Titel: Lismann's mit Walze schraubengangförmiger Druckfläche.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 202, Nr. CXIV. (S. 496–500)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj202/ar202114

CXIV. Walze mit schraubengangförmiger Druckfläche, von A. Lismann in München.

Mit Abbildungen auf Tab. VIII.

Zur vortheilhaftesten Herstellung verschiedener Metallarbeiten ließ sich A. Lismann in München eigenthümlich construirte Walzen patentiren, welche mit schraubengangförmigen Druckflächen versehen sind. Die zwischen dieselben eingeführten, viereckigen oder runden Platten können am Umfange dünner gestreckt oder es kann auch ein Aufbiegen, Flantschen und Auftiefen derartiger Platten, sowie von Ringen vorgenommen werden, Arbeiten welche bis jetzt zumeist mittelst Handhämmern zur Ausführung gelangten. Mit gleicher Leichtigkeit kann mit diesen Walzen auch das Absetzen und Formen von Rotationskörpern, wie es bisher durch Stanzen oder auf der Drehbank geschah, vorgenommen werden.

Die nähere Wirkungsweise der Lismann'schen Walzen geht aus nachstehender – dem bayerischen Industrie- und Gewerbeblatt, Juli 1871, S. 201 entnommenen – Beschreibung verschiedener speciellen Anordnungen derselben hervor.

1. Walzwerk zum Strecken, Aufbiegen, Flantschen etc. (Figur 1 bis 6.)

Dieses Walzwerk ist in Figur 1 bis 6 in verschiedenen Ansichten und Details dargestellt. Die Walzenachsen erhalten durch Zahnräder eine Drehung in entgegengesetzter Richtung. Die Platte B gelangt zwischen den beiden Patent-Kopfwalzen A zur Bearbeitung.

Die Lager der oberen Achse befinden sich in einem drehbaren Obergestell, dessen Zapfen seitlich in dem hinteren Ständer eingelassen sind (Figur 1 und 4). Der Walzenabstand wird durch die in den Zeichnungen ersichtlichen Schrauben regulirt.

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Ist die zu bearbeitende Platte B rund, so wird sie im Mittelpunkte in dem Rahmen a eingespannt; derselbe erhält eine Längenverschiebung durch die in dem Support b befindliche Schraube. Der Support b ist an dem seitlich in d und e gelagerten Querträger c befestigt. Die Lagerstücke d und e lassen sich durch Zahnstangengetriebe horizontal verschieben. Zur Unterstützung der Platte dient die am Querträger c angebrachte Rolle f (Fig. 1 bis 3).

Soll nun die Scheibe B am Umfange gestreckt werden, so spannt man dieselbe in den Rahmen a ein, rückt denselben in die richtige Entfernung von den Walzen A, und nähert diese successive mit Hülfe der Druckschraube. Durch die öftere Abwickelung der schraubenförmigen Walzenflächen erfolgt das gewünschte Resultat. Zur Beseitigung der verschieden stark sichtbar werdenden Drucklinien bringt man die Platte nachträglich nochmals kehrseits zwischen die Walzen.

Zur Herstellung eines Aufbuges wird die im Rahmen a eingespannte Scheibe B zwischen die Walzen A gebracht, und zwar um etwas weniger als der Aufbug betragen soll. Hierauf dreht man die ganze Spannvorrichtung um die Drehachse d e nach aufwärts, zu welchem Zwecke an dem Support b ein Zahnsegment angegossen ist, in welches das von Außen zu bewegende Zahnrädchen g eingreift. Es ist selbstverständlich, daß sowohl das Aufbiegen als auch das Engerstellen der Walzen nur allmählich weitergetrieben wird.

Um Flantschen anzuwalzen, ist die vorgenannte Spannvorrichtung durch die in Figur 5 und 6 angegebene zu ersetzen. Hier ist an dem Support b statt des Rahmens a ein verschiebbarer Aufsatz mit Planscheibe angebracht und die Druckrolle f statt vertical horizontal gelagert. Die Befestigung des Cylinders C, an welchem eine Flantsche anzuwalzen ist, erfolgt durch Bratzen, welche bei Drehung der conischen Getriebe durch Rechts- und Linksschraube gegen die innere Cylinderwand fest angelegt werden.

Das zuvor abgebogene Ende des Cylinders wird zwischen die Kopfwalzen eingeführt, alsdann werden die Walzen allmählich genähert und so lange als erforderlich umgedreht.

