Titel: Fabrication des Astrachanstoffes; von Dr. H. Grothe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 12 (S. 159–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi02_12

Fabrication des Astrachanstoffes; von Dr. H. Grothe.

Ueber die Herstellung des Stoffes welchen man unter dem Namen Astrachan seit mehr denn drei Jahren anfertigt und verkauft, ist man im Ganzen noch sehr wenig unterrichtet. Die Engländer haben sich lange vergeblich bemüht, die Methode zu ergründen und erst seit einem halben Jahre ist ihnen dieselbe verrathen worden. Alle bisher in Zeitschriften gegebenen Beschreibungen dieses Stoffes begnügen sich mit der Angabe „der Stoff werde geknautscht.“ Wie dieß aber ausgeführt werde und welche Stoffe man überhaupt „knautscht,“ das können sie nicht anführen und doch ist das die Hauptsache bei der ganzen Fabrication.

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Die Erfindung dieses Stoffes gebührt den Appreturbesitzern Rudolph und Friedlaender in Berlin. Ein Zufall hat darauf hingeführt. Die ersten Proben wurden durchgeführt unter Zusammenlegen des Stoffes, so daß recht viele Falten und Kniffe entstanden; der Stoff wurde dann in Leinen eingenäht, etwas zusammengepreßt und nun gekocht. Allein bei dieser Manipulation gelang es selten, zwei Stücke mit gleichem Fell-imitirenden Aussehen zu schaffen. Daher kam ich (ich war damals Director der D. J. Lehmann'schen Fabriken) auf folgende Idee zur Ausführung, die jetzt allgemein angenommen ist Ich ließ einen Rahmen herstellen, in dem ich senkrecht Pflöcke einsetzte, so daß der Rahmen einer auf den Rücken gekehrten Egge gleichkam. Auf die Spitzen dieses Eggenrahmens legte ich den Stoff verkehrt. Die Schwere desselben ließ ihn da einsinken, wo nicht ein Pflock daran hinderte. An jedem Pflock aber ließ ich das Zeug mit starkem Bindfaden umbinden. So erhielt ich bei einem Stück von beispielsweise 30 Ellen gegen 150 Unterbindungen. Nun wurde das Stück abgenommen, fest zusammen gerollt und 2–3 Stunden gekocht. Der Erfolg war, daß sich rosetten- oder strahlenartig die Kniffe und Knautschen durch Verlegung des Haarstriches ausdrückten. Der Stoff hatte so an Regelmäßigkeit des Effectes gewonnen und die Methode garantirt die Fabrication gleichartig geknautschter Stücke. Diese Methode hat sich nach einiger Zeit überall hin verbreitet. Durch Versetzung der Pflöcke im Rahmen nach verschiedenen Dessin-Anordnungen erzielt man selbstverständlich andere Effecte.

Es ist übrigens nicht nothwendig, den Stoff zuvor zu färben, sondern das kann auch nachher geschehen. Bei Anilinfarben ist sogar das nachherige Färben durchaus vorzuziehen. Ferner ist es ein großer Irrthum, wenn man angibt, daß diese Stoffe aus Kameelgarn hergestellt seyen. Jedes Plüschgewebe aus Wolle von einigermaßen langem Haar ist hierzu brauchbar und thatsächlich sind Astrachans mit Kameelgarn sehr selten. Es ist jene Angabe eben nur der Unwissenheit im Webereifache zuzuschreiben. Von streifenartiger Herstellung der Astrachan-Dessins ist vollends keine Rede, sie wird sogar ängstlich vermieden. Imitation von Tigerfell, Löwenfell etc. liegt dabei sehr fern; die Färbung in jenen Felltönen war schon vor der Erfindung des Astrachans vollständig bekannt und angewendet. (Musterzeitung, Zeitschrift für Färberei, Druckerei etc., 1871, Nr. 1.)

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