen des Schloß-Cylinders und die Läufe sind an Anzahl einander gleich. Jeder Lauf ist mit einem Schloß versehen, welches in einer Kammer des Schloß Cylinders thätig ist, deren Achse mit der des betreffenden Laufes zusammenfällt. Der Schloß-Cylinder ist mit einem Gehäuse umgeben, welches mit einem Rahmenwerk in Verbindung steht, das längs beider Seiten und quer vor der Stirn des Geschützes hinlaufend, in seinem letzteren Theile das Korn trägt. Der in eine verticale Quertheilung des Gehäuses eingefügte Haupt-Schaft trägt, wie bereits erwähnt, den Schloß-Cylinder, den Patronenbringer sowie die Läufe, und ist an seinem vorderen Ende auch in das vordere Rahmenstück eingefügt. An seinem hinteren Ende ist in ihn das Triebwerk befestigt, dessen Kurbel rechts der Verschlußkammer liegt, welche dieses Triebwerk umfassend, an ihrem hinteren Ende durch eine Trauben-Platte geschlossen wird, die mit einer Oeffnung versehen ist, durch welche hindurch die Schlösser sobald als nöthig herausgenommen und wieder eingesetzt werden können. Diese Oeffnung läßt sich durch einen Stöpsel besonderer Construction verschließen, welcher mit einer Kette an das Geschütz befestigt ist. Am vorderen Ende der Verschlußkammer befindet sich, auf dem Rahmenwerk |454| ruhend, eine ausgekehlte Platte, welche den ebenfalls ausgekehlten Patronenbringer theilweise verschließt und dabei zugleich einen Trichter bildet, der zum Einsetzen der Patrone vermittelst Speise-Hülsen (feed cases) in das Geschütz dient. Der Spannapparat der Schlösser ist rechts des Schloßcylinder-Gehäuses an den Rahmen des Geschützes befestigt, welcher letztere, mit Vorrichtung zur Höhen- und Seitenbewegung versehen, auf einer Laffette ruht, die im Allgemeinen der für die Feldgeschütze üblichen entspricht, in ihrer Detail-Construction jedoch theilweise davon abweicht. – Die drei zu Shoeburyneß aufgestellten Gatling-Geschütze haben jedes zehn Läufe und gehören den Kalibern von beziehungsweise 0,75 Zoll, 0,65 Zoll und 0,42 Zoll an.

„Die Handhabung des Geschützes zu seinem Gebrauche ist sehr einfach: Ein Mann setzt nämlich die mit Patronen gefüllten Speise-Hülsen in den Ladetrichter ein, während ein anderer Mann die Kurbel dreht. Der durch das Ineinandergreifen gezahnter Räder um seine Längenachse gedrehte Hauptschaft führt dabei Schloß-Cylinder, Patronenbringer und Läufe mit sich herum, wodurch die Patronen eine nach der anderen aus den Speisehülsen in die Auskehlungen des Patronenbringers eintreten, von wo aus sie eine Vorwärtsbewegung des Schlosses augenblicklich in die Ladungskammer des betreffenden Laufes einführt, wo sie vermittelst des Spannapparates vom Schlosse zur Entzündung gebracht werden. Die Rückbewegung des Schlosses nimmt bei weiterer Geschützumdrehung dann auch die leergewordene Patronenhülse mit zurück, welche letztere hiernach zu Boden fällt. Daraus ist ersichtlich, daß es nur vom Gange der Geschützumdrehung abhängt, die Patronen in rascher Folge zur Ladung und Abfeuerung, beziehungsweise deren leere Hülsen zum Wiederaustritt aus dem Rohre zu bringen, daß also die ganze Operation des Patronen-Einsetzens, Ladungskammer-Schließens, Patronen-Abfeuerns und Zurückziehens der Patronen-Hülsen lediglich auf Fortdauer der Geschütz-Rotation beruht. Hierbei ist zu bemerken, daß jedes Schloß während seiner Rotation mit den Läufen auch zugleich eine umwechselnde Spiralbewegung ausführt, die es während einer jeden Geschützumdrehung sich einmal vorwärts und einmal rückwärts bewegen läßt. Die Feuergeschwindigkeit des Geschützes kann sehr gesteigert werden; wir sahen 400 Schüsse in 58 Zeitsecunden abgeben, was einer lebhaften Anwendung des Mechanismus entspricht. – Die Schüsse werden, wenn auch in rascher Aufeinanderfolge, doch immer einzeln abgegeben, so daß der hierdurch bedingte Rücklauf von dem Gewichte des Geschützes und der Laffette, sowie von einer am Schwanz der letzteren angebrachten Vorrichtung gänzlich aufgehoben werden kann.

