Titel: Ueber die in England bezüglich der Verwendung der Cloakenstoffe als Dünger angestellten Erörterungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 15 (S. 159–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi02_15

Ueber die in England bezüglich der Verwendung der Cloakenstoffe als Dünger angestellten Erörterungen.

Wie früher mitgetheilt wurde,40) hat die British Association ein Comité von Chemikern und Ingenieuren zur Erörterung des in der Ueberschrift erwähnten Gegenstandes gebildet. Dieses Comité hat seine Arbeiten während des Jahres 1870 mit vielem Eifer fortgesetzt. Der ziemlich gedrängt abgefaßte Bericht erfuhr auf der Versammlung der British Association in Edinburg (1871) weit weniger Opposition, als auf der früheren in Liverpool; bloß eine oder zwei Stimmen erhoben sich, um das Dry-Closet-System zu preisen, und für die Vortheile von Präcipitationsmethoden trat diesesmal gar kein Kämpe auf. Trotzdem die Untersuchungen des Comité's im vergangenen Jahre bereits weit genug gediehen waren, um mit Entschiedenheit behaupten zu können, daß die beste Verwendungsweise des Cloakeninhaltes die mittelst Berieselung sey, und daß demzufolge das Water-Closet-System das empfehlenswertheste sey, wurde doch – wahrscheinlich aus Rücksicht auf die vielen gegnerischen Stimmen – im Gange der letzten Arbeiten |160| noch einmal dem Dry-Closet-Systeme und der Präcipitationsmethode Aufmerksamkeit zugewendet. Eine specielle Erhebung in Lancaster durch Dr. Corfield ergab wenig Günstiges für das obige System. Von den vielen früher schon beobachteten Niederschlagsmethoden wurde das der HHrn. Forbes und Price einer erneuerten Prüfung unterzogen. Der Proceß wird in Tottenham im Großen ausgeführt Ein Theil der Londoner Cloakenmasse wird daselbst in Bassins von etwa 150000 Gallons Inhalt gepumpt, und während des Einlaufens in diese großen Behälter wird der Schlamm erst mit phosphorsaurer Thonerde und nachher mit Kalkmilch vermengt. Der Kalk dient zum Niederschlagen überschüssiger Phosphorsäure. Nach dem Absitzen der Mischung wird das überstehende Wasser vollkommen klar und geruchlos gefunden; allein es enthält so viel Ammoniak, wie gewöhnliche verdünnte Cloakenmasse; doch ist es frei von Salpeter- und Salpetrigsäure, Schwefelwasserstoff und Phosphorsäure. Der Bodensatz in den Bassins ist auch ganz geruchlos und bleibt so, selbst nach längerem Stehenlassen an der Luft. Der Vortheil dieses Verfahrens besteht somit in der Zerstörung der üblen Gerüche; sonst sind hier dieselben Mängel, wie bei den meisten anderen Präcipitationsmethoden; der resultirende Dünger entbehrt des werthvollen Ammoniaks, und die Abzugswässer sind zu schlecht um in einen reinen Fluß geleitet werden zu können. Unter den bei der Versammlung zu Liverpool vorgebrachten Einwendungen gegen das directe Berieselungssystem war auch die von Dr. Cobbold gemachte Behauptung, daß die Eier gewisser Eingeweidewürmer durch den Cloakendünger auf die Felder gebracht und dann mit den auf denselben gewachsenen Futterpflanzen in das Mastvieh eingeführt würden. Es wurde nun ein Ochse, der ein Jahr lang ausschließlich mit von Versuchsfeldern kommenden Gräsern gefüttert worden war, geichlachtet, und seine Eingeweide etc., von den HHrn. Cobbold, Corfield und Marshal sorgfältig untersucht. Keine Spur von Parasiten konnte entdeckt werden. Die fortgesetzten Beobachtungen über die Irrigationsversuche schlossen diesesmal auch die Temperatur der durch den Boden filtrirten Wässer ein. In der Regel sind die Abzugswässer kühler, als die Cloakenwässer. Allein in Fällen wo die Filtration durch den Boden eine ungenügende gewesen (wenn z.B. zu viel Cloakenflüssigkeit in einer bestimmten Zeit durch dasselbe Bodenstück getrieben worden war), war die Temperatur der abfließenden Wässer dieselbe, wie die der zuströmenden, ja in einzelnen Fällen sogar einen halben Grad höher. Natürlich enthalten diese Wässer dann auch reichlich Ammoniak und organische Stoffe. Die Ernte-Resultate auf den verschiedenen Versuchsstationen waren auch Heuer überraschend günstig. Die Ergebnisse der bis heute gemachten Erfahrungen weisen somit zu dem schon im Jahre 1870 gewonnenen Schlusse, daß der durch die Cloaken der Städte passirende Dünger nur mittelst Berieselung vortheilhaft auf die Felder gebracht werden kann; während der Boden bei dieser Behandlungsart alle werthvollen Bestandtheile der Cloakenmasse erhält, werden den Wohnhäusern durch die Wasser-Closets Reinlichkeit und Bequemlichkeit gesichert. Das Einzige, welches hier noch nicht als günstig zu betrachten ist, sind die Kosten. Allein die bisherigen Experimente, wenn gleich ausgedehnt genug zur Entscheidung anderer Punkte, mögen vielleicht noch zu beschränkt gewesen seyn, um die ökonomische Frage zu beantworten. Sollte es sich aber auch herausstellen, daß dieses Verfahren den Städten mehr aus- als eintragen würde, so ist es doch, wenn man auf die Sanitätsverhältnisse Rücksicht nimmt, immerhin das einzig empfehlenswerthe. Die Stadtgemeinden zahlen für Beleuchtung, für Straßenkehren; warum soll die Reinhaltung der Luft, die wir athmen, der Flüsse, deren Wasser wir trinken, nicht ein legitimer Posten im communalen Budget seyn? (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin, 1871, Nr. 15.)

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Man s. den „Bericht über die in England angewandten Verfahren zum Reinigen von Schleusenwässern auf chemischem Wege behufs der Düngergewinnung“ im polytechn. Journal, 1870, Bd. CXCVII S. 373.

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