Titel: Ueber das chemische Verhalten des Phosphors zum Terpenthinöl und die antidotarische Wirkung des letzteren bei der Phosphorvergiftung; von H. Köhler.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 199/Miszelle 6 (S. 510–511)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj199/mi199mi06_6

Ueber das chemische Verhalten des Phosphors zum Terpenthinöl und die antidotarische Wirkung des letzteren bei der Phosphorvergiftung; von H. Köhler.

In gemeinschaftlich mit Schimpf ausgeführten Versuchen bestätigte der Verf. die zuletzt von Personne (polytechn. Journal, 1869, Bd. CXCIII S. 440) gemachte Angabe, daß das gewöhnliche (sauerstoff- und wasserhaltige) Terpenthinöl ein wirksames Gegengift des Phosphors sey. Von 25 „Versuchsthieren,“ welche neben 0,006 bis 0,09 Grm. Phosphor bis zu 4,5 Grm. solchen Terpenthinöls erhielten, ging kein einziges durch Phosphor zu Grunde; bei der Section derselben fand sich keine Spur von Verfettung oder anderen Folgen der acuten Phosphorvergiftung; im Koth und Harn ließ sich nach Blondlot-Neubauer niemals Phosphor nachweisen.

Diese Wirkung des sauerstoffhaltigen Terpenthinöls beruht darauf, daß dieses mit |511| dem Phosphor eine schon von Jonas (Annalen der Chemie und Pharmacie, Bd. XXXIV S. 238) beschriebene, aber nicht näher untersuchte unschädliche Verbindung eingeht, welche durch den Harn wieder ausgeschieden wird. Man erhält dieselbe nach dem Verf., wenn man in 2 Pfd. gewöhnlichen Terpenthinöls, welches auf 40° C. erwärmt wird, nach und nach 1 1/2 Loth Phosphor einträgt, mit der Vorsicht, den Kolben vom Sandbade zu entfernen, wenn der Phosphor geschmolzen ist, und dann zu schütteln. Beim Erkalten scheidet sich etwas überschüssiger, schnell roth werdender Phosphor und ein Theil der Verbindung als krystallinische, wallrathähnliche Masse aus, welche man durch Lösen in Alkohol von dem Phosphor trennen kann. Die Mutterlauge gibt bei freiwilligem Verdunsten noch mehr von der krystallinischen Verbindung und erstarrt zuletzt vollständig. Die Krystalle werden dann abgepreßt. Diese Verbindung entsteht bloß aus sauerstoffhaltigem Terpenthinöl; aus der Lösung von Phosphor in reinem Terpenthinöl scheidet sich beim Erkalten der Phosphor unverändert wieder ab. Terpenthinöl welches längere Zeit im Lichte gestanden hat, entwickelt dagegen bei der Berührung mit Phosphor so viel Wärme, daß das Gemisch sich von selbst entzünden kann.

Die Verbindung ist vollständig krystallinisch und weiß, reagirt sauer, läßt sich an der Luft nicht aufbewahren, sondern wird schnell klebrig und verwandelt sich in eine nach Kienöl riechende harzige Substanz, in welcher sich Phosphorsäure direct nachweisen läßt. Oberhalb 50° C. schmilzt sie unter Zersetzung zu einer gelblichen Harzmasse, bei 40° zersetzt sie sich im Wasserstoffstrome unter Entwickelung selbstentzündlichen Phosphorwasserstoffes. Sie löst sich in Alkohol, Aether, Petroleumäther, Benzol und Alkalien. Mit den Erden und Metalloxyden bildet sie unlösliche Salze. Die Analyse des Barytsalzes führte zu der Formel C²⁰H¹⁵PO², Ba. Der Verfasser nennt diese Verbindung terpenthinphosphorige Säure.

Von der terpenthinphosphorigen Säure vertragen Kaninchen und Hunde 0,03 bis 0,3 Grm. (in alkoholischer Lösung) ohne irgend welche Intoxications-Erscheinungen; nur die Körpertemperatur sinkt. Die terpenthinphosphorige Säure wird durch den eigenthümlich campherartig riechenden Harn abgeschieden und geht bei der Destillation desselben in das alkalisch reagirende Destillat über. Das Destillat reducirt Sublimat zu Calomel und scheidet aus Silberlösung metallisches Silber ab; läßt man dasselbe Wochen lang an der Luft stehen, oder behandelt man es mit oxydirenden Substanzen, so läßt sich in ihm Phosphorsäure nachweisen. Ebenso verhält sich der Harn mit Phosphor vergifteter und mit Terpenthinöl behandelter Thiere. Derselbe riecht nicht veilchenartig; das Destillat besitzt einen starken Opodeldocgeruch, reducirt die genannten Metallsalze und gibt erst nach der Oxydation mit rauchender Salpetersäure Reaction auf Phosphorsäure. Ob auch chemisch reines, sauerstofffreies Terpenthinöl ein Antidot gegen Phosphor ist, bleibt weiterer Untersuchung vorbehalten. (Berliner klinische Wochenschrift, 1870 Nr. 50; chemisches Centralblatt, 1871, Nr. 5.)

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