Titel: Champion, über das chinesische Grün.
Autor: Champion, P.
Fundstelle: 1871, Band 199, Nr. CXXXV. (S. 505–508)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/ar199135

CXXXV. Ueber das chinesische Grün (Lo-kao); von P. Champion.

Aus dem Moniteur de la teinture, April 1870, S. 80.

Die Fabrication des chinesischen Grüns ist mehrmals beschrieben worden und man findet in der von Natalis Rondot auf Veranlassung der Lyoner Handelskammer veröffentlichten Brochüre91) alle über diesen Gegenstand erschienenen Documente; da sich aber diese Documente oft widersprechen, so war es nöthig, dieselben einer Controlle zu unterwerfen. Wir theilen nachstehend mit, was Champion in seinem Werke Les industries de l'Empire chinois über diese Fabrication sagt, welche er an Ort und Stelle in allen ihren Details zu verfolgen im Stande war.

Zuerst wird die Rinde92) in Stücke zerschnitten, zwischen denen sich fast stets kleine Theile von anhaftendem Holze finden; denn anstatt die Rinde einfach abzuschälen, trennen die Chinesen dieselbe mittelst eines Messers ab, wobei zugleich Zweigtheile abgeschnitten werden. Gewöhnlich werden zur Gewinnung des Farbstoffes zwei oder selbst drei verschiedene Rindenspecies verwendet. Die Rindenstückchen werden in einen Kessel gebracht, welcher aus einer gußeisernen Pfanne besteht, auf die ein mit Bambusrohr bereifter Kübel gestellt wird. Man füllt die Pfanne, deren oberer Theil das Niveau des Ofens erreicht, fast gänzlich mit Rinde und gewöhnlichem Wasser an. Das Ganze wird mehrere Stunden lang im Kochen erhalten, um die Rinde möglichst vollständig zu erschöpfen. Dann füllt man die Flüssigkeit nebst der Rinde in große irdene Krüge und läßt diese bis zum anderen Morgen ruhig stehen. Dieses Auskochen wird gewöhnlich Morgens vorgenommen.

Soll nun die Farbebrühe angewendet werden, so wird sie von der Rinde mittelst Abtropfkörben aus Bambusrohr in Krüge abgeseiht; in |506| diesen versetzt man sie mit einer schwachen Auflösung von kohlensaurem Natron, welches durch Calciniren und Ablaugen von Oelkuchen gewonnen wird. Dieses im Handel in großen Krystallen vorkommende kohlensaure Natron ist unrein, aber zu sehr billigen Preisen zu beziehen. Die an sich schon braune Flüssigkeit nimmt auf den Zusatz des Alkalis eine noch dunklere Färbung an; in diesem Zustande kommt sie zur Verwendung.

Die so bereitete Farbebrühe wird in Eimern auf die umliegenden ausgedehnten, mit reichlichem Graswuchse bedeckten Wiesen transportirt.

Dann werden mehrere Meter lange und 30 bis 40 Centimeter breite Stücke Baumwollzeug in die Flüssigkeit getaucht, nach einiger Zeit aus derselben herausgenommen und nach dem Abtropfenlassen auf dem Grase ausgebreitet.

Man muß hierzu eine weder zu heiße, noch zu kalte Witterung auswählen, widrigenfalls die Operation mißlingt. Wir haben dieselbe im Juni von vier und einhalb Uhr Morgens bis gegen acht Uhr ausführen gesehen; später würde der Sonnenschein zu stark werden und das Product verderben. Um die Mitte des gedachten Monats hört die Arbeit auf, weil alsdann die Hitze für die Fortsetzung der Fabrication zu stark wird. Wahrscheinlich erleidet der Farbstoff durch die Einwirkung der Feuchtigkeit und des Lichtes eine Oxydation, in Folge deren er sich ziemlich dunkelgrün färbt; man wird überrascht, wenn man die Wiesen wieder betritt, auf denen man einige Stunden vorher die mit einer bläulichen Lösung imprägnirten Baumwollstücke ausbreiten sah und nun dieselben mit der charakteristischen Farbe des chinesischen Grüns wiederfindet. Sobald die Zeugstücke trocken geworden sind, werden sie von Neuem in die Brühe getaucht und wiederum auf dem Grase ausgebreitet. Diese Operation wird oft zehn- bis fünfzehnmal wiederholt, bis der Stoff die gewünschte Nüance angenommen hat. Hierauf werden die Zeugstücke zusammengerollt und an andere Fabrikanten verkauft, welche aus denselben das Chinesisch-Grün extrahiren und dieses Product direct in den Handel bringen. Diese Fabrikanten, gewöhnlich Eigenthümer des Baumwollstoffes, bezahlen einen festen Preis für das Färben eines jeden Stückes; in diesem, wie in den meisten chinesischen Industriezweigen werden nämlich die verschiedenen, zur Erzeugung eines Productes erforderlichen Operationen durch verschiedene Industrielle ausgeführt.