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„Mit dem Heranbringen der Patronen erfordert die Geschützbedienung, so weit uns bekannt geworden ist, fünf Mann. Nummer Eins dreht die Kurbel; Nummer Zwei setzt die Patronen-Speisehülsen in den Trichter; Nummer Drei reicht Nummer Zwei diese Hülsen zu; Nummer Vier wahrt die richtige Lage der Patronen-Speisehülsen im Ladetrichter bis zu ihrer stattgefundenen Entleerung, und Nummer Fünf empfängt dieselben nach ihrer Entleerung. Dr. Gatling hat jedoch diese Manipulationen sehr vereinfacht durch Einführung einer Ladetrommel, welche den drei zu Shoeburyneß befindlichen Geschützen auch bereits hinzugefügt worden ist, und bei deren Anwendung zur Handhabung des Geschützes inclusive regelrechter Anordnung der Patronen-Speisehülsen-Lage nur noch ein Mann mit einem Assistenten erforderlich ist, welcher letztere lediglich für das Aufsetzen von mit Patronen gefüllten Ladetrommeln, an Stelle von leer gewordenen, zu sorgen hat. Diese in ihren Details unten näher beschriebene Einrichtung bildet eine wesentliche Verbesserung des auf Einsetzen der Patronen vermittelst Speisehülsen basirten Systemes.

„Außer dem Gatling-Geschütze hat uns General Adye auch eine perspectivische Ansicht des Fosberry-Mitrailleur mitgetheilt, welche nach der Photographie in Figur 14 wiedergegeben ist und die Vergleichung der äußeren Erscheinung beider Waffen erleichtert. Die 37, außen sechskantig gestalteten, innerhalb einer Rohrhülse zusammengefügten Läufe des Fosberry-Mitrailleur sind von vorn bis hinten hin offen und können am hinteren Ende durch einen mit 37 Schlössern versehenen Verschlußblock geschlossen werden. Nach Zurückziehung dieses Verschlußblockes vermittelst Hebelwirkung kann die mit 37 Patronen gefüllte Ladeplatte (welche in der Zeichnung dem Bedienungskanonier in die Hand gegeben ist) in den so gebildeten Zwischenraum eingesetzt werden, wornach das Verschlußstück wieder vorzubringen ist, um die Patronen dadurch in die Rohre einzusetzen (was aber erfahrungsgemäß nicht immer gelingt) und zugleich die Schloßvorrichtungen zur Spannung gelangen zu lassen, aus der sie hiernach durch den Abfeuerungshebel, welcher die Bewegung einer gezahnten Platte bewirkt, zum Abfeuern der Patronen übergehen. Rasche Bewegung dieses Abfeuerungshebels kann dabei alle 37 Patronen fast gleichzeitig zur Explosion bringen, während durch langsamere Bewegung desselben das Einzelfeuer erzielt wird. Ein continuirliches Feuer wie das des Gatling-Geschützes vermag der Mitrailleur aber nicht abzugeben, wie auch kein Verlaß auf das richtige Eingesetztwerden seiner Patronen ist, wovon wir mehrfach Gelegenheit hatten uns zu überzeugen, anderer von selbst in die Augen springender Vergleichungspunkte gar nicht zu gedenken.

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„Die Verbesserungen welche dem Gatling-Geschütze seit d. J. 1867 zu Theil geworden sind, betreffen theils das Rotations-Triebwerk desselben, theils das Vorschieben und Zurückziehen seiner Schlösser und deren Spannvorrichtung, endlich theilweise auch das Zahnräderwerk, welches die Herstellung einer continuirlichen Seitenbewegung des Geschützlauf-Complexes zu bewirken hat. Die letztere Einrichtung war dem Geschütze, dessen Photographie wir unsere perspectivische Ansicht entnommen haben, noch nicht gegeben worden, indem anfänglich nur an den kleinsten der zu Shoeburyneß aufgestellten Geschütze diese Einrichtung und die Ladetrommel angebracht worden waren.

