Titel: Die deutsche Stahlfabrication.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 202/Miszelle 4 (S. 556–557)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj202/mi202mi06_4

Die deutsche Stahlfabrication.

Es dürfte kaum einen Industriezweig in unserem Vaterlande geben, welcher in so wenigen Jahren einen so bedeutenden Aufschwung genommen hat, wie die Stahlfabrication. Die nachfolgende Uebersicht, welche den bis jetzt veröffentlichten amtlichen Tabellen über die Production des Bergwerks-, Hütten- und Salinenbetriebes im Zollverein für die Jahre 1860 bis 1869 entnommen ist, läßt erkennen, in welchem Umfang die Stahlproduction, deren Werth und die Zahl der in den Stahlwerken beschäftigten Arbeiter zugenommen hat.

Productionsmenge.
Stahlwerke. Ctr.
1860: 167 506241
1861: 167 685177
1862: 185 818327
1863: 177 1085009
1864: 170 1427179
1865: 169 1990861
1866: 215 2288674
1867: 214 2451826
1868: 203 2456736
1869: 206 3226387
Productionswerth.
Thlr. Arbeiterzahl.
1860: 4033424 3915
1861: 5492112 4938
1862: 6181921 6161
1863: 7733613 9482
1864: 11940473 10756
1865: 16299105 12947
1866: 19312838 12821
1867: 19415933 12201
1868: 19215301 11415
1869: 29659803 12578

Hiernach ist in den letzten zehn Jahren die Production von Stahl im Verhältniß von 1: 6,37, der Werth derselben von 1: 5,61 und die Arbeiterzahl von 1: 3,21 gestiegen. Im Durchschnitt von 1860–64 hat die Production jährlich 904387 Ctr., von 1865–69 dagegen 2482897 Ctr. betragen. Die hohe Bedeutung dieses Industriezweiges in volkswirthschaftlicher Beziehung tritt ganz besonders hervor, wenn man berücksichtigt daß die im Jahre 1860 producirte Stahlmenge am Ursprungsort nur einen Werth von 4038424 Thalern hatte, während letzterer sich 1869 bereits auf 22656803 Thaler belief. Durch großen Aufschwung der Stahlfabrication ragt besonders Preußen hervor, welches im Jahre 1869 allein 92,6 Proc. der nachgewiesenen Productionsmenge, nämlich 2987319 Centner im Werthe von 21721196 Thlrn. geliefert hat. Die Hauptsitze der Production sind hier die Regierungsbezirke Düsseldorf und Arnsberg; auf ersteren entfallen für 1869: 1417210 Centner Stahl und 13767050 Thlr. Der Stahl welcher von den Werken dieser Bezirke geliefert wird, hat von Jahr zu Jahr an Güte zugenommen; namentlich ist die Fabrication von Gußstahl zum Kriegs- und Eisenbahnbedarf immer mehr erweitert worden und haben sich in neuerer Zeit viele Fabriken durch enorme Bauten und Betriebseinrichtungen, namentlich durch Anlagen von Hammer-, Walz- und Bohrwerken zur Herstellung von Geschützen schweren Achsen und Schienen wesentlich ausgedehnt. Weltruf hat ja die |557| Krupp'sche Gußstahlfabrik bei Essen, ein Etablissement welches auf jedem Gebiet den Leistungen deutscher Industrie den Ruhm der Ueberlegenheit über alle concurrirende Nationen verschafft hat. Diese Fabrik, welche im Jahre 1854 mit 525 Arbeitern erst 27500 Ctr. Gußstahl fabricirte, beschäftigt jetzt über 12000 Arbeiter und liefert allein ungefähr die Hälfte der Stahlproduction des ganzen preußischen Staates. Neben den Gußstahlgeschützen werden dort die verschiedenartigsten Gegenstände für Kriegsund Friedenszwecke, für Eisenbahnen, Dampfschifffahrt, Bergbau u.s.w. durch mechanische Hülfsmittel aus rohem Stahl gefertigt. Es folgen hier die einzelnen Regierungsbezirke ihrer Stahlproduction nach: Aachen 163650 Ctr. für 667054 Thlr.; Cöln 35943 Ctr. für 215364 Thlr.; Oppeln 30539 Ctr. für 139077 Thlr.; Trier 15577 Ctr. für 105462 Thlr.; Cassel 26386 Ctr. für 65519 Thlr. und Berlin 18500 Ctr. für 185000 Thlr. Die Production der übrigen deutschen Staaten ist nur gering; sie betrug 1869 in Sachsen 189690 Ctr., Bayern 40000 Ctr., Württemberg 7117 Ctr., Braunschweig 1361 Ctr. und Thüringen 900 Ctr. im Gesammtwerthe von 935607 Thlrn.

Während in früheren Jahren der Zollverein zur Deckung seines Bedarfes an Stahl noch eines Zuschusses vom Auslande bedurfte, hat sich das Verhältniß gegenwärtig geändert und können wir das Ausland mit unserem Stahl versorgen. Im Jahre 1860 betrug die Einfuhr ausländischen Stahles 56,405 Ctr., unsere Ausfuhr 26683 Ctr, mithin die Mehreinfuhr 29722 Ctr.; dagegen sind 1869 nur 57674 Ctr. eingeführt und 143156 Ctr. ausgeführt worden, so daß sich eine Mehrausfuhr von 85482 Ctr. ergibt. Von der Ausfuhr des Jahres 1869 gingen nach den Niederlanden 54795 Ctr., Hamburg 25147 Ctr., Oesterreich 22005 Ctr, Belgien 17343 Ctr., Bremen 4955 Ctr., Frankreich 4495 Ctr., Rußland 4420 Ctr., der Schweiz 2659 Ctr., außerdem ostseewärts 2894 Ctr.

Rechnet man der eigenen Stahlproduction für 1869 die Einfuhr hinzu und bringt dagegen die Ausfuhr in Abzug, so verbleiben 3140905 Ctr. Stahl, welche für den inländischen Verbrauch zur Verwendung gekommen sind; letzterer ist also mit 98,1 Proc. durch die eigene Production und mit nur 1,9 Proc. durch Bezüge von ausländischem Stahl gedeckt worden. Berechnet man in ähnlicher Weise den Stahlverbrauch für 1860, so ergibt sich folgendes Resultat: der eigenen Production von 506241 Ctr. tritt die Mehreinfuhr mit 29722 Ctr. hinzu, so daß also der Verbrauch im Ganzen 535963 Ctr. betragen hat. Die Zunahme des letzteren stellt sich folglich von 1860 bis 1869 auf 2604942 Ctr. oder 486 Procent, – jedenfalls der sicherste Beweis für den großartigen Aufschwung welchen unsere Stahl-Industrie im Verlaufe des letzten Jahrzehntes genommen hat. (Zeitschrift für die deutsche Eisen-Industrie.)

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