Titel: Ueber das Annässen der Steinkohlen bei Dampfkessel-Feuerungen; von Ernst Seidler in Magdeburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 1 (S. 150–151)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi02_1

Ueber das Annässen der Steinkohlen bei Dampfkessel-Feuerungen; von Ernst Seidler in Magdeburg.

In vielen Fabriken findet man, daß die Steinkohlen zur Dampfkessel-Heizung angenäßt werden, weil man von der Ansicht ausgeht, daß nasse Steinkohlen sparsamer und besser brennen als lufttrockene, auch mehr Hitze entwickeln, da der Wasserstoff des Wassers mit zur Verbrennung gelange. Widerlegt man diese Ansicht, so erhält man |151| gewöhnlich die Antwort: „die Schmiede machen, um eine wirksamere Hitze zu erreichen, die Kohlen ja auch naß.“

Daß die Schmiede die Kohlen trocken vor die Düse bringen und nur die obere Decke der Kohlen von Zeit zu Zeit deßhalb etwas annässen, – um ein Zusammenhalten der oberen Kohlenschicht zu erzielen, – dieß will man nicht begreifen, und somit bleibt man beim tief eingewurzelten Glauben, resp. beim Naßmachen der Kohlen.

Daß nasse Kohlen fast ebenso langsam wie frisch gefälltes, nicht lufttrockenes Holz brennen, dieß geht ganz natürlich zu, indem das in dem Brennmaterial enthaltene Wasser vorerst verdampft werden muß, ehe eine lebhafte Flammenbildung sich entwickelt. Dieses langsame Vorwärtsschreiten des Brennprocesses bezeichnet man eben mit „Sparsamkeit,“ während an eine Sparsamkeit, bezüglich des Brennmateriales, dabei gar nicht zu denken ist; denn 1 Pfund Wasser welches in den Kohlen sich befindet, erfordert zu seiner Verdampfung dieselben Wärmeeinheiten, als 1 Pfund Wasser im Kessel. Die Wärmeeinheiten aber, welche zur Verdampfung des Kohlenwassers verwendet werden, gehen dem Kesselwasser verloren, der Kessel liefert also um so weniger Dampf. Dieß ist aber nicht der alleinige Nachtheil, welcher durch das Naßmachen der Kohlen entsteht; ein zweiter Nachtheil ist der, daß durch die nasse Kohle beim Aufgeben derselben die Feuerhitze wesentlich herabgestimmt und somit eine unvollkommene Verbrennung momentan herbeigeführt wird, die einen größeren Brennmaterialaufwand zur Folge hat.

Bei mehrmaligen Versuchen, welche ich mit lufttrockenen und mit angenäßten Kohlen angestellt, habe ich allemal mit den trockenen Kohlen eine größere Wasserverdampfung erzielt, als mit den angenäßten Kohlen. Wenn es auch einzelne Fabrikbesitzer gibt, denen dieß einleuchtend erscheint, so erfolgt aber doch gewöhnlich die Einwendung: „sind klare Kohlen naß gemacht, so fallen weniger Kohlentheile unverbrannt durch die Rostfugen und der damit erzielte Vortheil erscheine ihnen größer als der Wärmeverlust, welcher durch die angenäßten Kohlen herbeigeführt wird.“

Construirt man die Roste für die klare Beschaffenheit der Kohlen in richtiger Weise, so kann ein massenhaftes Durchfallen von unverbrannten Kohlentheilen nicht vorkommen; bei nicht angenäßten Kohlen findet man in der Asche dann noch etwa 2, allerhöchstens 3 Procent unverbrannte Theile, bei angenäßten aber nur 1 bis 2 Procent; der Unterschied beträgt also nur etwa 1 Procent vom Gewicht der verbrauchten Kohlen.

In einer Fabrik, deren Besitzer mich mit Begutachtung ihrer Kesselanlage beauftragt hatte, übergoß man die klaren, grubenfeuchten Braunkohlen, welche einen Wassergehalt von circa 45 Procent haben mochten, – folglich schon naß genug waren, – mit einem Feuerspritzenmundstück in gleicher Weise mit Wasser, als gälte es eine Feuersbrunst zu löschen. Eine Feuersbrunst sucht man durch Wasser zu löschen, die Kohlen überschüttet man aber mit Wasser im festen unerschütterlichen Glauben, daß die Kohlen dann besser brennen und eine wirksamere Hitze geben. Wäre dieses Wasser Petroleum oder Kohlentheer, dann würde ich zwar nicht glauben, wohl aber im Voraus definitiv wissen, daß die Kohlen eine intensivere Hitze erzeugen, als wenn der Feind des Feuers – „Wasser“ zugegossen wird. Die Heizer in dieser Fabrik sagten mir, daß bei starkem Dampfconsum gewöhnlich der Dampf von 4 Atmosphären Spannung plötzlich auf 14 und 20 Pfund zurückgeht; eine höhere Spannung könnten sie aber nur dann wieder erreichen, wenn unangenäßte Kohlen auf die Roste gebracht würden. Mein, den Besitzern der Fabrik durch einleuchtende Vorstellungen ertheilter Rath: „die Kohlen nicht mit Wasser zu überschütten,“ war nicht unbeachtet geblieben, denn nach wenigen Tagen erhielt ich von denselben die Mittheilung, daß seit Befolgung meines Rathes nicht mehr, wie bisher, 80 Tonnen, sondern nur 66 bis 68 Tonnen Kohle täglich verbraucht werden. (Praktischer Maschinenconstructeur, 1871 S. 251.)

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