Titel: Apocynum, eine neue Gespinnstpflanze; von Dr. H. Grothe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 8 (S. 334)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi04_8

Apocynum, eine neue Gespinnstpflanze; von Dr. H. Grothe.

Die Baumwollkrisis zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges hat mehr denn je vorher irgend ein Ereigniß Anlaß gegeben zur genaueren Beachtung der Eigenthümlichkeiten der Pflanzen. Dabei hat sich die Aufmerksamkeit wesentlich auf die Verwendbarkeit der Pflanzenfasern zu Gespinnsten und Geweben gerichtet, die verschiedenen Ausstellungen haben ebenfalls Einfluß hierfür gehabt. Seitdem haben wir schon manche vordem unberücksichtigt gelassene Faser zum Gebrauche gebracht Wir erinnern an die Jute, die Rheafaser, das Chinagras, das Esparto etc. Diese genannten Fasern haben sich bereits eingebürgert und die Industrien, welche sich daran geknüpft haben, vergrößern sich täglich, weil immer mehr erkannt wird, daß diese Fasern sich durch Schönheit und Feinheit der Faser oder durch Haltbarkeit und einfache Bearbeitung auszeichnen.

In diese Reihe von neuerdings angewendeten Faserstoffen möchten wir auch das Apocynum rechnen. In früherer Zeit schon wurden die Bastfasern von Apocynum cannabinum in Virginien und anderen Staaten Nordamerika's als Material für Netze, Taue und Stricke, aber auch für Gewebe benutzt und besonders waren es die Schweden, welche diese Faser in Gebrauch nahmen. Sie nannten sie Wilsk Hampa. Allmählich verschwand dieselbe wieder und man benutzte sie in Europa nicht mehr. Auf der nationalen russischen Ausstellung in St. Petersburg im Juli 1870 aber sahen wir unter den Ausstellungsobjecten von Südsibirien eine schöne, glänzende und feine, sehr weiße Faser und daraus gefertigte Gewebe in schneeiger Weiße und mit hohem Seidenglanz, ferner braungelbe Fischernetze von großer Festigkeit, Jägertaschen und Schuhe aus derselben Faser, und als wir näher darauf eingingen und nach dem Namen dieses Materiales fragten, hörten wir, daß es herstamme von Apocynum Venetum und A. Sibiricum. Diese Pflanzen treiben hohe, gertenähnliche Schößlinge von 2 bis 8 Fuß Länge, in deren Rindenbast diese kostbare Faser enthalten ist. Sie trennt sich leicht aus der Rindenumhüllung ab, wird geröstet und läßt sich vorzüglich leicht bleichen. Bei geeigneter Bearbeitung erweist sie sich ungemein theilbar, mehr sogar als der Flachs, welchen sie an schöner Weiße und hohem Glanz übertrifft. Die Benutzung dieser Pflanze ist im ganzen Südsibirien verbreitet, ferner am caspischen Meer, in Turkestan, Taschkend und in den Steppen Südrußlands; sie und ihre Fasern verdienen jedenfalls Aufmerksamkeit. (Musterzeitung, Zeitschrift für Färberi, Druckeri etc., 1871, Nr. 5.)

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