„Die älteren Geschütze wurden bekanntlich durch ein großes Zahnrad nebst an dessen Kurbelwelle befestigtem Getriebe zur Rotation um den Hauptschaft gebracht, wobei der Kurbelarm seine Stelle an der Geschütz-Außenseite hatte. – Figur 6 stellt nun die Frontansicht einer durch eine Schraube ohne Ende vermittelten Rotations-Vorrichtung des Gatling-Geschützes dar, wobei das gezahnte Rad A, auf dem äußersten Ende des Haupt-Längenschaftes B dieser Waffe befestigt, zwischen deren Querscheideplatte E und deren Traubenplatte sich befindet. Dem Schafte C der Schraube ohne Ende dient der hintere Theil des äußeren Gehäuses D zum Lager, aus welchem er rechts zur Aufnahme der Kurbel und links zum Betrieb des automatischen Seitenbewegungs-Mechanismus (welcher die seitliche Geschoßstreuung des Rohrcomplexes zu vermitteln hat) vorsteht. Bei dieser Anordnung bleibt noch Raum genug übrig, um der Diaphragma Platte E die Oeffnung F zum Einsetzen und Herausnehmen der Schlösser aus ihrem Gehäuse geben zu können. Dadurch ist dasselbe nach Fig. 7 auch ohne vorherige Abnahme der Traubenplatte G des Geschützes ausführbar, welche letztere zu diesem Zweck noch mit einer dem Diaphragmaplatten-Einschnitt correspondirenden Oeffnung versehen ist, zu deren beiderseitigem Verschlusse der von hinten her in sie einzusetzende Stöpsel H dient. Letzterer trägt vorn einen Vorstoß, dessen Arm I auf seiner unteren Seite mit der Auskehlung j (Figur 7) versehen ist, welche, wenn der Stöpsel schließt, als Fortsetzung eines in die hintere Kammer eingeschnittenen Zuges erscheint, innerhalb deren die den hinteren Schloßenden gegebenen Nasen von entsprechender Form umzulaufen vermögen, wobei, wenn ein bestimmtes Schloß vermittelst der äußeren Handhabe desselben in die Linie des Stöpsels gebracht worden, seine Nase also in die Auskehlung von dessen Vorstoßarm eingetreten ist, dasselbe mit dem Stöpsel zum Auszuge gebracht werden kann. Die Verbindung des Stöpselkörpers mit dem Vorstoßarm I wird hierbei durch einen dem ersteren gegebenen Stift hergestellt, um welchen herum der |457| letztere frei zu rotiren vermag. Zum Zurückziehen des Stöpsels wird derselbe zunächst soweit gedreht, daß seine Nase K (Fig. 7) in den betreffenden Einschnitt der Diaphragmaplatten-Oeffnung F (Fig. 6) eintreten kann, wornach der Vorstoßarm des Stöpsels das auszuziehende Schloß mit zwischen Stöpsel und Vorstoß liegender elastischen Feder nebst elastischem Polster umfaßt, und zur Rückwärtsführung von Schloß und Vorstoß endlich eine oben nach Form des letzteren ausgekehlte Röhre dient.

„Wir kommen nun zur Betrachtung der für das Spannen der Schlösser bestimmten Einrichtung, welche in Figur 8, 9 und 10 theils in der Vorder-, theils in der inneren Seitenansicht und theils in der Daraufsicht dargestellt ist. – Früher wurde das Schloßspannen durch einen Knopf bewirkt, welcher aus der Schloßlängen-Mitte hervorstehend, an der Kante eines dem Inneren des Schloßgehäuses gegebenen Ringes wie auf einer schiefen Ebene hinglitt. An Stelle dieser Einrichtung ist nunmehr die spiral geneigte Spannplatte N (Fig. 8) getreten, welche in solcher Weise aus der inneren Wand des Gehäuses D hervorspringt, daß dadurch das Schloß M während seiner Vorwärtsbewegung gespannt wird, indem seine Feder mittelst der Schloßnase a (Fig. 8) dabei eine immer größer werdende Zusammenpressung erhält, welche sie, sobald das Schloß die Platte N passirt hat, zum Vorschnellen des Schloß-Schlagstiftes und somit zur Entzündung der Patrone veranlaßt. Die Platte N steht in und mit dem Gehäuse D fest, während die bezeichneten Schloß-Nasen zusammen mit dem Schloßcylinder rotiren, und es werden daher die verschiedenen Schlösser successive zum Losschnellen gebracht, sobald sie jedesmal hinter den abzufeuernden Läufen zu stehen kommen. – Die perspectivische Geschützansicht Figur 5 zeigt, daß dieser Spannapparat auf dem Rahmen der rechten Geschützseite steht. – Um ein seitliches Justiren der Spannplatte N zu ermöglichen, ist dieselbe mit einem Schlitten i (Fig. 9 und 10) in Verbindung gebracht, der in eine Rippe des Gehäuses eintretend, mit entsprechender Oeffnung für das Excenter j (Fig. 9 und 10) versehen ist, welches sich an der verticalen Spindel l befindet und so durch Drehung der letzteren den Schlitten i nach Belieben ein- oder auswärts schieben läßt, wobei auch die Spannplatte N nach Belieben ganz außer Berührung mit den Nasen der Schlösser gebracht werden kann, so daß in letzterem Falle auch ohne die Schlösser schnappen lassen zu müssen, ein Geschütz exercirt werden kann und dabei zugleich noch ein Schutz gegen unbeabsichtigtes Losgehen der Schüsse gegeben ist; zu diesem speciellen Zwecke ist ein Federbolzen am Gehäuse angebracht, der den Schaft l und damit auch die Spannplatte N verläßlich entweder in oder außer Beziehung zu den Schlössern des Geschützes treten läßt.

