Titel: Der Gaszünder von Prof. Dr. Klinkerfues.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 202/Miszelle 5 (S. 90–91)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj202/mi202mi01_5

Der Gaszünder von Prof. Dr. Klinkerfues.

Hr. Prof. Dr. Klinkerfues, Director der Sternwarte in Göttingen, hat einen hydrostatisch-galvanischen Gaszünder erfunden, mittelst dessen es möglich werden soll, eine beliebige Anzahl Gasflammen von Einem Punkt aus anzuzünden. Der Scientific American vom 17. Juni d. J. brachte seine Patentbeschreibung, und wir verfehlen nicht, aus dieser amerikanischen Quelle über die deutsche Erfindung eine vorläufige Mittheilung zu machen.

Die Erfindung besteht im Wesentlichen darin, daß durch eine in einem Gefäß enthaltene Flüssigkeit, wenn dieselbe mit einem Paar in dem Gefäß befindlichen galvanischen Platten in Verbindung gebracht wird, eine Kette geschlossen wird, in welcher der elektrische Strom eine oder beliebig viele Stücke Platindraht mittelst katalytischer Wirkung zum Glühen bringt. Die katalytische Wirkung des Platins in seiner schwammigen, pulverigen oder porösen Beschaffenheit ist oft zum Zweck des Anzündens von Flammen benutzt worden, aber wenn man von dem kurzen Erfolg des Döbereiner'schen Apparates abstrahirt, sind praktische Erfolge damit nicht erzielt. Das Platin in dieser Form ist zu sehr der Veränderung unterworfen, um einer eigentlich praktischen Verwendung fähig zu seyn. Dr. Klinkerfues hat Versuche angestellt, um zu ermitteln, bei welcher Temperatur metallischer Platindraht oder Platinblech so viel katalytische Wirkung besitzt, daß es Leuchtgas entzündet, und er hat gefunden, daß dazu nicht einmal Rothglühhitze erforderlich ist. Ein Platindraht, der zwischen den Polen einer kleinen Zink-Kohlen-Batterie angebracht war, entzündete einen Gasstrom augenblicklich, ohne daß selbst im Finstern an demselben die geringste Lichterscheinung zu bemerken war. Die Temperatur des Platindrahtes ist ausschließlich Folge katalytischer Wirkung und die Anwendung dieses Vorganges, statt wie bisher des elektrischen Funkens, neben dem hydraulischen Schluß für den galvanischen Strom, sind die charakteristischen Eigenschaften der Erfindung.

Die Apparate welche sich Dr. Klinkerfues hat patentiren lassen, sind verschiedener Art. Der erste derselben besteht aus einer dünnen, cylindrischen Glasröhre, die unten geschlossen und oben mit einer Platte versehen ist, an der nach Innen ein Paar galvanische Platten, Zink und Kohle, von kleineren Dimensionen angebracht sind. Diese Platten sind nach Außen mit Leitungsdrähten verbunden, zwischen welchen ein Stück Platindraht eingeschaltet ist. Die Glasröhre ist mit doppelt-chromsaurem Kali und verdünnter Schwefelsäure gefüllt. Will man diesen Apparat zum Anzünden von Gasflammen für häusliche Zwecke verwenden, so braucht man denselben nur etwas geneigt derart zur Flamme zu führen, daß der Platindraht von dem ausströmenden Gas getroffen wird. Bei dieser geneigten Stellung tauchen die Platten in die Flüssigkeit ein, und der Strom ist hergestellt.

