Titel: Balling, über Steinkohlen-Verkohkung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203, Nr. LXXI. (S. 272–277)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/ar203071

LXXI. Ueber Steinkohlen-Verkohkung; aus dem Reiseberichte von C. Balling,64) k. k. Hüttenmeister zu Brixlegg.

Von allen bisher bekannten Ofensystemen zur Verkohkung von Steinkohlen haben sich die von François, noch mehr aber die von Haldy und Smet am besten bewährt, und seit neuester Zeit sind die Coppée'schen Oefen diejenigen welche sehr häufig gefunden werden. Nicht nur bei allen Neubauten wird eines der genannten Systeme gewählt, sondern vielfach werden ältere Oefen anderer Construction, wo dieß nur immer möglich ist, für eines jener Systeme adoptirt, und sind die Verschiedenheiten und Abweichungen, welche dabei in den Dimensionsverhältnissen der Oefen gefunden werden, im Ganzen unbeträchtlich, für das betreffende System selbst ohne Bedeutung und nur dann auf die Qualität der Kohks von Einfluß, wenn dieselben zu den minder backenden gehören.

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In jüngster Zeit werden ganz allgemein nur sehr enge, bloß 18 Zoll breite Oefen gebaut, welches Dimensions-Verhältniß einen doppelten Vortheil gewährt, nämlich den einer leichteren Verkohkung, selbst schwächer backender Steinkohlen und einen geringeren Abbrand, weil die zu verkohkenden Steinkohlen viel besser und gleichförmiger erhitzt werden können und eine geringere Oberfläche dem Einfluß der in den Ofen einströmenden Luft dargeboten wird.

Um die Kohkbarkeit der Kohlen zu unterstützen, werden die Längsseiten des Ofens nach oben zu etwas zusammengezogen, so daß der Ofen oben ein klein wenig enger als unten ist, und ebenso wird, um das Ausdrücken der so schmalen Kohkskuchen zu erleichtern, der Ofen an der Seite wo die Ausdrückmaschine läuft, um ein Geringes schmaler gemacht, als an jener wo die Kohks aus dem Ofen austreten.

Man beobachtet, daß bei dem neuesten Coppée'schen Kohksofensystem alle bei den Oefen älterer Construction gemachten Erfahrungen sorgfältig benutzt worden sind; aber die Art der Gasableitung aus dem Ofen und die Art der Gasführung in den Gaszügen, sowie die Unterstützung der Verbrennung der Gase darin sind bei den übrigen verbesserten Kohksofensystemen häufig derart combinirt und die wesentlichen Unterschiede in den Constructionen sind so gering, daß es schwer ist, mit Bestimmtheit eine strenge Unterscheidung der einzelnen Ofensysteme zu treffen.

Die früher als ziemlich allgemein angenommene Regel, den Kohksofen mit so vielen Centnern Kohlen zu besetzen, als der Boden desselben Quadratfuß Flächenraum zählt, ist nun bei der neuesten Construction nicht mehr richtig, sondern die Menge der chargirten Kohle in Centnern ist größer als die Fläche des Bodens in Quadratfußen.

Im Allgemeinen ist dem oben Gesagten zufolge auch das Coppée'sche Ofensystem kein selbständiges, sondern lassen sich die dabei vorkommenden Verbesserungen der Construction in dem Folgenden zusammenfassen:

1) die Oefen werden höher, bis 4 Fuß hoch und darüber von der Sohle des Ofens bis zu den Gasfängen bei nur 18 Zoll Weite hergestellt;

2) das Zusammenziehen der Ofenwände nach oben, um die Kohlen unter einem bestimmten Druck verkohlen zu lassen, indem die näher an einanderrückenden Ofenwände ein zu starkes Aufblähen der kohlenden Kohle hindern, ist, sowie auch Punkt 1, dem Appolt'schen Ofensystem entlehnt;

3) das Erweitern der Oefen an der der Ausdrückmaschine zugekehrten Seite um 1–2 Zoll, ist eine Folge von Punkt 1 und 2, und dadurch begründet daß die Kohkskammern alle horizontal liegen;

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4) die Art des Gasabfangens aus dem Ofen ist, eine nachherige möglichst vollständige Verbrennung der Verkohkungsgase vorausgesetzt, unwesentlich;

