Titel: Ueber die Resultate der Desinfection auf den Schlachtfeldern in Frankreich; Bericht von E. Junghans.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 18 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi01_18

Ueber die Resultate der Desinfection auf den Schlachtfeldern in Frankreich; Bericht von E. Junghans.

Im Monat October habe ich im Auftrage des Vorstandes der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin17) die Umgegend von Metz bereist und bin auf den Schlachtfeldern von St. Privat, Amanvillers, Vernéville im größeren Maaße für Desinfection thätig gewesen. Die Mittel, welche für diesen Zweck zu Gebote standen, waren Chlorkalk, Manganlauge (saure Rückstände bei der Chlorgasentwickelung), Carbolsäure in größeren Mengen, Eisenvitriol und ein Desinfectionspulver, welches Carbolsäure und Eisenvitriol enthielt, in kleineren Mengen.

Bei den dortigen Massengräbern, zahlreich nahe beisammen gelegen, und oft 100 bis 200 Todte bergend, so wie an den vielen, fast überall nur eingescharrten Pferdecadavern, kam es darauf an, mit den gegebenen Mitteln sowohl eine sofortige Desinfection zu erreichen, als auch dieselbe auf längere Zeit wirksam zu machen. Es wurde zu diesem Zwecke auf den großen Grabhügeln, welche eine Erddecke von 1–3 Fuß zeigten, mittelst Chlorkalk und der sauren Manganlauge eine sofortige reichliche Chlorentwickelung dadurch eingeleitet, daß in eine Längsfurche, welche man einen Spatenstich tief auf dem Grabe zog, reichlich Manganlauge einfließen gelassen wurde; hierauf wurde Chlorkalk in größerer Menge, bis 100 Pfund, eingeschüttet, die Rinne mit Erde zugedeckt, der Hügel weiter mit Chlorkalk bestreut und Erde aufgeworfen, resp. der Hügel, da wo nöthig, erhöht. – In der That zeigte sich noch nach 10 bis 12 Tagen – so lange konnte die Beobachtung ausgedehnt werden, in der nächsten Umgebung und bis auf einige hundert Schritte von Orten wo mehrere so behandelte Gräber zusammenlagen, ein deutlicher Chlorgeruch. Namentlich trat der Geruch nach stärkerem Regen, der die Chemikalien in Lösung zusammenführte, merklich hervor.

Es wurde auch die Desinfectionskraft der Manganlauge für sich allein bestätigt gefunden. – Einige Pferdecadaver, welche wie alle, in der Verwesung schon weiter fortgeschritten waren, als die Menschenleichen, auf die wir stießen, – und welche großen Gestank entwickelten, – waren mit Manganlauge reichlich besprengt worden, ohne daß an diesem Tage Chlorkalk aufgestreut werden konnte. Nach einigen Tagen, als wieder an dieser Stelle gearbeitet wurde, war jeder Gestank verschwunden. – Es sey erwähnt, daß die Manganlauge unverdünnt, so wie sie aus Mannheim von dem Verein chemischer Fabriken erhalten war, angewendet wurde.

Die Carbolsäure, eine bessere rohe Säure des Handels, mit angeblich 60 Proc. reiner Säure, wurde bei den Pferdecadavern verwendet; soweit die Vorräthe reichten, in Verbindung mit Eisenvitriol oder Desinfectionspulver. – Es wurden die Cadaver, die meistens zum Theil bloßlagen, alle jedoch nur über der Erde verscharrt waren, möglichst direct mit Carbolsäure besprengt, Eisenvitriol oder Desinfectionspulver aufgegeben und Erde aufgeworfen. – Allerdings konnte durch die Carbolsäure, |80| ein wie geschätztes Mittel, Fäulniß zu verhindern, sie auch ist, keine augenblickliche Desinfection erzielt werden; am meisten noch da, wo zugleich Eisenvitriol mitangewendet wurde. War indessen schließlich der Gestank durch Aufstreuen von Chlorkalk einmal beseitigt, so konnte auch hier ein erneuertes Auftreten desselben nicht bemerkt werden. – Dieß wurde namentlich an einer größeren Anzahl von Cadavern beobachtet, welche in einem Stalle der ausgebrannten Meierei „Champenois“ bei Vernéville lagen, und die nicht mit Erde bedeckt werden konnten. – Es war die Anwendung der Carbolsäure als mumificirendes Mittel bei diesen großen Fleischmassen, welche wahrscheinlich auch jetzt noch nicht besser vergraben sind, immerhin nützlich.

Aus diesen an Ort und Stelle gemachten Beobachtungen und Erfahrungen glaube ich entnehmen zu dürfen, daß es gerathen ist, so frühzeitig wie möglich die Erddecke der Gräber stark mit Salzlösungen zu tränken, welche die Fähigkeit haben, Gase zu binden resp. zu zersetzen. – Eisenvitriol- und Manganlösung haben den Vortheil, daß sie bei bekannter großer Wirksamkeit sehr billig zu beschaffen wären. Sind schon Miasmen aufgetreten, so wird die gleichzeitige Anwendung von Chlorkalk das bequemste Mittel zur Zerstörung derselben seyn.

Brom, ebenso energisch wirksam als Chlor, ist bei Desinfection von stinkenden Gewässern schon mit Vortheil angewendet worden. Auf den Gräbern der Schlachtfelder ist es wohl zu flüchtig, auch unbequem bei der Anwendung.

Pferdecadaver, welche leider stets am schlechtesten verscharrt werden, müßten sofort in passender Weise mit Carbolsäure imprägnirt werden. Es würde genügen, wenn man die Säure in die Ohren und in die Bauchhöhle und äußerlich davon aufsprengte.

Ein sorgfältiges Begraben jedoch, ohne zu große Aufhäufung von Cadavern an einem Orte, selbst mit Aufbieten großer Arbeitskräfte, und wenn es viel Zeit erforderte, wäre unbestritten das sicherste Mittel, späteren Calamitäten vorzubeugen.

Es ist schon Vieles officiell und nicht officiell, aus humanen und egoistischen Gründen für den Krieg ermöglicht worden, – auch das genügende Beerdigen der Todten ist zu ermöglichen! (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin, 1870, Nr. 17.)

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Die vom Vorstande dieser Gesellschaft veröffentlichte „Anleitung zur Desinfection der Schlachtfelder und der Lazarethe“ wurde im polytechn. Journal, 1870, Bd. CXCVIII S. 350 mitgetheilt.

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