Titel: Stopfbüchsen-Packung aus Asbest.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 2 (S. 416–417)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi05_2

Stopfbüchsen-Packung aus Asbest.

Alle Ingenieure, welche mit Dampfmaschinen zu thun haben, kennen die Schwierigkeit, die Kolben-Stopfbüchsen dicht zu erhalten. Guter Hanf, ordentlich aufgelegt und reichlich geschmiert, gibt für eine gewisse Periode einen dichten Verschluß. Diese Periode ist aber gewöhnlich kurz, die Stopfbüchsen-Schrauben müssen nachgezogen werden, und das Resultat ist dann vergrößerte Reibung, welche besonders bei kleineren Maschinen in's Gewicht fällt. Wenn die Hanfdichtung bei Niederdruck-Maschinen schon Nachtheile besitzt, so sind dieselben bei Hochdruck-Maschinen, besonders wenn der Dampf überhitzt ist, noch größer. Es findet da eine langsame Verkohlung der Packung statt, dieselbe verliert ihre Elasticität und wird bald ganz nutzlos.

Packungen aus verschiedenem Material sind versucht worden; der Erfolg war mehr oder weniger günstig, aber kein vollständiger. Wir glauben, daß ein solcher bei der Anwendung von Asbest-Packung erreicht werden wird. Die Asbestfasern – in |417| Längen von ein paar Zoll bis zu zwei Fuß gewonnen – sind in hohem Grade biegsam und elastisch, und können leicht geflochten oder gewebt werden. Asbest ist außerdem ein schlechter Wärmeleiter und praktisch unzerstörbar durch Hitze. Diese Eigenschaften sind gerade diejenigen, welche für eine Stopfbüchsen-Packung erforderlich sind, und es ist daher seltsam, daß der Gedanke, jenes Material hierfür zu verwenden, erst in jüngster Zeit entstand und in Ausführung gebracht wurde. Packungen für Kolben- und Schieberstangen haben dreierlei Einflüssen zu widerstehen: erhöhter Temperatur, Reibung und Feuchtigkeit. Nur einer, die Reibung, hat einen merkbaren Einfluß auf Asbest.

In Amerika wurde die neue Packung bereits mit bestem Erfolg angewendet. In Großbritannien wurden sie zuerst auf der Caledonian-Railway bei einer Expreß-Locomotive verwendet, und zwar blieb die Packung in den Cylinder-Stopfbüchsen vom 27. Juli 1871 bis 18. November, in welcher Zeit die Maschine 14,070 engl. Meilen zurücklegte. Die Locomotive hat außenliegende Cylinder, ein Treibräderpaar mit 8 Fuß Raddurchmesser, der Kolbenhub ist 2 Fuß. Bei solchen Locomotiven dauerte die gewöhnliche Packung höchstens zwei Monate und die Schrauben mußten immer nachgezogen werden. Die Asbest-Packung war, als man sie herausnahm, anscheinend noch' ebenso gut als beim Einlegen. Sie erforderte auch weniger Oel zum Schmieren der Kolbenstange, denn das Oel blieb an der Stange und wurde nicht von der Packung absorbirt. Auch hielt sie die Stange sehr glatt, mehr als jede andere Packung.

Da Asbest in großen Mengen vorkommt, so wird sich der Preis solcher Packungen auch verhältnißmäßig niedrig stellen, umsomehr, wenn eine regelmäßige Fabrication derselben eingeführt seyn wird. (Engineering vom 22. December 1871; Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines, 1872 S. 36)

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