Titel: Die Vollendung des Mont Cenis-Tunnels.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 1 (S. 329–330)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi04_1

Die Vollendung des Mont Cenis-Tunnels.

Bei dem Mont Cenis-Tunnel-Betriebe betrug am Ende des Monates Februar 1869 das noch zu durchörternde Mittel 2835 Meter und stand der Durchschlag gegen Mitte des Jahres 1871 zu erwarten. Es wurde schon damals die Hoffnung ausgesprochen, daß in Folge der fortschreitenden Verbesserung der Art der Arbeit die Vollendung des Tunneldurchhiebes auch noch früher stattfinden könne.

Diese Erwartung hat sich erfüllt, denn bereits am 25. December 1870 berichtete das Wolf'sche Telegraphenbureau, daß am selbigen Tage Nachmittags 4 1/2 Uhr der Durchschlag genau in der Mitte des Tunnels erfolgt sey.

Ueber das große, nun vollbrachte Werk haben wir unseren Lesern von Zeit zu Zeit kurze Mittheilungen gemacht und beschränken uns auf folgende Recapitulationen:

Der Plan des Tunnelbaues wurde im Jahre 1856 entworfen. Im Verlaufe eines Jahres wurde die Linie des Tunnels genau festgestellt. Ihre Länge betrug 12220 Meter, d. i. 17/8 deutsche Meilen. Die beiden Endpunkte haben einen Niveau-Unterschied von 435 Fuß. Die Neigung wurde in Rücksicht auf freien Wasserabfluß so gewählt, daß die Tunnelsohle von italienischer Seite mit einem geringen, dagegen von der französischen Seite mit stärkerem Ansteigen getrieben wurde und in der Mitte so hoch zu liegen kam, daß sie nach beiden Seiten hin Abfall erhielt. Die Mitte des Tunnels liegt 4213 Fuß über dem Meere und 5463 Fuß unter der Frejusspitze. Die Wasserzugänge sind nicht bedeutend gewesen, sie haben auf jeder Seite nicht über 1 Liter pro Secunde betragen.

Die eigene Wärme des Gesteines betrug mitten im Tunnel, 5000 Fuß seiger unter der Oberfläche, 27 1/3° R.

Der Aushieb des Tunnels geschah zuerst durch gewöhnliche Handarbeit, an deren Stelle zu Anfang des Jahres 1861 die Maschinenarbeit trat, und zwar nur an der südlichen Seite. Beim Betriebe des Gegenortes kamen die von Sommeiller construirten Bohrmaschinen (beschrieben im polytechn. Journal, 1862, Bd. CLXIII S. 254) erst zu Anfang d. J. 1863 zur Anwendung; bei diesem Durchbohrungssystem, welches auf der Anwendung comprimirter Luft beruht, benutzte Sommeiller zuerst den hydraulischen Compressionsapparat (welcher im citirten Aufsatz beschrieben ist), wandte aber später ungeachtet der guten, mit diesen Compressionsapparaten erzielten Resultate, einen neuen Luftcompressions-Apparat an, welcher im polytechn. Journal, 1863, Bd. CLXX S. 86, beschrieben ist. Diese Bohrmaschinen dienten bekanntlich nur zum Aushiebe des 3 Meter hohen und 4 Meter weiten Richtstollens, dessen Erweiterung in gewöhnlicher Manier nachfolgte. Die jährlichen Leistungen beim Tunnelbetriebe |330| sind nach den uns vorliegenden Angaben seit 1862 von 643 Meter Erlangung auf über 1500 Meter gestiegen.

Nach einer am 7. Mai 1862 zwischen Frankreich und Italien geschlossenen Convention hat letzteres die Hälfte der Tunnellänge (61110 Met.) mit 3000 Franken für den laufenden Meter zu bezahlen. Ferner entrichtet Frankreich von diesem Bauantheile die Zinsen und bezahlt eine Prämie von 500000 Franken für jedes Jahr, um welches der Tunnel vor dem 1. Januar 1887 vollendet ist, jetzt aber sogar, da die Vollendung weniger als 15 Jahre (vom 1. Januar 1862 an gerechnet) betragen hat, für jedes Jahr, bedungener Massen, 600000 Franken.

––––––––––

Während wir dieses niedergeschrieben, kommt uns eine Mittheilung der l'Italie zu, aus der wir Folgendes reproduciren. Der durch comprimirte Luft gebohrte Tunnel beginnt auf italienischer Seite bei Bardonnêche und endet 12220 Meter davon entfernt auf französischer Seite bei Modane, 20 Kilometer von St. Michel. Schon im Jahre 1832 legte Hr. Medail der Handelskammer zu Chambery ein Project, den Mont Cenis-Tunnel zu durchbrechen, vor, welches die Aufmerksamkeit des Königs Carl Albert auf sich zog. Im Jahre 1845 entwarf der belgische Ingenieur Maus einen, auf einer von ihm erfundenen Maschine beruhenden Durchbohrungsplan. Ein drittes Project wurde von dem englischen Ingenieur Bartlett entworfen.

Inzwischen führten die von dem Physiker Daniel Colladon zu Genua angestellten Versuche, comprimirte Luft als bewegende Kraft zu verwenden, und die hieran anknüpfenden Arbeiten der Ingenieure Grandis, Grattoni und Sommeiller zu der von dem Letzteren construirten Maschine, welche die Durchbohrung des Tunnels bewerkstelligte. Nachdem der Graf Cavour durch zahlreiche Experimente die Maschine erprobt hatte, genehmigte die piemontesische Deputirtenkammer das Project am 15. August 1857. Die Ausführung wurde den Ingenieuren Grandis, Grattoni und Sommeill er übertragen, welche sich die Ingenieure Borelli, Capello und Masso beiordneten. Die Vorbereitungen erforderten 4 Jahre. Inzwischen war das Königreich Italien constituirt worden und die Nordseite des Mont Cenis zu Frankreich gekommen, jedoch verblieb die Fortsetzung der Arbeiten Italien in Gemäßheit des Artikels 4 des Vertrages vom 24. Mai 1860, durch welchen Savoyen an Frankreich cedirt wurde. Am 25. Januar 1862 weihten der König Victor Emanuel und der Prinz Napoleon das Unternehmen feierlich zu Modena ein; der König zündete die ersten von den Bohrmaschinen gestoßenen Löcher. Seitdem wurden die Arbeiten ohne Unterbrechung fortgesetzt, auf italienischer Seite unter Leitung Borelli's, auf französischer unter Capello. Am 26. December 1870 war mit dem Wegthun des letzten Bohrloches das Werk vollendet. Die Kosten werden voraussichtlich 60,000,000 Francs nicht übersteigen. Sie werden von Italien, Frankreich und der Victor-Emanuel-Eisenbahngesellschaft getragen, sind indessen von Italien allein vorgeschossen worden. Frankreich zahlt nach Maßgabe des bereits oben angegebenen Vertrages; die Victor-Emanuel-Bahn zahlt 20 Millionen Franken. Bei den Bohrarbeiten sind außer dem technischen und Vewaltungspersonal 3000 Arbeiter beschäftigt worden. (Berg- und hüttenmännische Zeitung, 1871, Nr. 5.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: