Titel: Ueber ein sehr wirksames Mittel, übelriechende, eiternde Wunden u.s.w. zu desinficiren; von Dr. Ph. Fresenius.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 15 (S. 247–248)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi03_15

Ueber ein sehr wirksames Mittel, übelriechende, eiternde Wunden u.s.w. zu desinficiren; von Dr. Ph. Fresenius.

Die Desinfection beschäftigt sich bekanntlich damit, gesundheitsschädliche Gase, Miasmen u.s.w. unschädlich zu machen. Es wird dieser Zweck auf zweierlei Weise, nämlich theils durch Oxydationsmittel, theils durch Reductionsmittel erreicht.

Bei Gelegenheit des Krieges wurde, für alle vorkommenden Fälle, im September vergangenen Jahres, von dem Vorstande der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin an alle Mitglieder dieser Gesellschaft eine Tabelle gesandt,46) welche in kurzen Grundzügen, auch für Laien faßliche Weise die Mittel an die Hand gab, Räume, sowohl offene als geschlossene, deßgleichen Flüssigkeiten, Auswurfsstoffe, Wäsche u. dergl. zu desinficiren. Obgleich diese Tabelle zwar für Chemiker nichts Neues enthielt, so ist man doch der genannten Gesellschaft für diese sinnreiche und nutzbringende Zusammenstellung zu großem Danke verpflichtet.

Leider ist bei der lange anhaltenden Dauer des Krieges das Feld der Desinfection ein immer größeres geworden, und mußte man daher auf Mittel und Wege sinnen, wie man dasselbe immer vortheilhafter bearbeite, um schneller zum Ziele zu gelangen.

Unsere hauptsächlichsten Hülfsmittel zur Desinfection bestehen kurz aus folgenden Agentien: übermangansaurem Kali in wässeriger Lösung, Carbolsäurelösung, Chlorwasser, Chlorkalk, Aetzkalk, verschiedenen Vitriolen, Essigsäure u.s.w. In den meisten Fällen kam man mit diesen Mitteln in verschiedener Form aus. Nur ein Uebelstand blieb uns noch in den Lazarethen zu bekämpfen übrig und gerade der belästigt uns am meisten. Es ist dieß die Ausdünstung von eiternden Wunden, welche die Lazarethe oft mit pestilenzialischem Gestanke erfüllt, der durch keines der bis jetzt angewandten Mittel gänzlich zu vertreiben gewesen, wenn die Ursache des Uebels nicht gleich im Keime erstickt wurde.

In der am 3. December 1870 abgehaltenen 13. Sitzung „der chemischen Gesellschaft zu Frankfurt a. M.“ wurde nun durch Schreiber dieses die Frage gestellt, ob wohl ein Weg ausfindig gemacht werden könne, die Ausdünstung von eiternden |248| Wunden zu beseitigen und dabei angeführt, daß alle seither angewandten Mittel, selbst poröse Kohle, ohne Erfolg geblieben seyen.

Prof. Böttger schlug vor, Schießwolle (oder Collodiumwolle), die mit einer Lösung von übermangansaurem Kali getränkt sey, zu genanntem Zwecke anzuwenden. Dieser Vorschlag wurde von sämmtlichen anwesenden Chemikern als vortrefflich begutachtet, und fiel ein Versuch damit in der That über alles Erwarten günstig aus. Die Wunde eines durch die Brust geschossenen, in einem hiesigen Lazarethe liegenden Soldaten verbreitete einen höchst pestilenzialischen Gestank, der die ganze Umgebung inficirte, so daß die Aerzte kaum das Zimmer zu betreten wagten und erklärten, daß der Geruch von Eiterlappen anderer Kranken gegen diesen Geruch wie der von cölnischem Wasser erscheine. Hier nun wurde über die Compressen ein Bäuschchen Schießwolle, die mit einer Lösung von übermangansaurem Kali getränkt war, applicirt und verbunden. Von dem Augenblicke des Beginnes dieser Operation an hörte die üble Ausdünstung auf und hat sich dieses Mittel so ausgezeichnet bewährt, daß der den Verwundeten behandelnde Arzt nicht Lobes genug dafür aufzubringen wußte.

In der That läßt sich auch die Wirksamkeit dieses Mittels leicht theoretisch nachweisen. Baumwolle hat bekanntlich die Eigenschaft, Gase mit Leichtigkeit zu filtriren und von organischen, Gährung und Fäulniß bedingenden Stoffen, Staubtheilchen u.s.w. zu befreien; findet sich nun zu gleicher Zeit ein Körper vor, der die Eigenschaft besitzt, Miasmen oder was sonst von schädlichen Stoffen da seyn mag, zu zerstören, wie es die Manganlauge thut, so liegt das günstige Resultat auf der Hand.

Zu diesen Operationen wurde nicht gewöhnliche Baumwolle, sondern Schießwolle deßhalb genommen, weil diese die Manganlauge unzersetzt in sich aufnimmt und kein anderer Körper so geeignet erschien in allen Fällen Anwendung zu finden beim Anlegen der Verbände.

Der Erfolg dieses Mittels ist ein so schlagender, daß ich nicht umhin kann, alle Aerzte, die in Lazarethen beschäftigt sind, darauf aufmerksam zu machen und diese Methode des Verbandes allgemein einzuführen bei übelriechenden Wunden.

Auch bei übelriechendem Athem der Tuberculosen u. dergl. dürfte dieses Mittel mit Erfolg Anwendung finden, indem man den Kranken durch einen Respirator, der mit übermangansaurer Kalilösung imprägnirter Schießwolle versehen, athmen läßt. (Böttger's polytechnisches Notizblatt, 1871, Nr. 3.)

|247|

Mitgetheilt im polytechn. Journal Bd. CXCVIII S. 350.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: