Titel: Ueber Türkischroth mit künstlichem Alizarin; von Dr. H. Grothe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 8 (S. 155–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi02_8

Ueber Türkischroth mit künstlichem Alizarin; von Dr. H. Grothe.

Es wird nicht zu viel gesagt seyn, wenn wir behaupten daß das künstliche Alizarin schon jetzt in keiner Druckerei mehr entbehrt werden kann, denn die Annehmlichkeiten welche die Dampfapplication gegenüber dem alten Färbeverfahren bietet, sind |156| zu groß, und überhaupt war schon lange ein unbefriedigtes Bedürfniß da nach einer ächten und billigen Dampffarbe, welche man in Verbindung mit Anilinschwarz oder mit Chromgrün zu ganz ächten Dampfartikeln benutzen konnte.

Es wird, darüber ist kein Zweifel, das künstliche Alizarin immer mehr und mehr, in dem Maaße wie es billiger wird, die Krappfarbstoffe in allen ächten Artikeln der Kattundruckereien verdrängen. Aber auch in den Türkischrothfärbereien wird das künstliche Alizarin sehr bald eine große Rolle spielen und diese wollen wir nun näher betrachten.

Das Türkischroth wurde bisher ausschließlich mit Garancin gefärbt. Garancin enthält nur etwa 2–3 Procent Alizarin, daneben ebenso viel Purpurin und andere unächte gelbe und braune Farbstoffe. Fertiges Türkischroth enthält aber als Pigment gar kein Purpurin etc., sondern ausschließlich Alizarin in Verbindung mit Thonerde und Fettsäure. Alle die übrigen unächten Farbstoffe des Garancins sind deßhalb unnöthiger, den Färbeproceß hindernder Ballast, welcher durch langwierige und kostspielige Manipulationen wieder von dem Garne entfernt werden muß, was naturgemäß auch nicht ohne erhebliche Verluste an gutem Farbstoff geschehen kann.

Zu diesem Zwecke werden die Garne oder Zeuge nach dem Färben der Procedur des Abklärens unterworfen, einer Behandlung mit Seife und schwachen Alkalien unter hohem Druck, – sowie nachher mehrmals auf mehr oder weniger starken Seifenbädern avivirt, bis endlich alles Purpurin (und alle braunen und unächten Farbstoffe) wieder entfernt und die reine Alizarinfarbe bloßgelegt wird.

Dieser ganze Ballast und diese viele Arbeit wird vermieden bei der Anwendung des künstlichen Alizarins, denn dieses Product wird fast chemisch rein in den Handel gebracht und liefert daher gleich beim ersten Auffärben auf die Oelbeize eine reine rothe Farbe, die nach einem gelinden Aviviren in schwacher Seifenlösung einen wahrhaft prachtvollen Glanz zeigt und weitaus der nach dem alten Verfahren mit Garancin dargestellten vorzuziehen ist.

Der Vortheil, den also das künstliche Alizarin der Türkischrothfärberei bieten muß, ist handgreiflich, und die Ersparniß an Arbeitslohn, Kohlen, Seife, Alkali und Chlorkalk wird von Sachverständigen auf 20–25 Proc. der Gesammtfärbekosten geschätzt, vorausgesetzt natürlich daß das künstliche Alizarin zur stritten Parität des Garancinpreises verkauft würde, was freilich einstweilen noch nicht der Fall ist.

Aber es kann nicht wohl mehr bezweifelt werden, daß das künstliche Alizarin in der Zukunft den Krapp und das Garancin vollkommen verdrängen wird. Freilich ist dieß eine große Aufgabe, denn der Krapp bildet den bedeutendsten aller Farbstoffe und die Massen welche davon verwendet werden, sind ganz außerordentlich große.

Roscoe schätzte in einem Vortrage in der Royal Institution of Great Britain (Chemical News, 1870, Nr. 543 S. 184) die jährliche Gesammtproduction an Krapp auf 47,500 Tonnen von einem Geldwerthe von 2,150,000 Pfd. Sterl., das sind 950,000 Centner und für 14 1/2 Millionen Thaler. Man nimmt allgemein an, daß der Krapp nur ein Procent Alizarin enthält. Obige 950,000 Centner Krapp würden also vertreten seyn durch 475,000 Kil. künstliches Alizarin (trockenes). Ist dafür das Rohproduct, das Anthracen, zu beschaffen? Vor der Hand allerdings nicht, aber sicher in nicht allzu ferner Zukunft.

Jetzt wird nur ein sehr geringer Theil des im Theer enthaltenen Anthracens rein dargestellt und verwerthet, aber die Aufmerksamkeit der Theersieder hat sich erst in jüngster Zeit auf diesen Artikel gerichtet und die Production steigt von Tag zu Tag.

Nach den Untersuchungen von E. Kopp (Moniteur scientifique vom 15. August 1870) enthält der Theer ebenso viel Anthracen wie er Benzol enthält, und kommt die praktische Arbeit auch nur dahin, die Hälfte dieser thatsächlich im Theer enthaltenen Menge Anthracens darzustellen, so ist das mehr als zu der großen, oben bezeichneten Aufgabe nöthig ist. Wir können nicht umhin einzuschalten, daß wir berechtigt sind zu glauben, daß dieses nächste Ziel sehr bald erreicht seyn wird. Dr. Cohen in Amsterdam, der ja vielleicht der Erste war, welcher sich intensiv mit der Anthracen-Gewinnung im Großen beschäftigte, deutete uns bei Besichtigung seiner großartigen Fabrik im letzten Herbste an, daß er mit Hülfe neuer Methoden die Production an Anthracen schon jetzt zu steigern im Stande sey. Es ist das nur ein Beispiel, wie eifrig man daran arbeitet, dem obigen Ziele nahe zu kommen.

Die Energie unserer Chemiker und Fabrikanten wird aber auch schon die ihr |157| gestellte Aufgabe vollbringen. Bereits werden große Quantitäten künstlichen Alizarins von der Firma Gebrüder Gessert in Elberfeld fabricirt, deren schönes Product man an allen Consumplätzen des In- und Auslandes antrifft. Auch H. W. Perkin in London lieferte bedeutende Mengen eines für den Kattundruck freilich noch nicht genügend gereinigten Productes an die Türkischrothfärbereien Glasgow's, und es ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß in kurzer Zeit auch von den anderen, namentlich deutschen Fabrikanten dieses Artikels namhafte Quantitäten an den Markt gebracht werden und daß dieser neue Industriezweig eine recht große Verbreitung finden wird. (Musterzeitung, Zeitschrift für Färberei etc., 1878, Nr. 1.)

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