Ein anderer Apparat dient dazu, Straßenflammen anzuzünden. Ein hermetisch verschlossenes Gefäß ist mit einem isolirten Fach oder einer Glocke versehen, welche unten offen ist, und mit dem Gasreservoir oder dem Hauptgasrohr communicirt. An dem Deckel des Gefäßes hängt ein galvanisches Plattenpaar, Zink und Kohle in solcher Höhe, daß sie in die Flüssigkeit womit der untere Theil des Gefäßes gefüllt ist (doppelt-chromsaures Kali und Schwefelsäure), nicht eintauchen so lange der Apparat nicht in Function ist. Ein weiteres Rohr, welches das Gas zum Brenner führt, geht gasdicht durch den Deckel des Gefäßes und reicht so tief in dasselbe hinunter, daß es in die Flüssigkeit eintaucht, und so den Zufluß des Gases von dem Rohr absperrt. Dieser hydraulische Verschluß ersetzt den üblichen Lampenhahn. Endlich geht von dem oberen Theil der isolirten Kammer oder Glocke noch ein Rohr aus, welches in beliebiger Länge nach dem Punkte hin geführt wird, von welchem aus das Anzünden erfolgen soll, und durch welches man im Stande ist, den Druck in der Kammer oder Glocke zu verringern, so daß das |91| Niveau der Flüssigkeit sich dort hebt, in dem Gefäß selbst dagegen senkt, die Unterkante des Brennerrohres frei wird, so daß das Gas ausströmt, und bei weiterer Niveauveränderung die Eintauchung der beiden Platten in die Flüssigkeit und damit der galvanische Strom hergestellt wird. Durch diese Niveauveränderung wird der Apparat in Thätigkeit gesetzt, der Platindraht glühend und das ausströmende Gas entzündet. Man hat drei verschiedene Niveaustände, welche drei verschiedenen Functionen des Apparates entsprechen. Beim ersten ist das Zuflußrohr abgesperrt und die Platten tauchen nicht ein, der Apparat ist nicht in Thätigkeit; beim zweiten Stand ist das Zuflußrohr geöffnet, die Platten tauchen ein, der Apparat functionirt, das Anzünden erfolgt; beim dritten Stand, der zwischen den beiden ersten liegt, ist das Zuflußrohr offen, die Platten reichen aber nicht mehr in die Flüssigkeit hinein, es ist dieß der Zustand während des Brennens der Flammen, den man deßhalb herstellt, um nicht fortwährend Flüssigkeit zu consumiren. Will man die Flammen auslöschen, so stellt man einfach den ersten Stand wieder her, die Zuflußrohren sind abgeschlossen und der Apparat ist in Ruhe.

Soweit die amerikanische Patentbeschreibung. Aus der mündlichen Mittheilung des Hrn. Dr. Klinkerfues glauben wir uns zu erinnern, daß derselbe die hier beschriebene Vorrichtung für Straßenflammen insofern abzuändern beabsichtigt, als zur Herstellung der verschiedenen Flüssigkeits-Niveaus nicht ein besonderes Rohr gelegt, sondern dazu der Druck in den Gasröhren selbst benutzt werden soll. Es sind überhaupt drei verschiedene Stände herzustellen. Beim ersten Stand ist der Apparat außer Function und das Brennrohr hydraulisch geschlossen; beim zweiten tauchen die Platten ein und ist das Brennrohr offen, das ist beim Anzünden; beim dritten Stand tauchen die Platten nicht ein, das Brennrohr ist aber noch offen, das ist während des Brennens. Den ersten Zustand kann man sich in jeder Laterne für den Tagesdruck herstellen; den zweiten Stand wählt man so, daß er etwa dem vollen Abenddruck plus 2 Linien entspricht; man hat also, um die Laternen anzuzünden, den vollen Abenddruck und für einige Minuten den Ueberschuß zu geben, dann kann man den Ueberschuß wieder abnehmen, die galvanischen Ströme werden aufgehoben und die Flammen brennen fort; beim Auslöschen hat man den Druck auf den gewöhnlichen Tagesdruck zu reduciren, und die Zuflußrohren werden hydraulisch verschlossen, der Gasstrom hört auf.

Wir halten die Idee für außerordentlich sinnreich, und die Bedenken angesichts der colossalen Ersparnisse, um die es sich handeln würde, nicht für unüberwindlich; wir wünschen daher, im Interesse der Sache, daß Hr. Dr. Klinkerfues bald Veranlassung nehmen möge, seine Erfindung selbst eingehender öffentlich zu besprechen, und dadurch Anregung zur Anstellung von Versuchen in großem Maaßstabe zu geben, wodurch allein die Bedeutung der praktischen Schwierigkeiten constatirt und letztere überwunden werden können. Dr. N. H. Schilling. (Journal für Gasbeleuchtung, 1871, Nr. 14.)

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