Titel: Versuche mit Desinfectionsmitteln; ausgeführt von einer Commission der französischen Akademie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 12 (S. 326–327)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi04_12

Versuche mit Desinfectionsmitteln; ausgeführt von einer Commission der französischen Akademie.

Die Akademie beauftragte eine von ihr erwählte Specialcommission mit Untersuchungen über die geeigneten Mittel zur Desinfection von Oertlichkeiten in denen sich während der Belagerung an contagiösen Krankheiten leidende Personen aufgehalten hatten. Der Bericht dieser Commission enthält einige nützliche Anweisungen für die Wahl und Anwendung dieser Mittel.

Indem die Commission das Chlor und die unterchlorigsauren Salze, welche eine wahrhafte Desinfection durch Zersetzung der ansteckenden Gase bewirken, auf gleichen Rang mit der Carbolsäure stellte, welche die faulige Gährung verhindert oder aufhält, indem sie die lebenden Agentien der Gährung tödtet, verglich sie die erhaltenen Wirkungen mit denjenigen welche sich von sehr kräftigen chemischen Agentien erwarten lassen, die die Keime zu verbrennen oder in anderer Weise zu zerstören vermögen.

Die Mitglieder der Commission stimmten überein, daß die erste Stelle unter den Agentien welche ansteckende Keime angreifen und zerstören können, der Untersalpetrigsäure zukommt. Bei Anwendung der sehr gefährlichen untersalpetrigsauren Dämpfe muß jedoch große Vorsicht beobachtet werden; Thüren, Fenster etc. sollten mit gummirtem Papier sorgfältig verklebt werden. Für je 30 bis 40 Kubikmeter zu desinficirenden Raumes sind die Materialien in folgenden Verhältnissen anzuwenden: Wasser 2 Liter; gewöhnliche käufliche Salpetersäure 1500 Gramme, Kupferdreh- oder Feilspäne 300 Gramme. Für den gedachten Rauminhalt verwendet man Steinzeuggefäße von 8 bis 10 Liter Fassungsraum. Die Ausgangsthür wird sorgfältig verklebt und das Zimmer 48 Stunden lang den Dämpfen ausgesetzt. Die Person welche das Zimmer nach Verlauf dieser Zeit öffnet, muß durch irgend ein Mittel, z.B. durch den Galibert'schen Apparat, vor der Einwirkung der Dämpfe auf die Athmungsorgane geschützt seyn.

Die Carbolsäure läßt sich weit bequemer anwenden; sie ist nicht so gefährlich, überdieß billiger und erwies sich von ganz gleicher Wirksamkeit. Am besten wird sie mit Sand oder Sägspänen gemischt verwendet; auf 1 Kilogrm. Säure nimmt man 3 Kilogr. von der indifferenten Substanz. Das Gemenge kommt in irdene Töpfe und wird zu denselben Zwecken benutzt wie die Untersalpetrigsäure. Carbolsäure, mit ihrem 15- bis 25fachen Gewicht Wasser verdünnt, wurde zum täglichen Besprengen des Fußbodens und des Bettzeuges der Krankenzimmer sehr nützlich befunden.

In dem Berichte ist ein interessanter Fall angeführt, in welchem weder durch Chlor noch durch unterchlorigsaure Salze die von den Leichen in der Pariser Morgue während der Sommerhitze ausgegebenen Gase zerstört oder in geruchlose Producte umgewandelt werden konnten. Der Zweck wurde aber erreicht, indem man 1 Liter flüssige Carbolsäure in dem 1900 Liter frisches Wasser enthaltenden Reservoir auflöste, welches zum Besprengen der Leichen diente. Die faulige Gährung wurde dadurch vollständig unterdrückt.

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Devergie hat gefunden, daß Wasser welches nur 1 bis 4 Tausendtel seines Gewichtes Carbolsäure enthält, zur Desinficirung des Todtenhauses selbst bei der heißesten Witterung genügte, wenn in demselben sechs bis sieben Cadaver lagen.

Zum Ausräuchern des Leinenzeuges, der Matrazen und des übrigen Bettzeuges mit Chlor verfährt man nach den neuesten Vorschriften Regnault's in folgender Weise:

In einen starken, aus Segeltuch angefertigten Beutel von 1 Liter Fassungsraum bringt man 500 Gramme Chlorkalk; dann näht man den Beutel zu, und steckt ihn in einen irdenen Topf welcher 1 Liter gewöhnliche Salzsäure von 1,15 spec. Gewicht und 3 Liter Wasser enthält. Sobald der Chlorkalk mit der verdünnten Säure in Berührung kommt, wird das Zimmer verschlossen und die Gegenstände bleiben der Einwirkung der Chlordämpfe 24 Stunden lang ausgesetzt; dann wird das Zimmer 48 Stunden lang gelüftet. Zehn von den erwähnten irdenen Töpfen entwickeln 500 Liter Chlorgas, welche zur Desinficirung von zwanzig bis fünfundzwanzig mehr oder weniger beschmutzten Matrazen hinreichen. (Im Auszug aus dem Bullletin du Musée de l'Industrie.)

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