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Der nächste, unsere Aufmerksamkeit beanspruchende Gegenstand ist die vertical stehende Fülltrommel, welche aus einem cylindrisch geformten Metallrahmen besteht, der rund um seinen Umkreis herum sechzehn radial zum Centrum gehende Eintheilungen oder Gänge hat, von denen jeder 25 vertical in einer Linie übereinander gestellte Patronen aufnehmen kann. Eine im Centrum der Trommel befindliche Oeffnung paßt auf einen am äußeren Theile des Geschützgehäuses angebrachten Dorn, welchem gegenüber sich der Fülltrichter befindet, durch den die Patronen in's Geschütz gelangen, nachdem sie aus der Fülltrommel in den Fülltrichter durch Oeffnungen, welche sich am Boden jeder Eintheilung des ersteren befinden, eingetreten waren. Links des Fülltrichters befindet sich auf der Oberfläche des Geschützgehäuses eine Rippe, und die Fülltrommel hat an ihrer unteren Fläche eine Reihe von Daumen-Ohren, so daß der Bedienungskanonier zum Abfeuern des Geschützes nur mit seiner linken Hand eines dieser Ohren auf genannte Rippe zu bringen hat, während seine rechte Hand gleichzeitig die Kurbel dreht, worauf die Patronen einer Trommel-Abtheilung successive in den Ladetrichter fallen. Sobald der Kanonier sieht, daß diese Abtheilung geleert ist, hat er weiter nur die Trommel um ein Sechzehntheil ihrer Peripherie zu drehen, damit das nächste Ohr über die Rippe kommt, und so fortzufahren bis alle sechzehn Abtheilungen der Trommel erschöpft sind, in welchem Falle sie mit einer gefüllten vertauscht werden kann. – Rechts der Trommel befindet sich noch ein besonderer Schloßapparat, welcher dieselbe, sobald augenblicklich nicht gefeuert werden soll, feststellen läßt.

Der einzige jetzt noch zu beschreibende Theil dieses höchst sinnreichen Mechanismus besteht in der automatisch erfolgenden continuirlichen Seitenbewegung, welche dem Geschütze bei anrückenden feindlichen Truppenkörpern zur Erzielung eines breiteren Schußfeldes gegeben werden soll. Wir haben bereits gesehen, daß der Schaft der endlosen Schraube des Rotations-Triebwerkes zur Vermittelung der betreffenden Verrichtung aus der hinteren Kammer des Geschützes nach links hin hervorragt. Hier ist in denselben nun eine rechts- und eine linksläufige Schraube eingeschnitten, welche auf eine Gabel einzuwirken hat, die an einem verticalen Ständer befestigt ist, welcher für sich wieder in eine Schiene des Geschützrahmens eingreift. Der Ständer kann höher oder tiefer gestellt werden, je nachdem dieses die Elevation oder die Depression des Geschützes erfordert, und er wird dann in seiner jedesmaligen Stellung durch eine Schraube festgehalten. Sobald das Geschütz in Thätigkeit gesetzt wird, machen auch die rechts- und die linksläufige Schraube ihre Umdrehungen und ertheilen dadurch, auf die bezeichnete Gabel einwirkend, dem Geschütze eine continuirliche |459| Seitenbewegung, welche nach Bedürfniß sich verstärken oder vermindern läßt, und so das Bestreichungsfeld des Geschützes gegen feindliche Truppenstellungen zu erweitern, sowie gegen schmale Pässe zu verengern gestattet.

