Titel: Ueber die Production und den Export des in Tunis wachsenden Esparto.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 14 (S. 327–328)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi04_14

Ueber die Production und den Export des in Tunis wachsenden Esparto.

Die großen Papierfabriken Englands verarbeiten seit Jahren schon einen Rohstoff, den sie anfangs nur aus Spanien, später auch aus Algerien und in ganz jüngster Zeit ebenfalls aus den östlichen Districten von Tunis (Susa, Sfaks u.s.w.) bezogen. Auch in Deutschland soll man, dem Vernehmen nach, beginnen, die zur Verarbeitung dieses Rohstoffes erforderlichen Maschinen zu erstellen und sich zu Bezügen dieses Stoffes hier von Tunis in Bereitschaft setzen. Da vermuthlich in Deutschland, wie anderwärts, die Papierfabriken auch fortwährend mehr oder weniger mit der Schwierigkeit zu kämpfen haben werden, sich ihre Rohstoffe, wie Hadern, Papierabfälle u.s.w. in genügender Quantität zu verschaffen, so erscheint die hiesige, so zu sagen unerschöpfliche Rohstoff-Quelle ganz besonders als ein mächtiges Förderungsmittel für diese Industrie.

Der fragliche, auf gewissen Theilen des Flachlandes von Tunis und den erwähnten beiden Nachbarländern für jeden Bedarf im Ueberfluß wachsende Rohstoff ist eine faserreiche Grasart, welche unter dem Namen „Sparterie,“ „Esparto“ und hier „Halfa“ in den Handel kommt. Wo dieses Halfa nicht regelmäßig geerntet wird, sondern niederfault, düngt sich dadurch der Boden derart, daß die Pflanze fett und strotzend emporschießt, unten grobstengelig und erst nach oben dünner, eine Beschaffenheit welche zur Papierfabrication wenig tauglich ist, indem für diesen Zweck die Stengel den Proceß einer Abkochung durchzumachen haben, wobei, bis die gröberen unteren Theile hinlänglich gaar geworden, die Fasern der oberen dünneren Partie in der Regel verkocht und zu Grunde gerichtet werden. Das tunesische Halfa steht aus diesem Grunde der Zeit nach qualitativ dem Gewächse von Algerien und Spanien nach, indem die Ausbeutung desselben für die Papierfabriken erst in jüngster Zeit begonnen hat. Es wird sich aber von Jahr zu Jahr besser machen, sowie dem Boden, durch die Verhinderung des Niederfaulens der Pflanze, die Nahrung entzogen und der Stengel |328| in Folge dessen magerer, d.h. in gleichmäßiger Dicke aufwachsen wird, so daß es ohne Zweifel seine ebenbürtige Stelle neben dem algerischen und spanischen Producte in Bälde dürfte einnehmen können. Zu anderen Zwecken, wie z.B. für Seilerarbeiten, wurde zwar aus Tunis von jeher etwas Halfa ausgeführt; im Vergleich zu den enormen Gewinnungsstrecken ist dieser Export aber so gering, daß er kaum der Erwähnung verdient.

Von Vortheil für das tunesische Halfa wird jeweilen der Umstand seyn, daß es sich, der niedrigen Arbeitslöhne und der bequemen Verschiffung wegen, voraussichtlich auch bei verbesserter Qualität, im Preise immer billiger stellen wird, als das Gewächs der anderen Länder. Gegenwärtig variirt der Preis, an Bord geliefert, zwischen 6 und 8 Piaster (circa 4 bis 5 Frcs.) per 50 Kilogrm. (Quintal), was ungefähr dem Preise des Heufutters in Deutschland gleichkommen mag. Stünden gute Fahrstraßen und Wagen zu Gebote, so würde dieser Preis weit niedriger sich stellen, denn derselbe repräsentirt bloß die Ernte-, Transport- und Preßkosten; das Material kostet nichts, es wächst auf herrenlosem, d.h. dem Bey, als unumschränkten Eigenthümer des ganzen Reiches, zuständigem Lande. So aber kommt die Waare als Traggut durch Kameele auf die Hafenplätze, welche Transportweise keineswegs zu den billigen zählt, und wird dort durch hydraulische Pressen in Ballen, wie Baumwolle, geformt, um den Schiffen im Gewichte ausreichende Ladung verschaffen und damit die Frachtkosten vermindern zu können.

Bei dem ersichtlich zunehmenden Exporte Deutschlands nach Tunis gewinnt auch die Halfa-Frage für die deutschen Länder eine höhere Bedeutung. Bis in die jüngste Zeit standen die Schiffsfrachten nach Tunis ab allen europäischen Plätzen unverhältnißmäßig hoch, weil in Tunis in der Regel nur unzureichender Rückcargo zu finden war. Kein Rheder nolisirte daher gern für Tunis. Findet aber das hiesige Halfa auch Abfluß für die deutschen Papierfabriken, was keinem Zweifel zu unterliegen scheint, so ist jener Uebelstand für den Verkehr mit Deutschland gehoben, indem der Transport des Halfa so zahlreiche Seefahrzeuge erheischt, daß die Rheder der deutschen Stapelplätze immer sicher auf volle Rückfrachten ab Tunis rechnen können. Welchen Vorschub nun dieser Umstand der deutschen Industrie für ihren Absatz nach Tunis zu leisten vermag, springt leicht in die Augen.

Zur Zeit, als das spanische Halfa noch einzig den englischen Markt versah, fand sich die Regierung von Spanien bemüßigt, einen Ausgangszoll auf diesen Artikel zu legen, der aber gerade bewirkte, daß die englischen Importeurs auf algerisches Halfa sich legten, das die französische Regierung wohlberechnend ohne jedwede Besteuerung ließ. Als endlich auch Tunis sein Halfa auf den englischen Markt zu werfen begann, gerieth der Export des spanischen Gewächses so sehr in Verfall, daß die dortige Regierung sich gezwungen sah, den darauf gelegten Ausfuhrzoll gänzlich wieder aufzuheben, so daß die Ausfuhr des algerischen wie des spanischen Halfa heute vollkommen steuerfrei ist.

Ganz im Widerspruch mit der Haltung der französischen und spanischen Regierungen decretirte das tunesische Gouvernement vom September 1871 ab einen Ausgangszoll auf Halfa von 1/2 Piaster per Quintal (50 Kilogrm.) und stieg damit gleich darauf bis auf 1 Piaster (circa Frcs. 0,65) zahlbar vom 8. November an. (Aus einem von dem Generalconsul des deutschen Reiches an den Reichskanzler erstatteten Bericht; hier aus den Mittheilungen des Gewerbevereines für Hannover, 1871 S. 355.)

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