5) die Gasführung durch verticale Canäle an den Seiten des Ofens gestattet eine größere Stabilität der Oefen und längere Dauer der Canäle, als wenn die Gase durch horizontale Züge geleitet werden. Es ist dieß eine Adoption der ältesten François'schen, beziehentlich Haldy'schen Ofenconstruction, doch wird dieser Art der Außenbeheizung des Kohkofens nachgesagt, daß die Erhitzung des Ofens eine ungleiche sey, indem die Gase bei dem Ausströmen unter verschieden langen Wegen stets den kürzesten wählen, weßhalb jene Canäle, durch welche bei gleichem Canalquerschnitt mehr Gase entströmen würden, durch passendes, relativ zunehmendes Verlegen mit Steinen verengt werden, wodurch die Verkohkungsgase im Inneren mehr stagniren, sich bei dem Ausströmen gleichförmiger vertheilen und die Ofenwände gleichmäßiger erhitzen;

6) die Luftzuführung in die verticalen Gascanäle behufs Zugregulirung der Gasverbrennung durch mit Schubern versehene, unmittelbar auf dem Gascanal sitzende eiserne Kästchen ist ebenfalls, jedoch in modificirter Form, dem Haldy'schen System entnommen;

7) die Kuppelung zweier Oefen und die dadurch hervorgerufene unvermeidliche Abhängigkeit beider Oefen von einander ist aufgegeben;

8) die Führung der Gase in den Sohlcanälen blieb unverändert, d.h. die Gase gehen unter der Sohle längs des Ofens hin und zurück;

9) es beheizt allemal ein Ofen bloß eine seiner Verticalseiten und nur manchmal werden die bereits bei einem Ofen selbst schon unter dessen Sohle benutzten Gase noch in die Sohlencanäle des Nachbarofens geführt, um da die Heizung zu unterstützen.

Ganz entschieden sind bei der Coppée'schen Ofenconstruction die wesentlichsten, in der Neuzeit geschehenen Verbesserungen sehr zweckmäßig combinirt, und ich halte dieselbe demzufolge für die vorzüglichste; die geringe Breite dieser Oefen gestattet auch minder kohkbare Steinkohlen zu brauchbaren Kohks zu verarbeiten.

Die Appolt'schen Kohksöfen, welche beziehentlich ihrer Construction ganz selbstständig dastehen, sind trotz sehr guter Kohksausbeute dennoch nirgend beliebt, da ihre Herstellung theuer und ihre Behandlung eine schwierige ist, so daß man an vielen Orten entschlossen ist, diese Oefen nur noch so lange zu betreiben, bis sie unbrauchbar geworden sind, und dieselben ganz abzuwerfen, um sie durch ein anderes System zu ersetzen. Bauer's Idee, diese Oefen dadurch zu vervollkommnen, daß die Verbrennungsgase |275| gezwungen werden einen bestimmten Weg zurückzulegen, wird zwar rücksichtlich des theoretischen Principes gelobt, aber die Ausführung dieses Projectes scheitert daran, daß der ursprünglich ohnehin schon sehr kostbare Apparat durch diese Modification noch um ein Bedeutendes höher zu stehen kommt.

Zudem hat ein jeder solche Ofen den Nachtheil, daß die Kohks aus den Eckkammern trotz längerer Verkohkungsdauer immer von geringerer Qualität sind, welchem Uebelstande nur dadurch abgeholfen werden könnte, daß man die Kohkskammern in den Oefen massiv im Kreise nebeneinander legt, wodurch jedoch die Herstellung des Ofens abermals vertheuert wird.

Die möglichste Vermeidung von Eckkammern überhaupt hat schon früher zu den von Caton und Lemonier angegebenen Ofenconstructionen geführt; die letzteren stehen auf Zeche Pluto bei Herne, dann auf den Anlagen von Oertel und Schmöle zu Langendreer in Betrieb. Diese Oefen erhalten 36–50 Centner Charge und werden täglich 4 Oefen dechargirt und wieder neu geladen; das Ausziehen der Kohks, durch eine vor der Ruche auf Schienen laufende Dampfmaschine, geht in der That sehr rasch, und mag dieß mit ein Grund seyn, daß die Oefen so sehr gelobt werden, indem dieselben während des Ausladens weit weniger auskühlen, als jene Oefen, aus welchen die Kohks ausgedrückt werden müssen; allein die von Schmöle darin erreichte so hohe Kohksausbeute von 80 Proc. hat gewiß auch ihren Grund darin, daß die Kohlen ungewaschen zum Verkohken genommen werden, während man auf allen anderen Etablissements die zur Kohkung genommenen Kohlen verwäscht, also aschenärmeres Material zur Verkohkung nimmt. Die Lemonier'schen Oefen sollen sehr wenig Reparaturen und diese nur in der Sohle bedürfen.

