Titel: Einfluß der Kälte auf Eisen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 3 (S. 509)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi06_3

Einfluß der Kälte auf Eisen.

Die Thatsache, daß Brüche von Eisenbahnschienen und Radreifen bei kalter Witterung häufiger vorkommen als bei warmer, hat zu der weitverbreiteten Ansicht geführt, daß die Festigkeit von Eisen und Stahl in der Kälte abnehme. Mehrere bedeutende Eisenbahnunfälle, welche in den kalten Tagen des vergangenen Winters in England vorgekommen sind, haben nun unter hervorragenden englischen Technikern eine lebhafte Discussion über die Frage veranlaßt, ob ein derartiger Einfluß der Kälte wirklich stattfinde. Die Ansichten darüber waren sehr verschieden. So glaubte Brockbank durch seine Versuche mit gußeisernen Stäben unzweifelhaft constatirt zu haben, daß deren Festigkeit bei einer Temperatur von unter 0° C. beträchtlich abnehme, daß dagegen die Festigkeit von Eisendraht und überhaupt von kleineren Schmiedeeisenmassen entschieden in der Kälte größer sey, als in der Wärme. Die Versuche mit Eisendraht ergaben z.B., daß Draht von Nr. 5 1/2 der Birmingham-Lehre bei – 7° C. durchschnittlich nur 2123 Pfd., bei 32° C. dagegen 2097,6 trug, bei der ersten Temperatur 15 Windungen aushielt, ehe er brach, bei der zweiten dagegen während der 14. brach. Andererseits zeigten größere Schmiedeeisenstücke und Eisenbahnschienen in der Wärme größere Festigkeit als in der Kälte. – Sir W. Fairbairn behauptete dagegen, ebenfalls auf Grund seiner Versuche, daß Eisen und Stahl in der Kälte stets fester seyen als in der Wärme, und daß das häufige Brechen von Radreifen etc. bei strenger Kälte nur der zu starken Zusammenziehung zuzuschreiben sey. Ebenso gab Spence als Resultat seiner mit schwachen Stäben angestellten Versuche an, daß die Festigkeit von Gußeisen im Winter größer sey, als im Sommer. Aus Allem scheint hervorzugehen, daß der Einfluß von Temperaturänderungen bei großen Massen bedeutend, bei kleinen Massen dagegen gering ist, daß auch vielleicht bei letzteren die Erwärmung durch Biegung, Drehung etc. berücksichtigt werden muß und daß endlich auch die Art, in welcher das Eisen oder der Stahl beansprucht wird, von Bedeutung ist. (Deutsche Industriezeitung, 1871, Nr. 11.)

Diese lebhafte Discussion, welche unter den englischen Technikern über die Frage entstanden ist, ob die Festigkeit von Eisen durch die Kälte verringert wird, hat uns veranlaßt, die von den Eisenbahnverwaltungen veröffentlichten Angaben über Achsenbrüche, welche in den Jahren 1863 bis 1869 auf deutschen Eisenbahnen vorgekommen sind, in dieser Hinsicht zu vergleichen. Die nachstehende Uebersicht läßt erkennen, wie sich diese Fälle auf die einzelnen Jahreszeiten vertheilt haben.

December bis
Februar
März bis
Mai
Juni bis
August
September bis
November
Anzahl
der Brüche
Proc. Proc. Proc. Proc.
1863 31,9 24,4 21,5 22,2 135
1864 39,0 18,2 22,1 20,7 154
1865 29,4 23,6 24,8 22,2 153
1866 26,0 17,9 25,4 30,7 169
1867 28,0 22,9 16,8 32,3 214
1868 33,8 22,1 26,0 18,1 204
1869 22,7 28,8 22,1 26,4 163
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Durchschnitt 30,1 22,6 22,7 24,6
Durchschnitt für September bis Februar 54,7 Proc.
Durchschnitt für März bis August 45,3 „

Hiernach kommen Achsenbrüche entschieden häufiger im Winter als in einer anderen Jahreszeit vor und es würde allerdings am nächsten liegen, den Grund dieser Erscheinung in den Temperaturverhältnissen zu suchen. (A. a. O., Nr. 12.)

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