Titel: Die Glasfabrication in Galizien; mitgetheilt von Dr. C. Otakar Cech in Prag.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 6 (S. 74–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi01_6

Die Glasfabrication in Galizien; mitgetheilt von Dr. C. Otakar Cech in Prag.

Ueber den Stand der Glasfabrication in Galizien, über die Verhältnisse dieses Industriezweiges in einer wenig gekannten österreichischen Provinz und über die Rohstoffbeschaffung dieser Industrie daselbst, ist noch sehr wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen. Der Verbindung mit einer der größten galizischen Glasfabriken, in welcher ich verschiedene Versuche durch die freundliche Vermittelung des Directors derselben Hrn. A. v. Griewosz in Mikuliczyn mit mehr oder weniger Glück durchgeführt habe, verdanke ich die hier mitzutheilenden Notizen. Galizien importirt jährlich für etwa 2 Millionen Gulden böhmisches und mährisches Glas, wovon ein Theil nach Rußland, Rumänien und der Bukowina geht. An dem im Jahre 1870 aus Oesterreich exportirten |75| Glase im Werthe von 16,922,852 fl. participirt Galizien mit seinen 30 Hütten nur mit 50,000 fl.

Der Stand der galizischen Glasfabriksindustrie hat seit seinem Beginne (Ende des siebzehnten Jahrhunderts) an den Fortschritten der Technik wenig Antheil genommen, und die daselbst verwendeten böhmischen und deutschen Arbeiter verkommen in demselben Grade, wie die Leitung und der Ertrag der meisten hierländischen Etablissements. Und doch gibt es selten ein Land, welches in so eminenter Weise alle Erfordernisse eines gedeihlichen Aufschwunges der Glasfabrication vereinigt. Qualität und Quantität der für die Glasfabrication nöthigen Rohstoffe sind eine in jeder Beziehung vorzügliche und unerschöpfliche; hierher gehören: Holz, Kohle, feuerfester Thon, Quarz, Potasche, Soda, Kalk. Der natürliche Holzreichthum der Karpathen, sowie der niedrige Preis des Brennmaterials, sollten schon an und für sich hinreichen, ein fremdes Capital dem Aufschwunge der galizischen Glasfabrication zuzuführen, denn während böhmische und mährische Glasfabriken 8–10 fl. per Klafter Brennholz zahlen müssen, stellt sich der Preis desselben in Galizien nur auf 4 fl.

Der so überaus seltene feuerfeste Thon kommt in Krzeczowice bei Mirow in mächtigen Lagern vor und seine Qualität ist eine so vorzügliche, daß die Häfen bei 1600° Hitze unbeschadet 14 Wochen in Gebrauch bleiben können. Böhmische Hütten importiren denselben bereits, welcher als „Krakauer Thon“ in den Handel kommt. Außerdem besitzt Galizien feuerfesten Thon bei Lubaczow und Podkamien, welcher sich vorzüglich zum Ofenbau eignet. Während die Quarzbeschaffung in böhmischen und mährischen Hütten bis 1 fl. 40 kr. per Centner kostet, ist der an unzähligen Orten in Galizien vorkommende vorzügliche Quarzsand mit 20 kr. per Centner zu haben. An den Ufern des Dniester sind durchwegs reiche Lager weißen Quarzsandes vorhanden. Die östlichen Glashütten Galiziens beziehen denselben von Zaleszczyk, aus einer Entfernung von 20 Meilen, und zahlen den „Korzec“ = 3 Ctr. 60 Pfd. mit 2 fl. ö. W. Bukaczowiec an der Lemberg-Czernowicer Bahn, die Ufer des San, der Weichsel und die Umgegend Lemberg's sind auch reich an Quarzsand.

An Potasche producirt Galizien jährlich 5000–7000 Ctr., wovon allein Podolien 2000–2500 Ctr. aus Stroh erzeugt. Während in Galizien der Ctr. 8–12 fl. kostet, zahlen böhmische und mährische Hütten dafür 15–25 fl.

Würde man nur das in den Karpathen zwecklos verfaulende Bruchholz verwerthen, so könnte man jährlich in Galizien leicht 20,000 Ctr. Potasche der Glasfabrication zuführen.

Soda und Glaubersalz beziehen die galizischen Hütten von Oderberg und von Boczkow in Ungarn. Kalk besitzt Galizien in Hülle und Fülle zu äußerst billigen Preisen.

Während also alle Factoren einer gedeihlichen Entwickelung der galizischen Glasfabrication vorhanden sind, fehlt es bis jetzt an unternehmendem Geiste, welcher das brachliegende Capital ertragfähig gestalten würde.

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