Titel: Bessemer's Construction schwerer Geschütze.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 202, Nr. LXXXI. (S. 350–351)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj202/ar202081

LXXXI. Bessemer's Construction schwerer Geschütze.

Nach Engineering, September 1871, S. 173.

Mit Abbildungen auf Tab. V.

Henry Bessemer hat sich in letzterer Zeit mit dem Probleme beschäftigt, Geschosse von so großen Gewichten wie sie bisher nicht zur Anwendung gebracht werden könnten, mit verhältnißmäßig leichten Geschützrohren zu combiniren, was erreicht werden soll, indem die ballistische Wirkung der Pulverladung verstärkt, ihre Einwirkung auf die Rohrwandungen aber abgeschwächt wird. Bei Rohren von entsprechender Länge glaubt der Erfinder diesen Zweck durch eine Reihe zusammenhängender oder wiederholter Explosionen bewirken zu können, welche eine verhältnißmäßig geringe aber durchaus gleichmäßige Pressung auf das im Rohre vorschreitende Geschoß ausüben; er hofft, daß dadurch die Geschoßgewichte künftig nach Tonnen, statt nach Pfunden berechnet und daher auch bei geringeren Geschoß-Anfangsgeschwindigkeiten eisengepanzerte Schiffe oder Forts zerstört werden können.

Während in dem bisherigen Rohrsysteme mit sehr starken Rohrwänden die Pulverladung anfangs etwa 60000 Pfd. Druck pro Quadratzoll auf deren Seelenwände ausübt und dieser Druck, nachdem das Geschoß etwa 10 Fuß im Rohre vorgeschritten ist, sich auf circa 15000 Pfd. pro Quadratzoll verringert, schlägt nämlich Bessemer vor, an Stelle dieses heftigen und ungleichen Stoßes eine gleichmäßige Triebkraft von circa 3000 Pfd. pro Quadratzoll bei etwa 50 Fuß langen Rohren zu setzen, um eine der früheren gleiche Wirkung bei verminderter Rohranstrengung zu erzielen.

Von den zur Versinnlichung dieser Idee beigegebenen Zeichnungen stellt Fig. 32 die Seitenansicht, Fig. 33 den Längendurchschnitt und Fig. 34 einen Querschnitt des Rohres dar. Dasselbe soll aus mit Stahlringen gepanzerten schmiedeeisernen Röhren zusammengesetzt werden, welche ihre Verbindung unter sich durch Verbolzung ihrer umgebogenen Ränder mit einander erhalten. Als Rohrverschluß dient eine in das hintere Rohrende eingeschrobene Schwanzschraube mit vorgesetzter Liderung aus Kupfer (oder einem sonstigen geeigneten Metall), und die Handhabung dieses Verschlusses soll durch eine mit Hebel versehene Stange g (Fig. 33) geschehen, die, vermittelst eines Krahnes getragen, an ihrem hinteren Ende ein Gegengewicht i hat, welches mit Handhabe zur Umdrehung des Verschlußstückes um seine Längenachse versehen ist.

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Zur Hervorbringung eines continuirlichen Gasdruckes auf das Geschoß, wird ein cylindrischer Ladungscylinder von Stahl lose in das Rohr eingesetzt, in welchen, parallel zu seiner Längenachse, 20 bis 100 (je nach dem Kaliber) cylindrische Ladungskammern von 2 bis 5 Zoll Durchmesser eingebohrt wurden; jede dieser letzteren enthält eine Reihe von allmählich immer stärker werdenden Pulverladungen, welche durch Diaphragmen, Mehlpulverschichten etc. von einander getrennt, durch centrale Zündungsleitungen mit einander verbunden sind, daher nur nach und nach zur Explosion kommen können. Diese Anordnung ist durch Fig. 33 im Längenschnitt und durch Fig. 35 im Querdurchschnitt versinnlicht. – Die Entzündung der obersten Ladungsschichten geschieht durch ein in besonderer Höhlung o (Fig. 33) central angebrachtes Zündhütchen, welches durch einen in der Verschlußstange g liegenden Schlagstift l (Fig. 33) zur Explosion gebracht werden kann.

Der beabsichtigte continuirliche Gasdruck auf das Geschoß läßt sich nach Bessemer aber auch in der Weise herstellen, daß die einzelnen Pulverzellen des Verschlußstückes in gewöhnlicher Art mit Pulver gefüllt und dann durch Elektricität nur nach und nach in dem Maaße entzündet werden als das Geschoß im Rohre vorschreitet.68) Dieß soll durch die Leitungsdrähte galvanischer Batterien bewerkstelligt werden, deren Paare isolirt in die Ladungszellen und in die Rohrwandung des Geschützes v, v, v (Fig. 36) eingeführt werden, wobei sie aus letzterer nach Innen hin so weit vorstehen, daß das im Rohre vorschreitende Geschoß sie berühren und dadurch den unterbrochenen Strom der betreffenden galvanischen Batterie in beiden Leitungsdrähten wieder herstellen muß, wodurch an den Drahtspitzen der entsprechenden Pulverkammer der elektrische Funke überspringt und die betreffende Zellen-Pulverladung entzündet.

Die zu verwendenden Geschosse sind entweder Rundgeschosse mit nach dem Kaliber abgeflachter cylindrischer Gürtelzone (wie in Fig. 33 dargestellt), oder Langgeschosse (s. Fig. 3639) mit innerer Pulverladung B (Fig. 36) und mit spiralen Gasausströmungs-Oeffnungen, um diese Projectile durch die Wirkung der beim Schusse entstehenden Pulvergasströme (Fig. 38) zur Rotation um ihre Längenachse zu zwingen.

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Um denselben Zweck zu erreichen, hat früher (wie auch im Engineer, October 1871, S. 329 bemerkt wird) Lyman den Vorschlag gemacht, daß eine Reihe von Pulverladungen – nach der beigegebenen Figur 40 – vermittelst besonderer Pulverkammern seitlich in die Rohrwandung eingesetzt wird, welche dann nach Maaßgabe des durch Abfeuern der ersten Ladung im Rohre vorschreitenden Geschosses allmählich entzündet werden sollen. (Man setze die Beschreibung des Lyman'schen Beschleunigungskammern-Geschützes im polytechn. Journal, 1868, Bd. CLXXXVIII S. 112.)

Anm. des Referenten.

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