Titel: Ueber Torfbenutzung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 1 (S. 71–72)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi01_1

Ueber Torfbenutzung.

Der Bezirk Rosenheim (in Bayern) erfreut sich bekanntlich eines sehr wichtigen Factors einer blühenden Industrie, nämlich eines reichlich vorhandenen billigen Brennmateriales, des Torfes, der, wenn auch nicht von dem industriellen Werth der Steinkohlen, denselben doch für viele Zwecke nahezu, in Manchem auch vollständig erreicht.

Die Producte unserer Waldungen werden mehr und mehr als Nutzholz verwerthet, so daß z.B. die Kesselheizungen, Brauereien, Kalköfen und Ziegeleien etc., die früher ausschließlich mit Holz geheizt wurden, sich mehr und mehr auf Torfbetrieb einrichten.

In den Gemeindefluren Groß-Carolinenfeld und Kolbermoor werden auf beiläufig 2000 Tagwerk Torfgründen ungefähr 60,000 Schachtruthen Torf gestochen und zwar durch die königl. Saline Rosenheim, sowie die chemische Fabrik Heufeld, ausschließend, die beiden übrigen Etablissements, größtentheils ihren Brennstoffbedarf deckend; in Holzhausen und Brannenburg und den verschiedenen Gemeinden um den Sim-See werden annähernd weitere 20,000 Schachtruthen Torf gewonnen, zusammen im Verkaufswerth von rund 250,000 fl.

Das Torfwerk Kolbermoor producirt ferner noch 200,000 Centner Preßtorf, bisher ausschließend zum Bahnbetrieb.

So wird auf diese Weise durch das Wachsen der Torfgewinnung die Production unserer Wälder an Brennholz der Metallindustrie, der sie unentbehrlich ist, reservirt, und der Preis des Brennmateriales auf einer für alle Verhältnisse günstigen Höhe erhalten.

Außerdem concurrirt der Stichtorf, bei günstiger Situation der Torfgründe und bei rationellem Betriebe, in hiesiger Gegend wirksam mit den Kohlen von Miesbach. Der Werth der Torfgründe hat durch die stetige Zunahme der Torfproduction bedeutend gewonnen und es ist dadurch das Vermögen in den betreffenden Gemeinden beträchtlich gewachsen.

Zu bedauern ist hier das Eingehen der Kugeltorf-Fabrik bei Failenbach, besonders da das Fabricat, seiner Qualität nach, die günstigste Beurtheilung fand. An dem Eingehen dieses Etablissements dürften nicht die im Verhältnisse zum Brennwerth zu hohen Herstellungskosten des Kugeltorfes, sondern lediglich finanzielle Schwierigkeiten die Schuld tragen. (?)

Es ist mit Befriedigung zu vernehmen, daß die königl. Bahnverwaltung an verschiedenen den Torfgründen des Bezirkes nahegelegenen Stationen Torfmagazine anlegen läßt, demnach die Torfheizung der Locomotiven auszudehnen beabsichtigt. Wie sehr dieß im Interesse der Bahnverwaltung selbst liegt, darüber gibt folgende zuverlässige |72| Vergleichung des Betriebes mit Torf mit demjenigen mit Traunthaler Braunkohle ein sprechendes Beispiel:

Eine Fahrt von Rosenheim nach Salzburg kostet

mit Traunthaler Braunkohle mit Preßtorf
120 Ctr. à 22 kr. 44 fl. – kr. 100 Ctr. à 22 kr. 36 fl. 40 kr.
mit Stichtorf
8 Sch.-Rth. à 3 fl. 12 kr. 25 fl. 36 kr.
1 Waggon für Torf 2 „ – „
1 Hülfsheizer 1 „ 24 „
––––––––––
Summa 29 fl. – kr.

Neben dieser bedeutenden Ersparniß bei Torfbrand gegenüber dem Heizen mit genannter Braunkohle kommt aber noch ganz besonders die starke Abnutzung der Locomotiven bei Verwendung des letzteren Brennmateriales in Betracht, die eine derartige ist, daß z.B. von 1864 bis 1869 drei Maschinenlieferungen mit zusammen 42 Locomotiven unbrauchbar geworden sind. Langjährige Erfahrungen über Locomotivheizung mit Stichtorf begründen die Annahme, daß bei Verwendung des letzteren Materielles mindestens 14 Maschinen in genanntem Zeitraum hätten erspart werden können. Nehmen wir nun täglich 10 Fahrten zwischen Rosenheim und Salzburg an, so erreicht die Ersparniß

a) bei Stichtorfverwendung gegen Traunthaler Braunkohle
rund jährlich

55,000 fl.
an Maschinen, 14 Maschinen (à 30,000 fl. = 420,000 fl.
in 5 Jahren)

84,000 „
–––––––––
im Ganzen also die bedeutende Summe von 139,000 fl.
b) bei Preßtorfverwendung 26,000 fl.
und 84,000 „
–––––––––
in Summa 110,400 fl.

(Aus dem Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer von Oberbayern pro 1870; württembergisches Gewerbeblatt, 1870, Nr. 48.)

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