Titel: Die Welt-Ausstellung zu Wien im Jahre 1873.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 202/Miszelle 1 (S. 185–188)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj202/mi202mi02_1

Die Welt-Ausstellung zu Wien im Jahre 1873.

In Fortsetzung des in Bd. CCI S. 556 (zweites Septemberheft 1871) gebrachten Berichtes, theilen wir mit, daß die kaiserliche Ausstellungs-Commission bereits am 15. September zusammengetreten ist, daß nach dem vorgelegten Programm die internationale Ausstellung am 1. Mai 1873 eröffnet und am 31. October desselben Jahres geschlossen wird.

Das nach dem „Pavillonsystem“ angelegte Ausstellungsgebäude erhält eine Länge von 905 Meter und eine Breite von 205 Meter. Die Einleitungen sind darnach getroffen worden, daß die Vollendung der Baulichkeiten schon bis zum 1. October 1872 erfolgt.

So viel bis jetzt bekannt wurde, gedenkt man das ganze Industriegebäude der Längenrichtung nach mittelst einer Gallerie zu durchschneiden, an welche sich zu beiden Seiten Quergallerien anschließen. Den Mittelpunkt des ganzen Baues bildet eine große Rotunde |186| (ein kolossaler eiserner Kuppelbau) von 102 Meter Durchmesser und 79 Meter Höhe. Die Hauptgallerie wird eine Breite von 25 Meter, jede der Quergallerien eine Breite von 15 Meter und eine Länge von 75 Meter erhalten. Letztere sollen noch durch 35 Meter breite Höfe getrennt werden, die zur Aufnahme solcher Gegenstände bestimmt sind, welche in unbedeckten Räumen aufgestellt werden können.

Die Gesammtfläche des bedeckten Raumes wird 103,000 Quadratmeter betragen.

Gegenüber der Hauptfronte der Hauptgallerie des großen Industriegebäudes soll sich ferner das Gebäude für die Kunstausstellung erheben, welches für eine Wandfläche von 6995 Quadratmeter berechnet ist. Zur Sicherung der hier ausgestellten Kunstschätze wird dieses Gebäude von einem besonderen abgeschlossenen Hofe umgeben seyn. Aus dem Kunstausstellungsgebäude führen bedeckte Gallerien in ein großes Glashaus, sowie nach kleinen Pavillons hin, welche zur Aufnahme besonderer Pflanzenausstellungen und Aquarien dienen sollen.

Parallel mit dem Donauregulirungsdamme wird die Ausstellung von Maschinen eine besondere Halle in der Länge von 890 Meter und von 28 Meter Breite errichtet werden. Dabei wird der erwähnte Damm zur Aufstellung hydraulischer Maschinen und Apparate dienen können.

Was nun die Eintheilung der Ausstellungsgegenstände betrifft, so werden dieselben in folgende 26 Gruppen eingereiht:

  • 1. Bergbau und Hüttenwesen.
  • 2. Land- und Forstwirthschaft.
  • 3. Chemische Industrie.
  • 4. Nahrungs- und Genußmittel als Producte der Industrie.
  • 5. Textil- und Bekleidungs-Industrie.
  • 6. Leder- und Kautschuk-Industrie.
  • 7. Metall-Industrie.
  • 8. Holz-Industrie.
  • 9. Stein-, Thon- und Glas-Industrie.
  • 10. Kurzwaaren-Industrie.
  • 11. Papier-Industrie.
  • 12. Graphische Künste und gewerbliches Zeichnen.
  • 13. Maschinenwesen und Transportmittel.49)
  • 14. Wissenschaftliche Instrumente.
  • 15. Musikalische Instrumente.
  • 16. Heereswesen.
  • 17. Marinewesen.
  • 18. Bau- und Civil-Ingenieurwesen.
  • 19. Das bürgerliche Wohnhaus, seine innere Einrichtung und Ausschmückung.
  • 20. Das Bauernhaus mit seinen Geräthen und Einrichtungen.
  • 21. Die nationale Haus-Industrie.
  • 22. Darstellung der Wirksamkeit der Kunstgewerbe-Museen.
  • 23. Die kirchliche Kunst.
  • 24. Objecte der Kunst und Kunstgewerbe früherer Zeiten, ausgestellt von Kunstliebhabern und Sammlern (Exposition des amateurs).
  • 25. Die bildende Kunst der Gegenwart.
  • 26. Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswesen.

Außerdem beabsichtigt man durch Nebeneinanderstellung von Maschinen, Apparaten und Vorführung von Verfahrungsweisen und Arbeitsprocessen aus den verschiedenen Zeitepochen die allmähliche Vervollkommnung einzelner Erfindungen (z.B. der Nähmaschine, der Telegraphie u.a.m.) zu veranschaulichen, eine Darstellung der Geschichte der Erfindungen zu unternehmen. Andererseits soll durch Ausstellung |187| gleichartiger, aber verschiedenen Epochen entstammender Objecte – wo möglich unter Angabe ihrer Preise – sowie von derartigen Mustern und Modellen eine Geschichte der Gewerbe zur Anschauung gelangen.

