Titel: Versuche mit Lithofracteur, ausgeführt vom Sprengmittel-Comité des brittischen Kriegsministeriums.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 10 (S. 502–503)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi06_10

Versuche mit Lithofracteur, ausgeführt vom Sprengmittel-Comité des brittischen Kriegsministeriums.

Lithofracteur103) und andere Nitroglycerin-Präparate sind durch Parlaments-Acte vom Jahre 1869 in England verboten und werden nur unter Specialerlaubniß des Ministers des Inneren bedingungsweise zugelassen. Versuche, welche im vergangenen |503| Mai in Steinbrüchen bei Shrewsbury mit diesem Sprengmittel angestellt wurden, hatten indessen gezeigt, daß es unter gewöhnlichen Verhältnissen ganz gefahrlos zu handhaben sey und die Fabrikanten Krebs und Comp. in Cöln a. Rh. hatten, unterstützt von vielen Bergwerks- und Steinbruchsbesitzern, um die Erlaubniß nachgesucht, dasselbe in England fabriciren und verkaufen zu dürfen. Der Minister des Inneren, Bruce, wandte sich zur Begutachtung an das Sprengmittel-Comité des Kriegsministeriums und dieses ließ im Februar d. J. die Versuche in den Steinbrüchen des Hrn. France zu Nant Mawr bei Shrewsbury wiederholen. Diese zeigten, daß Lithofracteur in einem Oelbade bis zu 374° Fahrh. (190° C.) erhitzt, sich entzündet, aber langsam und ohne Explosion verbrennt. Ebenso wurde dieser Stoff gegen den Stoß probirt, den er von Holz, Steinen oder durch Herabfallen aus 150 Fuß Höhe erhielt, ohne zu explodiren. In einem Haufen von brennendem Stroh und Holz pufften 5 Pfd. davon langsam auf. Dann wurden 5 Pfd. luftdicht in ein Bohrloch eingeladen und mit einem gewöhnlichen Sicherheitszünder, jedoch ohne Zündhut, entzündet, wobei er gleichfalls ruhig ausbrannte, ohne eine Explosion zu verursachen.

Um jedoch seine explosive Wirkung zu zeigen, wurden 27 Pfd. Lithofracteur in einer 2 Zoll dicken Gummiwurst an den Fuß einer aus 12 sechszölligen Balken bestehenden Palissade gelegt und mit dem Zündhütchen und der Sicherheitsschnur entzündet, wobei aber nur 1/3 der Wurst explodirte, da der übrige Theil gefroren war; dennoch wurden dabei 4 Balken dicht über dem Boden abgeschlagen und weit nach rückwärts geschleudert. Darauf sprengte man zwei Reihen von Palissaden, mit 7 Fuß Abstand von einander, durch zwei 11 Fuß lange und 4 1/2 Zoll dicke, mit je 75 Pfd. Lithofracteur gefüllte Zinkröhren, die an den Fuß der vorderen Reihe gelegt und mit dem Zündhütchen gezündet wurden. Hierbei wurde die doppelte Palissade, bestehend aus 21 sechszölligen Balken, welche stark unter sich verbunden waren, in Stücke zerrissen und der Erdboden 12 Fuß tief aufgelockert, zum Theil sogar trichterförmig ausgeblasen. Dann grub man ein 6 Fuß langes, ebensolches Zinkrohr mit 43 Pfd. Ladung senkrecht in die Erde und feuerte es ab, wobei ein Trichter von 4 1/2 Fuß Tiefe und 16 Fuß Durchmesser getagt und der Boden noch 12 Fuß tiefer aufgelockert wurde – Um die Wirkung gegen bombensicher eingedeckte Räume zu zeigen, wurden 15 Pfd. auf einer aus 9 Eisenbahnschienen gebildeten Decke mit 6 Fuß freier Lage explodirt. Die Schienen hatten Doppelköpfe, wogen 75 Pfd. per laufenden Fuß, und waren so gelegt, daß der Kopf jeder Schiene am Stege der nächsten lag. Durch die Explosion der lose aufgelegten und nur mit frisch gestochenem Rasen bedeckten Ladung wurden 3 Schienen zerbrochen und die anderen gebogen. Endlich ließ man, wie schon früher, Lithofracteur-Patronen zwischen den Buffern von Förderwagen, die eine geneigte Ebene hinabliefen, quetschen, ohne daß sie explodirten, sobald die Buffer aus Holz waren, dagegen aber explodirten sie, wenn sie zwischen Eisen und Eisen gequetscht wurden.

Schließlich wurden in Wasser schwimmende Kästen mit je 50 Pfd. unter einer auf Balken und Erde hergestellten Brücke explodirt, welche zertrümmert und in die Luft gesprengt wurde. Was den Effect dieses Sprengmittels betraf, so war er zwar sehr bedeutend, schien aber den von reinem Dynamit, d.h. ohne Zuthat von Steinkohle, Schwefel und Chilisalpeter, nicht zu erreichen. (Berggeist, 1872, Nr. 18.)

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Nach J. Trauzl, Oberlieutenant der k. k. Geniewaffe (Explosive Nitrilverbindungen etc., Wien 1870, L. Gerold's Sohn) hat der Lithofracteur, welchen Krebs und Comp. in Cöln a. Rh. in den Handel bringen, annähernd folgende Zusammensetzung: 52 Gwthle. Nitroglycerin, 30 Thle. Kieselguhr und Sand, 12 Thle. Steinkohle, 4 Thle. Natronsalpeter, 2 Thle. Schwefel. Man vergl. polytechn. Journal, 1870, Bd. CXCVII S. 290.

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