Titel: Ueber die Verarbeitung des Meerschaumes in Ruhla; von Theodor Urban aus Rügen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1871, Band 202/Miszelle 8 (S. 560–561)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj202/mi202mi06_8

Ueber die Verarbeitung des Meerschaumes in Ruhla; von Theodor Urban aus Rügen.

Der meiste in Ruhla verarbeitete Meerschaum wird von den Fabrikherren direct bezogen oder auch wohl in Leipzig auf der Messe gekauft. Sein Fundort ist Hrubschitz und Oslowan in Mähren, wo er in großen Mengen zwischen mächtigen Serpentinlagern gewonnen wird. Auch Spanien scheint daran reich zu seyn; bei Esconché, Vallecos und Toledo sind schon seit 1830 große Meerschaumgruben angelegt. Rußland führt aus der Krim in neuester Zeit Meerschaum von guter Qualität aus; doch wird der Meerschaum aus Kleinasien am meisten gelobt.

Der Meerschaum kommt also in größeren Blöcken in den Handel. Um dieselben zur weiteren Verarbeitung tauglich zu machen, weicht man sie ein und schneidet sie mit einer Handsäge oder einem Messer roh zu. Beachtenswerth ist hierbei, daß der weiße Meerschaum bei seiner Berührung mit Wasser eine gelbe Färbung annimmt. Nun nimmt der Drechsler, wenn dem Meerschaumstück die Form des Kopfes, welcher aus ihm gefertigt werden soll, roh gegeben ist, dasselbe in die „Abdrehung,“ die er auf der Drehbank vollführt. Mit welcher Eleganz und Schnelligkeit diese Manipulation ausgeführt wird, ist erstaunlich; unser Erstaunen wächst aber noch, wenn wir sehen, daß mit einem einfachen Messer an den Meerschaumköpfen die reizendsten Schnitzereien ausgeführt werden.

Die Köpfe werden noch feucht in einen Raum – „die Trockenstube“ – gebracht, der bis zu einer Temperatur von 60 bis 70° R. erwärmt ist. Hier läßt man sie ruhig trocknen und siedet sie dann in geschmolzenem Nierentalg ab. Nach dem Erkalten kommen sie in die Hand des „Schachtelers,“ d.h. der Person welche sie mit Schachtelhalm abreibt, eine Arbeit die meist von Frauen und Mädchen ausgeführt wird.

Die beste Sorte der ächten, reinen Meerschaumköpfe wird nach der Schachtelung in siedendes Wallrath oder Wachs gethan, welches das schnellere Braunwerden beim Rauchen befördert und dem Meerschaum einen schönen Glanz und größere Widerstandsfähigkeit und Festigkeit verleihen soll.

Ebenso beliebt wie die weißen Meerschaumköpfe sind die innen und außen schwarz gebrannten, welche sich durch ihren schönen Glanz auszeichnen und ein bedeutender Handelsartikel geworden sind. Um sie anzufertigen, legt man die weißen Köpfe 1/4 bis 1/2 Stunde lang in siedendes Leinöl. Darauf werden sie so lang über brennende Kienspäne gehalten, bis sie schwarz oder dunkel geworden sind, worauf sie die eigentliche Politur erhalten.

Eine geringere Sorte ist der rothbunte Meerschaumkopf oder Oelkopf, welchen man in der Weise verfertigt, daß man den geschnittenen Kopf erst in Fett siedet, ihn dann schabt, schleift und endlich einer Abkochung unterwirft. Die rothbunte Färbung bringt man hervor, indem man zu dem Leinöl einen Zusatz von Drachenblut macht; je nachdem die Färbung dunkler oder Heller seyn soll, setzt man mehr oder weniger Drachenblut zu. Carmin, Gummigutt und Alkanna werden ebenfalls als Farbstoffe verwendet.

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So viel über die Fabrication der ächten Meerschaumköpfe; wenn auch hier und da die Methoden etwas anders sind, so ist die Art der Herstellung doch im Allgemeinen die beschriebene.

Bei der Bearbeitung des ächten Meerschaumes gehen, wie bei allen Drechslerarbeiten, Staub und Späne ab. Beides wird sorgfältig gesammelt und dient zur Erzeugung von unächtem Meerschaum, der an Qualität dem ächten bedeutend nachsteht. Die Abfälle des ächten Meerschaumes werden in einem Fasse mit Wasser zusammengestampft. Hierauf wird der grobe Schlamm in eine Mühle gebracht, welche aus zwei dicht auf einander liegenden Steinen besteht, und hier noch feiner zerrieben. Darauf wird der Schlamm in große Bottiche gerieben, und zwar durch darüber ausgespannt liegende leinene Tücher mit den Händen. Dann kocht man den feinen Schwant mit Leinöl unter Zusatz von Alaun gehörig durch. Das Leinöl gibt dem künstlichen Meerschaum den eigenthümlichen Glanz des ächten; der Alaun dagegen vertritt die Stelle des Bindemittels.

Nach beendigtem Kochen bringt man den Meerschaum in Formen und läßt ihn dann in der Trockenstube so lange liegen, bis das anhängende Wasser völlig verdampft ist, und er ungefähr die Consistenz der Seife angenommen hat. Hat er dieses Stadium erreicht, so ist er leicht in jede beliebige Form zu bringen und mit dem Messer bequem zu behandeln. Auf die weitere Verarbeitung braucht nicht eingegangen zu werden, weil dieselben Manipulationen, welche bei der Verarbeitung des ächten Meerschaumes geschildert wurden, sich wiederholen.

Die Fabrication der unächten wie der ächten Köpfe beschränkt sich nicht auf runde, glatte, sondern erstreckt sich auch auf solche, die mit Schnitzereien versehen sind. Man macht die Schnitzereien im halb gesottenen Zustande und unterwirft dann den Kopf einem nochmaligen Sieden.

Die Fabrication der unächten Köpfe hat eine fast noch größere Dimension angenommen, als die der ächten; der Bedarf an beiden steigert sich aber von Jahr zu Jahr. Bedeutende Fabriken von künstlichen Meerschaumköpfen, Pfeifen und Cigarrenspitzen sind die von Jacob Steinmetz, Schierk und Steinmetz, Schulz und Söhne. Die Ruhlaer und Wiener Fabricate sind die besten; sie zeichnen sich vor allen anderen durch Eleganz der Arbeit, durch ihren eigenthümlichen Glanz und schönes Farbenspiel aus. Und dennoch macht der Kenner von beiden doch noch wieder einen Unterschied; der Verf. räumt, ohne parteiisch zu seyn, aus eigener Ueberzeugung dem Ruhlaer Fabricat den Vorzug vor dem Wiener ein, weniger wegen seines Farbenspieles, als vielmehr wegen der wirklich gediegenen künstlerischen Ausführung. (Dresdner Gewerbevereins-Zeitung, 1871, Nr. 2.)

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