Titel: Ueber Liernur's pneumatisches System zur Entfernung von Abortstoffen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 11 (S. 335–336)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi04_11

Ueber Liernur's pneumatisches System zur Entfernung von Abortstoffen.

Das System, nach welchem der Ingenieurhauptmann Liernur aus Harlem die Abfallstoffe aus den Städten wegschafft, besteht, wie im Jahrg. 1869 des polytechn. Journals Bd. CXCII S. 430 näher beschrieben ist, in einer eisernen Röhrenleitung, welche die Aborte der Gebäude in directe Verbindung bringt mit unter dem Straßenpflaster angebrachten eisernen Reservoirs, die täglich durch eine mittelst Dampf getriebene Luftpumpe luftleer gemacht werden. Ist ein Reservoir luftleer gemacht, so öffnet man die vorher geschlossene Verbindung mit den eisernen Abortröhren, und der ganze Inhalt der letzteren stürzt dann in das Reservoir. Der Inhalt der Straßen-Reservoirs wird darauf von einem gleichfalls luftleer gepumpten, auf einem Wagen angebrachten Faß aufgesaugt und zur landwirthschaftlichen Verwendung abgefahren. Im Großen ist dieses Verfahren zuerst in Prag zur Ausführung gelangt, wo sich im Herbst 1869 ein Consortium bildete, welches darnach unter Liernur's directer Leitung eine große Caserne einrichtete.

Prof. Dr. H. Ranke hat nun, von dem General-Comité des landwirthschaftlichen Vereines in München dazu veranlaßt, über die Ausführung des Liernur'schen Systemes in Prag an Ort und Stelle Beobachtungen und Erörterungen angestellt, deren Ergebnisse im bayerischen Industrie- und Gewerbeblatt, 1870 S. 198, ausführlich mitgetheilt sind. Dieser Mittheilung zufolge ist das Liernur'sche System in der Ferdinands- und Königshofer Caserne in Prag, sowie in der Maschinenfabrik von Lüsse, Märky und Bernard in Carolinenthal bei Prag eingeführt, so daß gegenwärtig die Abfallstoffe von circa 2800 Menschen gewonnen werden, und der Erfolg ist ein äußerst günstiger. Es steht fest, daß es gelungen ist, die Fäcalien aus mehreren großen Gebäudecomplexen auf eine vom Gesichtspunkt der Hygiene untadelhafte Art zu entfernen, und die gewonnenen Düngestoffe zu solchen Preisen an |336| regelmäßige landwirthschaftliche Abnehmer zu verkaufen, daß das ganze Unternehmen als ein rentirendes Geschäft sich darstellt. Dabei hat sich das Verfahren auch während der kalten Winterzeit, in welcher man mancherlei Störungen hätte erwarten können, vollkommen bewährt.

Vertragsmäßig hatte Liernur, resp. das hinter ihm stehende Consortium der Herren W. Beller, A. Diehl und L. Maydelin, ohne jede Beisteuer des k. k. Militär-Aerars, die Kosten der Einrichtung des Liernur'schen Systemes in den Casernen selbst zu tragen, wogegen von Seiten des Militär-Aerars dem Consortium auf 15 Jahre die Fäcalstoffe aus sämmtlichen Prager Militärgebäuden unentgeltlich überlassen wurden. Die sämmtlichen Fäcalien werden an die Oekonomie und Zuckerfabrik Czakowitz in der Nähe von Prag verkauft, welche mit dem Liernur'schen Consortium einen Contract auf jährlich 20000 Ctr. Fäcalien, mit Verkaufsrecht bis zu 30000 Centner, zum Preis von 66 Kreuzer pro Centner abgeschlossen hat und gegenwärtig gegen 1300 Ctr. Fäcalien monatlich erhält. Die Fäcalien wurden hier bisher ausschließlich zur Compostbereitung mit Stalldünger verwendet. Um eine selbstständige Beurtheilung des wirklichen Handelswerthes der nach Liernur'schein System gewonnenen Fäcalien zu ermöglichen, übergab man dem Prof. Jul. Lehmann, Vorstand der landwirthschaftlichen Central-Versuchsstation in München, eine Probe zur Untersuchung. Die Analyse ergab folgende Zusammensetzung von 100 Pfd. frischen Excrementen:

Wasser 90,700 Pfd.
organische Substanz und kohlensaures Ammoniak 7,540
Phosphorsäure 0,244
Kali 0,172
Kochsalz 0,774
Kalkerde 0,124
Bittererde 0,120
Eisenoxyd 0,035
Schwefelsäure 0,041
Kieselsäure 0,009
in Säure Unlösliches 0,214
––––––––––––
Summa 99,973 Pfd.
Stickstoff in 100 Pfd. frischer Excremente = 0,7 Pfd.

Nach den jetzt üblichen Preisen bestimmt Prof. Lehmann den Werth dieses Düngers auf 46 Kreuzer österr. W. pro Zollcentner. Demnach wäre allerdings der von Czakowitz gezahlte Preis, vorausgesetzt daß die Zusammensetzung des Düngers nicht sehr wechselt, um ein Beträchtliches zu hoch. Zu erwähnen ist noch, daß auch die Casernen Brünns durch dasselbe Consortium, welches in Prag die Sache in der Hand hat, nach Liernur'schem System und zu denselben Bedingungen wie in Prag eingerichtet werden sollen, und daß Capitän Liernur sein System auch in verschiedenen Gebäuden und Gebäudecomplexen in Cöln einführt. Es ist ihm gelungen, den Absatz der Fäcalien von 10000 Menschen zu 7 1/2 Sgr. pro Centner an Landwirthe der Umgebung Cölns zu sichern. (Deutsche Industriezeitung, 1870, Nr. 42.)

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