Die zur Kohkung verwendeten Kohlen werden fast durchgehends auf Rexroth'schen oder Siever'schen Wäschen von Kies und Schiefer getrennt und man findet ein Nachwalzen der gewaschenen Kohle sehr häufig in Anwendung; eine besondere Sorgfalt wird aber überall dem Verwaschen des Kohlenstaubes gewidmet und eine glückliche Lösung dieser bislang noch nicht vollständig gelösten Frage ist für kohksindustriereiche Reviere von enormer Bedeutung, denn der bei dem Verwaschen der Kohle verlorengehende Kohlenstaub macht ein beträchtliches Procent der Rohkohle aus.

Im Saarbrücken'schen wird von den Gruben im Durchschnitte die Grieskohle um 3 Gr., die Förderkohle um 4,2 Gr. an die Verkohkungsanstalten |276| abgegeben; bei einem durchschnittlichen Arbeitslohn von 18 bis 19 Gr. per 12stündige Schicht, stellen sich die Erzeugungskosten per Centner Kohks auf circa 16 Pfennige. Zu Dutterweiler Jägersfreude wurden im ersten Quartal 1870 erzeugt: 230,260 Centner Großkohks à 7,5–7,8 Gr. per Centner Verkaufspreis und 6,272 kleine Kohks à 5 Gr. per Centner Verkaufspreis; der Werth der Production betrug 64,453 Thlr., 25 Gr. 1 Pf.

Im zweiten Quartale wurden daselbst erzeugt: 239,628 Centner Großkohks und 4719 Ctr. Kleinkohks, im Gesammtwerthe von 66,937 Thlr., 26 Gr. und 11 Pfennige.

Die Auslagen bei dieser Erzeugung betrugen 10,455 Thlr. 14 Gr. und 1 Pfd., beziehentlich 10,554 Thlr. 8 Gr. und entfielen von den Erzeugungskosten per 1 Centner Kohks folgende Quoten auf die einzelnen Berechnungsposten:

Im 1. Quartal: Im 2. Quartal:
0,13 0,12 für Besoldungen
0,02 0,01 „ Bureaubedürfnisse
8,96 8,50 „ Betriebslöhne
2,56 2,26 „ Betriebsmaterialien
2,21 2,14 „ Debitskosten
1,61 2,02 „ Unterhaltung der Betriebsanlage
0,03 0,03 „ Abgaben und Grundentschädigung
0,48 0,44 „ Nebenkosten (Steuern und Knappschaftsbeiträge)
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16,00 Pf. 15,52 Pf.

Im Jahre 1870 wurden auf den fiscalischen Hütten im Saarbrücken'schen erzeugt:

Kohlen für den Verkauf 54,759,202 Centner, Kohlen auf den Gruben verbraucht 1,693,298 Centner, Kohlen zur Kohkserzeugung abgegeben 10,558,808 Centner.

Wegen der damals bestandenen Kriegsverhältnisse ist diese Production eine geringere, als dieselbe unter normalen Umständen und bei ungehinderter Entwickelung ausgefallen wäre.

Von der oben für den Verkauf ausgewiesenen Kohlenmenge wurden im Jahre 1870 nach Oesterreich 118,200 Centner eingeführt; Preußen führt aber gegenwärtig jährlich über 12 Millionen Centner fossile Kohlen nach Oesterreich ein, während der Export Oesterreichs nach Preußen jährlich nur 3 Millionen Centner beträgt, welche Menge zumeist aus den Braunkohlenfeldern Böhmens herrührt.

Im August und September 1871 machte sich auf allen Kohksanlagen noch immer ein bedeutender Waggonmangel fühlbar, es konnten nicht |277| nur nicht die erzeugten Kohks sämmtlich und anstandslos verfrachtet werden, sondern es lagen auf manchen Etablissements auch einzelne Ofencomplexe bloß aus dem Grunde kalt, weil es gar nicht möglich gewesen wäre, die darin zu erzeugenden Kohks fortzuschaffen.

Aus den Mittheilungen des k. k. Ackerbau-Ministeriums 1871 (durch das Organ des Vereines für Rübenzucker-Industrie in der österreichisch-ungarischen Monarchie, 1872 S. 55).

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