Titel: Die Härtung der Eisenbahnschienen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 4 (S. 241–242)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi03_4

Die Härtung der Eisenbahnschienen.

Schon seit Jahren ist man allerorts bestrebt, den Eisenbahnschienen durch eine größere Härte im Kopf, an der Bahnfläche, eine längere Dauer zu geben, nachdem die Erfahrung gezeigt hat, wie schnell die gewöhnlichen Eisenschienen auf allen mehr befahrenen und auf gebirgigen Strecken situirten Bahnen zu Grunde gehen. Man verwendet zu dem Ende für den Kopf der Schiene entweder ein phosphorhaltiges, oder besser ein stahlartiges Eisen, Puddelstahl, oder noch besser – man stellt die ganze Schiene aus entsprechendem Bessemermetalle dar. Die Verwendung eines härteren Eisens oder Stahles erschwert die Fabrication und erleichtert das Brechen der Schienen im Gebrauche. Ohne Zweifel aus Besorgniß vor dem Brechen der Schienen hat man mit einer Härtung der Schienen durch plötzliche Abkühlung bisher in Oesterreich und Deutschland keinen Versuch, noch weniger eine Anwendung im Großen gemacht.

Ein reiner Zufall führte in Rußland, u. z. auf der Demidoff'schen Schienenhütte |242| zu Salda Nischue, vor etlichen Jahren zu der Erfahrung, daß die aus geeignetem Materiale angefertigten Schienen durch eine Härtung mittelst rascher Abkühlung an ihrem Werthe für die Verwendung wesentlich gewinnen,44) und seit dieser Zeit werden in Rußland auf allen Schienenfabriken die fertig gewalzten und abgeschnittenen Schienen in Wasser gehärtet. Auf der Schienenhütte des Hrn. v. Putilow bei St. Petersburg, wo die Schienen mit Köpfen aus ziemlich weichem Puddelstahl erzeugt werden, läßt man die Schiene bis zum nahen Verschwinden der sichtbaren Hitze abkühlen, bevor man sie in das Wasser wirft; in Salda, sowie auf der ärarischen Hütte zu Wolkinsky, wo die ganze Schiene aus hartem Eisen, u. z. im Kopf und Fuß aus doublirten (geschweißten) Platten hergestellt ist, wird die von der Säge kommende Schiene sogleich, daher in noch deutlich sichtbarer Glühhitze in kaltes Wasser geworfen.

Wenn dieß für die russischen Bahnen, welche im Winter bei einer Temperatur von 30–40° R. unter Null befahren werden, seit Jahren als zulässig erprobt ist, so muß dieses Härten für unsere Verhältnisse um so mehr zulässig und vortheilhaft erscheinen.

Offenbar hängt die Gefahr der Brüche bei guten gehärteten Schienen nur von dem Grade der Härte, des Kohlengehaltes im stahlartigen Eisen und von der Temperatur ab, in welcher die Härtung vorgenommen wird, und dürfte kaum ein haltbarer Grund aufzufinden seyn, warum man bei den Schienen die Härtung gar nicht anwenden soll, während sie doch in so vielen anderen Fällen bei Artikeln in einem höheren Grade angewendet wird, bei denen ein Bruch von nicht geringeren Nachtheilen als bei einer Eisenbahnschiene ist. – Unbestreitbar ist, daß eine solche Härtung durch rasche Abkühlung mehr wirkt und von geringerer Gefahr begleitet seyn muß, als es bei Verwendung eines phosphorhaltigen, kaltbrüchigen Eisens der Fall ist. Aber auch bei reinem Eisen dürfte bei ein und demselben Härtegrad, welcher bei ungehärteten Schienen durch einen höheren Kohlengehalt, und bei gehärteten Schienen von geringerem Kohlengehalte durch die rasche Abkühlung, d. i. durch die Härtung erzielt wird, in letzterem Falle die Gefahr eines Bruches geringer seyn, und jedenfalls ist die Fabrication der Schienen aus Eisen von geringerem Kohlengehalte eine leichtere, billigere.

Die Härtung der Schienen, entsprechend der Beschaffenheit des in denselben enthaltenen Eisens ausgeführt, ist um so mehr der Beachtung der Schienenfabriken und Eisenbahnen zu empfehlen, als die dießbezüglichen Versuche zwar einige Fachkenntniß erfordern, aber fast keine Kosten verursachen, für die Praxis aber gleichwohl von wichtigen ökonomischen Folgen seyn können, und nach den Erfahrungen in Rußland seyn müssen.

(Aus einem von Ministerialrath Ritter v. Tunner dem k. k. Ackerbau-Ministerium erstatteten Gutachten über eine von ihm in den Monaten Juli bis September 1870 unternommene Reise nach Rußland, um die St. Petersburger Ausstellung und die Werke am Ural zu besuchen; österreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1870, Nr. 52.)

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Bei der gewöhnlichen Schienenfabrication ohne eine Härtung war man in Salda wegen Mangel an Raum veranlaßt, eine Partie der erzeugten Schienen im Winter außerhalb der Hütte auf gefrorenen Boden in Schnee zu legen. Bei den darauf von der Uebernahms-Commission mit sämmtlichen Schienen vorgenommenen Proben hat sich gezeigt, daß die auf diese Weise zufällig gehärteten Schienen den gestellten Anforderungen auffallend besser entsprachen, als die langsam erkalteten.

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