2. Walzwerk zum Aufbiegen von Façonblechen. (Fig. 7 bis 10.)

Die Einrichtung dieses, in Fig. 7 bis 10 dargestellten Walzwerkes weicht principiell von der vorigen nur in sofern ab, als die zu bearbeitende Blechplatte B auf einer Metallschablone h aufliegt, welche nach einer der gewünschten Form des Bleches entsprechenden äquidistanten Linie hergestellt ist. Der Einspannrahmen a für das Blech und die |498| Schablone h ist auf den in die Tischplatte t eingelassenen Kugeln nach allen Richtungen verschiebbar, wobei die Schablone in Folge des auf die Blechplatte durch die hier vertical angeordneten Kopfwalzen A ausgeübten Zuges bei der Bearbeitung stets gegen die fest an dem Tische t angebrachte Führungsrolle g anläuft.

Die an den vertical stehenden Achsen aufgesetzten Kopfwalzen A haben verschiedene Durchmesser, erhalten aber durch conische Räder eine gleiche Umfangsgeschwindigkeit. Der Tisch mit Einspannrahmen, sowie das auf der Schablone liegende Blech ist um die Walzenachse (und zwar mit Rücksicht auf die größeren Dimensionen der zur Bearbeitung kommenden Stücke) in segmentalen, seitlich angebrachten Schlitten d und e drehbar. An diesen Schlitten ist eine horizontal und vertical verstellbare Druckrolle f befestigt, welche verhindert daß das Blech beim Abbiegen nach oben ausbaucht.

Die vorbemerkte Drehung des Tisches etc. erfolgt von der Hauptwelle aus durch die conischen Räder i, k und l, welche letztere durch einen Handgriff umgestellt werden können, daher die auf der Querwelle m steckenden Getriebe die an der Tischplatte t befestigten Zahnsegmente n je nach Bedürfniß auf- oder abwärts bewegen.

Ist das aufzubiegende Blech in dem Bügel a auf der Schablone h eingespannt, so rückt man das Ganze so nahe an die Walzen, daß dieselben ein zuvor umgeschlagenes Blechende erfassen. In Folge der Drehung der Walzen werden Blech und Schablone nachgezogen und jenem wird die durch die Lehre bedingte Form ertheilt.

Schiebt man die in Fig. 4 gezeichneten Einspannbügel in den Tisch t ein, so kann alsdann das Aufbiegen an runden Blechplatten erfolgen.

Mit dieser Maschine lassen sich auch Flantschen an Cylindern etc. anbringen, indem man mehrere auf und nieder verstellbare Rollen oder Kugeln in dem Tische t anbringt und auf diesen den zu bearbeitenden Körper in horizontaler Richtung sich drehen läßt. Die an einer Stelle umgebogene Flantsche wird zwischen die Walzen gebracht und der entsprechende Druck erzeugt.

Um eine gleichförmige Flantschenbreite zu erzielen, wird ein Ring um den betreffenden Cylinder gelegt, welcher beim Aufbiegen gegen die Führungsrolle g anläuft und hierdurch das überflüssige Einziehen des Arbeitsstückes zwischen die Walzen verhindert.

3. Walzwerk für Rotationskörper. (Fig. 11 bis 14.)

Hier finden die Patentwalzen Anwendung, um massive oder hohle |499| Körper, z.B. Wellen, Rohre, Kanonen, Hülsen etc. sowohl im kalten als im warmen Zustande nach einem Modell zu walzen.

Der von der Hauptwelle a durch innere Verzahnung des Rades b vermittelte Betrieb wird durch drei Räder c mittelst Kuppelungen und Verlängerungsstangen auf die drei Walzenachsen d übertragen, welche dadurch eine gleiche Rotationsrichtung erhalten. An den Enden der Achsen d befinden sich die Schraubenwalzen A, deren Gänge je nach der zu verrichtenden Arbeit gewählt werden. Die Mittelpunkte der drei Walzen liegen gleich vertheilt in einem Kreise.

Unterhalb der Walzenständer befindet sich der mittelst Schraube und Mutter vor- und rückwärts bewegliche Wagen e, auf welchem das Modell m des zu erzeugenden Gegenstandes h zwischen den Reitstöcken f und g eingespannt ist. Das Arbeitsstück h wird zwischen Reitstock g und i und zwar in der Art befestigt, daß derselbe seine Längendimensionen verändern kann.