„Die bei diesem Geschütze zur Verwendung kommenden Patronen sind ebenfalls durch Dr. Gatling in letzterer Zeit verbessert worden, wodurch deren Hülsen jetzt wiederholt geladen werden können, während sie früher nach einer einzigen Abfeuerung unbrauchbar waren. Diese neue Einrichtung zeigen die Querschnittsfigur 11, sowie die Seitenansicht Fig. 12 und die untere Amboßansicht Fig. 13. Die Hülse A hat im Centrum ihrer Basis eine Höhlung, in welche der Amboß B eingesetzt ist, der darin durch Umbiegung seiner Wandung O festgehalten wird, welche, mittelst eines Stempels bewirkt, den Amboß gewissermaßen mit der Patronenhülse zusammennietet. Der Amboß hat eine schmale Längen-Aushöhlung und an seinem unteren Ende eine Rinne s, welche die Längenaushöhlung kreuzt und somit zur Vervollständigung der Verbindung zwischen dem Inneren der Patrone und dem Feuer des Zündsatzes dient. Sobald nämlich der Zündstift gegen das Centrum C des Patronenbodens anschlägt, wodurch der dort befindliche Zündsatz mit dem Amboß in Contact gebracht wird, explodirt jener und sendet seinen Feuerstrahl durch die Rinne s und die Längenhöhlung x des Amboßes hindurch zur Pulverladung der Patrone hin. – Der Theil G (Fig. 11) der Patronenhülse besteht aus einem soliden Ring, von in die Patronenhülse eingeschmolzenem Loth gebildet, welcher diese Hülse in solchem Maaße verstärkt, daß nicht nur der Amboß durch den Zündstift nicht aus seiner Lage verrückt, sondern auch ihr Boden selbst bei starken Ladungen nicht zersplittert werden kann. Die Hülse besteht aus starkem Messing, hat einen soliden Kopf und bildet an ihrer Schulter P (Fig. 11) einen rechten Winkel mit der äußeren Hülsen-Mantelfläche, damit ein guter Halt für den Patronen-Extractor gebildet wird. – Nach dem Abfeuern ist nur das Hütchen C zu entfernen und durch ein frisches zu ersetzen, um die Patronen wieder laden und von Neuem abfeuern zu können.

„Wie man sieht, hat das Gatling-Geschütz einen sehr vollkommenen Mechanismus. – Sollte bei derartigen Geschützen, welche noch keine Ladetrommel haben, eine Störung im Füllen des Ladetrichters eintreten, so kann derselbe abgenommen und dann rasch wieder in Ordnung gebracht werden. Ebenso lassen sich etwa unthätig werdende Schlösser rasch durch die Oeffnung der Traubenscheibe hindurch herausnehmen und auf demselben Wege durch andere ersetzen. – Die Haupttheile des Geschützes sind genügend stark, um den Gebrauch auszuhalten und Doppelstücke der |460| kleineren Theile gehören zur Ausrüstung, wohin nach Obigem auch ein Vorrath von Pulver und Kugeln etc. zur Wiederladung der ausgezogenen Patronenhülsen gerechnet werden kann. – Offenbar ist dieses Geschütz die vollkommenste Waffe ihrer Art, welche gegenwärtig existirt, und wir haben nur noch den Vorschlag zu machen, daß ein Stahlschirm mit Zielöffnung zum Schutze des auf dem Laffettenblock sitzenden Bedienungs-Mannes quer am Geschütze befestigt werde.

„Schließlich wollen wir nicht unterlassen, Herrn Hauptmann Benton Zerbe, welcher mit der Unterweisung in der praktischen Behandlung des Gatling-Geschützes in England beauftragt ist, für die uns hinsichtlich der Verbesserungen desselben ertheilten Belehrungen zu danken.“

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Mitgetheilt im polytechn. Journal, 1870, Bd. CXCVIII S. 289 und in diesem Bande S. 44 (erstes Januarheft 1871).

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Im polytechn. Journal, 1868, Bd. CLXXXVII S. 200.

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