Um den Einfluß der Wissenschaft auf den Fortschritt der Gewerbe durch einen Rückblick ersichtlich zu machen, soll die Verwerthung von Abfällen oder die Zunahme in der Benutzung der letzteren und zwar durch Gegenüberstellung der sogenannten Abfälle und der hieraus gewonnenen Fabricate unter Beigabe der Zwischenproducte dargestellt werden, insofern diese Production neuer Werthe durch Entdeckungen und Erfindungen seit der ersten in London im J. 1851 abgehaltenen Welt-Ausstellung ermöglicht worden ist.

Einen weiteren Gegenstand der Ausstellung wird die Geschichte der Preise 50) und die Darstellung des Welthandels bilden.

Während der Ausstellung gedenkt man Proben mit neueren oder noch wenig bekannten Verfahrungsweisen und Versuche mit solchen Ausstellungsobjecten, deren Werth nur auf diese Weise constatirt werden kann, zu veranstalten. In gleicher Richtung werden in den Ausstellungsräumen Vorlesungen abgehalten und rechtzeitig internationale Preisaufgaben ausgeschrieben werden.

Auch sollen internationale Congresse berufen werden zur Berathung belangreicher Fragen, namentlich solcher, zu welchen die Ausstellung selbst Anlaß bietet. Insbesondere beabsichtigt man zu derartigen Congressen herbeizuziehen: Gelehrte, Künstler, Schulmänner, Aerzte, Vertreter der Museen für Kunstgewerbe, Ingenieure, Architekten, Vertreter der Handels- und Gewerbekammern, Männer des Bank- und Versicherungswesens, der Land- und Forstwirthschaft, des Berg- und Hüttenwesens u.s.w.

Zu erwähnen ist noch, daß auch temporäre, d.h. durch die Natur der. Objecte auf eine kurze Zeitdauer beschränkte internationale Ausstellungen wie z.B. von lebenden Thieren (Nutz- und Luxusthieren), von todtem Geflügel, Wildpret u.a., von Producten der Milchwirthschaft, von Obst, Gemüse, Blumen u.s.w. in Aussicht gestellt sind.

Die räumliche Anordnung der Ausstellung wird eine geographische, d.h. sie richtet sich nach den Ländern in derselben Reihe, wie diese in der Richtung von Westen nach Osten auf der Erde sich aneinander schließen. Alle die einzelnen Ausstellungsobjecte betreffenden Daten, wie Name des Ausstellers, Bezeichnung des Objectes, Preis – dessen Veröffentlichung jedoch dem Belieben des Ausstellers anheimgestellt bleibt – u.a. können bei den betreffenden Gegenständen selbst ersichtlich gemacht werden. Auf gleiche Weise sollen auch andere Angaben deren Bekanntmachung dem Aussteller erwünscht und für das Publicum belehrend ist – Geschichte, Größe des Etablissements, die Höhe der jährlichen Production und alle sonst nur in den Katalogen enthaltenen Daten – durch Schrift und Druck vervielfältigt und den ausgestellten Objecten für die Besucher der Ausstellung beigelegt werden.

Für die Beurtheilung der Ausstellungsgegenstände wird eine internationale Jury eingesetzt; doch bleibt es jedem Aussteller freigestellt, seine Leistungen dieser Beurtheilung zu entziehen.

Die zu verleihenden Auszeichnungen zerfallen in vier Hauptkategorien: A) Für Werke der bildenden Kunst besteht die Anerkennung in der Kunstmedaille.“ B) Für die übrigen Ausstellungsobjecte werden zuerkannt Fortschritts-Medaillen (für Fortschritte welche die Erzeugnisse seit der letzten vom betreffenden Aussteller beschickten Welt-Ausstellung nachweisen), Verdienstmedaillen,“ Anerkennungsdiplome (ehrenvolle Erwähnungen) an Aussteller welche zum ersten Male eine Welt-Ausstellung beschicken. Ueberdieß sollen Medaillen für guten Geschmack an alle Aussteller, deren Erzeugnisse in Bezug auf Farbe, Form und äußere Ausstattung den Anforderungen eines veredelten Geschmackes entsprechen, verliehen werden. C) Den Mitarbeitern welchen nach den von den Ausstellern gemachten |188| Angaben ein wesentlicher Antheil an den Vorzügen der Production zukommt, werden Medaillen für Mitarbeiter zugesprochen. D) Die Verdienste Einzelner oder von Corporationen um die Hebung der Volksbildung, die Pflege der Volkswirthschaft u.a. werden durch eigene Ehrendiplome anerkannt werden. (Nach der Welt-Ausstellungs-Correspondenz, 1871, Nr. 9–21.)

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Die Arbeitsmaschinen werden in die 13. Gruppe eingereiht, jedoch von der Jury der betreffenden Fachgruppe unter Zuziehung von Maschinenfabrikanten beurtheilt. Bezüglich solcher Objecte, welche die Einreihung in mehrere Gruppen zulassen, bleibt es dem Aussteller anheimgestellt, die Gruppe anzugeben in welcher seine Objecte eingereiht werden sollen.

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Es sollen von den bedeutendsten Productionsgebieten die Preise der wichtigeren Artikel, möglichst weit zurückreichend und nach 5jährigen Durchschnitten neben einander gereiht, unter gleichzeitiger Vorlage von Mustern und Proben ersichtlich gemacht werden.

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