Auf den Achsen d sind Copirrollen k angebracht, deren Stellung entsprechend die Kopfwalzen, welche in den beiden Ständern parallel zu einander geführt werden, sich verschieben. Das gleichförmige Auf- oder Zuspannen der Druckvorrichtung wird hier durch eine Kette vermittelt. Wird nun ein dem Modelle m annähernd ähnliches rohes Arbeitsstück eingespannt und der Wagen e nach Stellung der Walzen eingefahren, so wird bei Drehung der letzteren eine dem Modell entsprechende Form hergestellt.

In gleicher Weise lassen sich Bleche über ein Futter drücken, indem man die zu bearbeitende Scheibe vor den drei Walzen wie auf einer Drehbank einspannt und allmählich zwischen dieselben durch Vorwärtsbewegung des Wagens einführt.

Läßt man die Copirvorrichtung weg, so können massive und hohle Körper direct bezw. über einen Dorn in der Achsenrichtung gestreckt oder geschweißt werden; auch lassen sich Schraubengewinde, Linien oder Formen in die betreffenden Körper eindrücken.

Referent hat hier nur einige der mannichfachen Verwendungen der Lismann'schen Walzen hervorgehoben, deren große Bedeutung wohl am besten durch die zum Schlusse mitgetheilten Gutachten anerkannter Fachmänner dargethan wird.

Gutachten.

Heute den 6. April 1871 fanden sich die Unterzeichneten in Folge einer Einladung des Hrn. A. Lismann dahier, auf dessen Werke (Bogenhauserstraße Nr. 4) ein, um die Wirkungsweise der von Hrn. Lismann erfundenen und ihm patentirten Walzen mit schraubengangförmiger Druckfläche zu beobachten. Nachdem wir die aufgestellten |500| Kopfwalzen von 400 Millimeter Durchmesser und 200 Millimeter Länge arbeiten gesehen und von den verschiedenen in Aussicht genommenen Anwendungen des Principes uns von Seite des Erfinders Zeichnungen vorgelegt wurden, constatiren wir auf Verlangen gern:

  • 1) daß es außer allem Zweifel liegt, daß sich mittelst Walzen, wie die erwähnten, Metalle in der Richtung der Walzenachse strecken lassen;
  • 2) daß sich durch Anwendung solcher Walzen – wie wir uns überzeugt haben – das Aufbiegen von Metallblechen (Kesselböden etc.) leicht und rasch bewerkstelligen läßt;
  • 3) daß das erdachte Princip wegen seiner vielseitig möglichen Anwendung von großer Tragweite für die Metallbranche ist und die von dem Erfinder vorgelegten Projecte alle Wahrscheinlichkeit der Realisirung in der Praxis für sich haben;
  • 4) daß die Erfindung im Allgemeinen und im Besonderen, weil mittelst derselben sogenannte schwere Arbeiten ausgeführt werden können, als durchaus zeitgemäß zu begrüßen und daß ihr endlich auch in finanzieller Beziehung ein günstiges Prognostikon zu stellen ist.

München, den 6. April 1871.

H. Ludewig, k. Professor der polytechnischen Schule in München.

Krämer, Ober-Maschinen-Ingenieur der bayer. Ostbahnen.

G. Kraus, Locomotivfabrikant.

L. Böhm, Director des Eisenwerkes Hirschau (J. A. Maffei).

Das Gutachten, welches Hrn. Lismann's Schriften über seine patentirten Walzen mit schraubengangförmiger Druckfläche beiliegt, constatirt nach wirklicher Beobachtung, daß mittelst solcher Walzen das Strecken in einer Richtung parallel zur Walzenachse ausführbar sey. Ist einmal diese Thatsache festgestellt, so läßt sich mit Grund erwarten, daß die sinnreich construirten Mechanismen, durch welche Hr. Lismann das genannte Princip zur Ausführung mannichfacher Arbeiten zu verwerthen beabsichtigt, in der Praxis vortheilhafte Anwendung finden werden, und muß die Erfindung als ein für die Maschinen- und Metallwaaren-Fabrication wichtiger Fortschritt bezeichnet werden.

Leoben, den 21. Juli 1871.

Julius v. Hauer, k. k. Professor der Bergakademie.

Einverstanden:

P. Tunner, k. k. Ministerialrath und Bergakademie-Director.

J. Z.

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