Titel: Norddeutsche Eiswerke in Berlin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 200/Miszelle 16 (S. 247)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj200/mi200mi03_16

Norddeutsche Eiswerke in Berlin.

Dieselben sind in solchem Maaßstab angelegt, daß sie schon jetzt den gesammten wirklichen Bedarf an Eis in Berlin mehr als zur Hälfte decken, und spricht für die Gemeinnützigkeit des Unternehmens vornehmlich, daß dasselbe es nicht nur dem Großbedarf in Krankenhäusern, Brauereien etc., sondern auch dem Kleinbedarf in den Haushaltungen äußerst bequem macht, sich die kühlende Rohsubstanz je nach dem augenblicklichen Bedarf auf rein geschäftlichem Wege zu verschaffen. Der Betrieb der Werke geschieht auf folgende Weise: Die abzueisende Fläche bildet der sogenannte Rummelsburger See, zu welchem sich die Oberspree, Treptow gegenüber, ausbuchtet. Sobald das Eis die erforderliche Stärke erhalten hat, wird es auf der jedesmal in Angriff genommenen Theilfläche vermittelst eines Eispfluges in regelrechte, 2–3 Fuß breite Quadern getheilt; der mit seinen langen Zähnen in Linien von etwa 2 Zoll Tiefe einschneidende Pflug wird von einem Pferde gezogen. Die Quadern werden dann mit einer etwa 6 Fuß langen Säge den Linien nach abgetheilt. Auf Zungen-Canälen werden die Quadern, welche Schollen in einer Länge von 8 bis 10 Fuß bilden, zusammenhängend – schon um die Arbeit des Transportes bis zu den Uferplätzen vor den Eishäusern müheloser zu machen – dorthin geschwemmt. Hier werden sie bei ihrer Ankunft mittelst Pieken sogleich in kleinere, regelrechte Schollen oder Quadern getheilt, welche, bei einer Eisstärke von circa 2 Fuß durchschnittlich eine Schwere von 2 1/2 Ctr. haben. Mittelst Paternosterwerke, die von einer Dampfmaschine getrieben werden, werden die Stücke mit großer Schnelligkeit auf die schrägen, in die rohrbedachten, breterwandigen Schuppen (Eishäuser) aufsteigenden Holzebenen gezogen und so in diese selbst geführt. Die Dampfmaschine treibt 6 Paternosterwerke, welche in jeder Minute 20 Ctr., zusammen also 160 Ctr. zu fördern vermögen. In der Stunde können somit 160 × 60 = 9600 Ctr. und per Tag, da die Werke täglich 10 Stunden im Betriebe sind, 96,000 Ctr. gefördert werden. Die Häuser stellen sich mit ihren hohen Rohrdächern als 9 zusammenhängende Doppelhäuser dar, die mit ihren Vorgiebeln nach dem See, mit ihren Hintergiebeln nach der vorbeiführenden Straße weisen. Oben in den Schuppen anlangend, fallen die Schollen ohne Aufenthalt in dieselben, um auf der gering abgeschrägten Rückfallsebene an den Ort ihrer Aufspeicherung zu gelangen. Durch Arbeitskräfte werden sie hier an einander gereiht, so daß die Aufspeicherung in horizontalen, über einander liegenden Schichten sich vollzieht, die an ihrer Oberfläche als einen krystallenen Parquet-Fußboden sich darstellen. 30 Fuß hoch wird das Eis so übereinander geschichtet, und schließlich mit Hobelspänen bedeckt. 300 Menschen sind zu der so geschilderten Production als Bedienungsmannschaft nöthig. Etwa 4 Wochen lang gewährt ihnen dieselbe einen Tagelohn von 20 bis 25 Sgr. zu einer Jahreszeit, während welcher für sie die Arbeit zu ruhen oder knapp zu seyn pflegt. Die Productionskosten der Einbringung – abgesehen von dem Transport nach Berlin – bleiben hinter der früheren und nebenher noch gegenwärtig betriebenen naturalistischen Weise der unmittelbaren Abfuhr um etwa zwei Drittel zurück. Wir bemerken noch, daß das so geschilderte rein amerikanische System der Production von Roheis hier zuerst und bisher allein in Deutschland zur Anwendung gebracht wurde. (Arbeitgeber, 1871, Nr. 718.)

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