Titel: Ueber die Carbolsäure.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 202/Miszelle 12 (S. 96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj202/mi202mi01_12

Ueber die Carbolsäure.

In der Zeitschrift Hygiea (1871) theilt N. P. Hamberg Beobachtungen über die Carbolsäure mit. Derselbe war nämlich in den Stand gesetzt, aus der Fabrik F. C. Calvert's in Bradfort bei Manchester die Saure chemisch rein zu erhalten und diese reine Säure mit der gewöhnlich im Handel vorkommenden zu vergleichen.

Die reine Carbolsäure (Calvert's Acid. carbolic. Nr. 1) bildet eine krystallinische Masse von farblosen, nadelförmigen Krystallen. Geruch kampferartig, an Steinkohlentheer nicht erinnernd. Specifisches Gewicht 1,066. Schmilzt bei 40 bis 41° C., erstarrt bei 39°, kocht bei 180 bis 180,5°. Löst sich bei 16 bis 17° in 15 Th. Wasser, ebenso bei 40° in 2 Volumen Ammoniak von 0,96 spec. Gewicht zu einer klaren Lösung, die jedoch bei 17 bis 18° milchig wird. Hielt sich (ohne noch bei 37° zu schmelzen) im geschmolzenen Zustande im Becherglase, mit einem Uhrglase bedeckt, 14 Tage lang und länger fast ganz unverändert.

Die unter dem Namen Acid. carbol. cryst. medic. purissimum vorkommende Säure, sogenannte reine Säure der Fabriken, in platten Flaschen aufbewahrt, mit dem Namen des Fabrikanten im Glase eingedruckt, war dem Aeußeren nach auch ganz hübsch und farblos, aber von unangenehmem Geruch, fängt bei 26° C. an zu schmelzen und ist bei 34 bis 35° vollständig flüssig. Bei der Destillation ging bei 176° eine farblose, leichtflüssige, übelriechende, bei 18 bis 19° nicht erstarrende Flüssigkeit über (wenige Procent); das bei 180 dis 183° Uebergehende erstarrte sogleich; das bei 189 bis 191° blieb flüssig, je nach dem zunehmenden Gehalte an Kresol und anderen Homologen. Die Verunreinigungen wurden zu etwa 20 Proc. geschätzt.

1 Theil löst sich nicht klar in 20 Theilen Wasser, auch nicht in 2 Volumen Ammoniak (von 0,96). In oben erwähnter Weise der Luft ausgesetzt, war die Säure nach 14 Tagen hellflüssig, und der Schmelzpunkt von 340 auf 26 bis 28° gesunken.

Ein Krankheitsfall, von vermutheter Carbolsäure-Vergiftung herrührend, hatte zunächst diese Untersuchung veranlaßt. Es wurden auch Versuche angestellt, um die bis jetzt wenig bekannten Wirkungen der Carbolsäure und ihrer Verunreinigungen auf den Organismus etwas genauer zu studiren.

Von reiner Säure wurden einem kleinen Hunde 0,5, 1, 2 bis 3 Grm. nach einigen Tagen Zwischenzeit, mit Oel ohne Mehl und Wasser gemischt, eingegeben. Es wurden keine Abweichungen vom Normalen bemerkt. Mit dem für Kresol gewonnenen, bei höherer Temperatur erhaltenen Destillat gaben ähnliche Versuche dieselben Resultate.

Von roher Carbolsäure mit 50 Proc. kresolhaltiger Säure und 30 Proc. Theeräther wurden einem mittelgroßen Hunde 3 Gramme gegeben. Nach einer Stunde traten Muskelzuckungen in Augenbrauen, Lippen und Extremitäten, endlich Lahmheit in den letzteren ein. Nach einigen Stunden schien jedoch das Thier wieder gesund.

Von dem unter 1760 erhaltenen flüssigen Destillate brachten 2 Grm. dieselben Wirkungen, aber schon nach wenigen Minuten, hervor. Es scheint also dieser flüchtigere, übelriechende Theil die namhaft schädlichen Wirkungen auf den Organismus auszuüben.

Jedenfalls ist für medicinische Zwecke die Reinheit der Säure von großer Wichtigkeit. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin, 1871, Nr. 13.)

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