Zur Extraction des auf der Oberfläche der Baumwollzeuge gebildeten Grüns (denn nur die den Sonnenstrahlen ausgesetzte und die directe Einwirkung des Lichtes empfangende Seite ist grün gefärbt, während die mit dem Grase in Berührung befindliche Seite bloß eine schwache Färbung zeigt) wird die Baumwolle in kochendes Wasser getaucht, bis das |507| Grün sich ablöst; die auf diese Weise erhaltene Flüssigkeit wird zur Syrupsdicke eingedampft und der Rückstand auf Papierblättern ausgebreitet einem langsamen Trocknen an der Luft überlassen. Das chinesische Grün kommt im Handel in dünnen Blättern vor, die das wellige Ansehen von Papier zeigen, welches naß gewesen und dann rasch getrocknet worden ist. In manchen Theilen von China begnügt man sich, um schneller zum Ziele zu gelangen, in die Flüssigkeit, durch deren Verdampfung man das Grün erhält, zu wiederholten Malen dicke Baumwolldochte zu tauchen, welche sich mit der Substanz imprägniren und die man an der Luft trocknet. – Das chinesische Grün ist je nach der Beschaffenheit der benutzten Rinde und der auf die Fabrication verwendeten Sorgfalt, von mehr oder weniger guter Qualität. Der Verkaufspreis dieses Productes betrug im Jahre 1865 im Kleinhandel 225 Francs per Kilogramm.

Das Grün wird in China selbst fast ausschließlich zur Seidenfärberei verwendet; es ist zu theuer, als daß es auch zum Färben anderer Stoffe verwendet werden könnte, auf denen es übrigens, in China wenigstens, nicht sehr gute Erfolge gibt. Wir haben in unserer Gegenwart ein Stück weißen Seidenzeug färben lassen; das Verfahren dabei war folgendes:

Man läßt das Grün beiläufig eine Stunde lang in kaltem Wasser weichen, gießt dann das Wasser ab und zerreibt den Farbstoff in einem Porzellanmörser sorgfältig, bis die Masse ganz homogen geworden ist und keine harten Theilchen mehr enthält. Der zu färbende Seidenzeug wird mit Sorgfalt gewaschen und an der Sonne getrocknet. Hierauf wird in eine hölzerne Schüssel Wasser gegossen und mit einer geringen Menge Eisenvitriollösung versetzt; dann wird das auf die angegebene Weise zerriebene Chinesisch-Grün hinzugefügt. Zu diesem Gemisch gießt man heißes Wasser, welches längere Zeit mit einem Samen gekocht worden ist, von dem es ziemlich stark gelb gefärbt wird, dessen Natur uns aber unbekannt ist; im Chinesischen heißt derselbe Kive-ho.

Nach tüchtigem Umrühren der Farbebrühe wird der Seidenstoff mehrmals in dieselbe getaucht; dann breitet man auf einem Tische ein Stück Leinwand aus und schlägt den Seidenzeug, während man ihn an einem Ende festhält, kräftig auf die Leinwand; darnach taucht man ihn wieder in die Färbeflotte, schlägt ihn wieder auf die Leinwand, und wiederholt dieses Verfahren mehrere Male, bis die gewünschte Nüance erreicht ist. Die gefärbten Stücke werden im Schatten zum Trocknen aufgehängt und können dann in Wasser gewaschen werden, ohne daß man eine Veränderung der auf dem Stoffe fixirten Farbe zu befürchten hat. |508| Die Chinesen behaupten, man müsse nach dem ersten Waschen der gefärbten Waare dafür sorgen, daß dieselbe vollständig trocken werde, weil man sonst kein befriedigendes Resultat erhalte.

Die in dieser Weise gefärbten Stoffe werden, bevor sie in den Handel kommen, mittelst einer steinernen Walze kalandert, welche die Chinesen mittelst ihrer Füße auf einer mit ein wenig Pelawachs eingeriebenen krummen Fläche bewegen; dadurch erhalten sie Glanz; die directe Berührung des Stoffes mit dem Steine wird hierbei mittelst dicker Lederscheiben verhindert.

Wir haben in der Gegend von Han-Keon fünf Fabriken von Chinesisch-Grün gesehen: drei in Agnan, einer Vorstadt von Han-Keon, und zwei in Ou Tchang, der Residenz des Vicekönigs. In allen diesen Etablissements sahen wir genau dasselbe Verfahren befolgt.

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Rondot, Natalis, Notice du vert de Chine et de la teinture an vert chez les Chinois. Suivie d'une étude des propriétés chimiques et tinctoriales du lo-Kao, par J. Persoz ; et de recherches sur la matière colorante des nerpruns indigènes par A. F. Michel, Paris Lahme et Comp. 1858. Imprimé par ordre de la chambre de commerce de Lyon. Ein von Professor Bolley bearbeiteter Auszug dieser Brochüre wurde im Jahrg. 1859 des polytechn. Journals, Bd. CLI S. 288 mitgetheilt; Wagner's Jahresbericht über die Fortschritte der chemischen Technologie für 1858, S. 447. – Im polytechn. Journal, 1862, Bd. CLXVI S. 216 wurden Prof. Bolley's Beobachtungen über das Lo-kao auf der Londoner Welt-Ausstellung mitgetheilt.

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Hauptsächlich von Rhamnus utilis und chlorophorus nach Decaisne.

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