Titel: Neues photolithographisches Verfahren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 203/Miszelle 11 (S. 503–504)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj203/mi203mi06_11

Neues photolithographisches Verfahren.

Im vorigen Jahre wurde ein Vorschlag zu einem neuen photolithographischen Verfahren gemacht,104) welches sich in seinem ersten Theile eng an das Johnson'sche Kohleverfahren anschloß. Die uns vorgelegenen Resultate dieses Verfahrens waren durchaus ermuthigend, doch wurde von verschiedenen Seiten darüber geklagt, daß es schwierig sey, ein kräftiges fettes Bild auf dem Stein zu erlangen. Diese Schwierigkeit wird durch eine von Hrn. Window in Simpson's Jahrbuch mitgetheilte Modification gehoben. Während nämlich nach ersterwähntem Vorschlage das Gelatinebild eine Reserve für die Aetzung des Steines bildete, wird es hier als Reserve für die Einfettung benutzt, der es besser zu widerstehen scheint. Hr. Window sagt hierüber:

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Die Details eines neuen photolithographischen Verfahrens sind kürzlich veröffentlicht worden, welches sich von den früher bekannten wesentlich unterscheidet. Wie jene eignet es sich nur zur Reproduction von Zeichnungen in Strichmanier, aber die Manipulationen sind so einfach, die Resultate so exact und vollkommen, daß ihm für manche Anwendungen wahrscheinlich der Vorrang gebührt. Das Osborne'sche oder James'sche Verfahren, welches so allgemeine Anwendung findet, gründet sich auf die Eigenschaft der mit doppelt-chromsaurem Kali versetzten Gelatine, an den nicht vom Licht getroffenen Stellen Wasser zu absorbiren, und an den belichteten Stellen Druckerschwärze anzunehmen. Weißes Papier wird mit einer Mischung von Gelatine und doppelt-chromsaurem Kali überzogen, und nach dem Trocknen unter einem Negativ belichtet. Dann wird das lösliche Chromsalz mit Wasser ausgewaschen. Wenn man das nasse Bild mit Druckerschwärze betupft, nehmen nur die den klaren Linien des Negativs entsprechenden Stellen des Papieres diese Schwärze an.

Das Verfahren, welches wir hier beschreiben wollen, basirt sich auf die Eigenschaft der Gelatine, selbst in dünnen Schichten der fetten Schwärze Widerstand zu leisten, und daraus, daß diese Schwärze vom lithographischen Stein gern angenommen wird. Ein Stück gewöhnliches Gelatinepapier, wie man es zum Kohledruck verwendet, wird in bekannter Weise auf einem Bade von doppelt-chromsaurem Kali empfindlich gemacht, und unter einer positiven Matrize des zu lithographirenden Gegenstandes belichtet. Nach hinreichender Belichtung wird das Papier einige Secunden in Wasser getaucht, mit der Gelatineseite auf einen reinen polirten lithographischen Stein gelegt und mehrmals mit dem Kautschukwischer angerieben, um das überflüssige Wasser fortzuschaffen. Einige Minuten später wird warmes Wasser (36° C.) aufgegossen, und hiermit das Bild ganz wie jedes Kohlebild entwickelt. Das Papier löst sich allmählich und kann nach einiger Einwirkung des warmen Wassers ganz fortgenommen werden. Sodann gießt man das warme Wasser vorsichtig über den Stein, um sämmtliche löslich gebliebene Gelatine zu entfernen. Das hierdurch entstandene Bild ist natürlich negativ, weil die Matrize ein Diapositiv war. Die Linien müssen durchaus rein seyn; der geringste Schleier deutet an, daß die Belichtung zu lang gedauert hat. Immerhin ist es nicht schwer, die geeignete Belichtung zu treffen, indem die Gelatineschicht ganz dünn seyn kann.

Nachdem man das Bild entwickelt hat, bis die Lichter ganz rein dastehen, übergießt man den Stein mit Alaunwasser und läßt ihn trocknen. Nach dem Trocknen läßt sich schon erkennen, ob die Operation gelingen wird; das negative Bild muß ganz klar und scharf dastehen.

Die Ränder des Steines werden nun in gewöhnlicher Weise gummirt, und der Stein wird mit lithographischer Druckerschwärze eingewalzt. Sobald dieß geschehen, wird der Stein mit einem in Gummiwasser getauchten Flanell-Lappen gut abgerieben; die Gelatine, aus der das negative Bild bestand, wird hierdurch entfernt, und die fette Farbe bleibt nur an den anfänglich klaren Stellen zurück; wenn Alles richtig ausgeführt wurde, hat man ein vollkommenes Positiv von großer Feinheit, das ganz wie eine gewöhnliche lithographische Zeichnung gedruckt werden kann.

Mit diesem Verfahren sind mancherlei Vortheile verbunden. In erster Linie nenne ich seine große Einfachheit und Leichtigkeit. Die Positiv-Matrizen kann man in der Copir-Camera nach dem Original Negativ in jeder Größe leicht herstellen. (Photographisches Archiv, 1872 S. 25.)

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Polytechn. Journal Bd. CCI S. 374.

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