Titel: Explosion eines Monte-jus; von H. Minssen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 204/Miszelle 2 (S. 509–511)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj204/mi204mi06_2
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Explosion eines Monte-jus; von H. Minssen.

Im Monat September vorigen Jahres wurde ich als Sachverständiger mit zwei Collegen in eine schlesische Zuckerfabrik gerufen, in welcher auf bisher unerklärte Weise ein Monte-jus explodirt war und leider den Siedemeister des Etablissements getödtet hatte, welcher sich zur Zeit der Explosion in der Nähe des Apparates befunden hatte.

Die Aufnahme des Tatbestandes durch Vernehmung von Augenzeugen, sowie die Besichtigung des zertrümmerten Gefäßes und der damit zusammenhängenden Röhren, Ventile etc. ergab Folgendes:

Das Monte-jus, ein eiserner Cylinder von etwa 1,88 Met. Höhe und 0,78 Met. Durchmesser, war vertical in den Boden eines Nebengebäudes der Zuckerfabrik eingelassen und wurde benutzt, um in demselben Zucker mit dem angemessenen Quantum Wasser zu zerlassen, und sodann diese gesättigte Lösung mittelst Dampfdruck in den Filterthurm hinauf zu drücken. An einem Sonnabend, kurz vor Feierabend, war der Apparat zum letztenmal gefüllt worden und blieb mit dem Inhalt, gegen die sonst übliche Weise, die Nacht hindurch gefüllt stehen. In den frühen Morgenstunden bemerkte der zweite Siedemeister einen brenzlichen, außergewöhnlichen Geruch, welcher ihn bis zu der Ursprungsstätte, eben diesem Monte-jus, führte. Um nachzusehen, was die Ursache sey, öffnete er den Lufthahn und statt Luft, wie er erwartete, da die Dampfventile geschlossen waren, floß ein dunkelbrauner, übelriechender Saft heraus. Bei dieser unwillkommenen Erscheinung eilte er nach Verschluß dieses Hahnes auf den Filterthurm und öffnete den Hahn des Steigrohres, aus welchem ihm ebenfalls dieser dunkle Saft mit brandigem Geruch entgegenströmte und einen Theil des dort befindlichen Reservoirs füllte. Er verschloß den Hahn ebenfalls und rief den ersten Siedemeister herbei, da er keine Abhülfe wußte, worauf letzterer sofort sich nach dem besagten Monte-jus begab. Kaum hatte er aber das Local betreten und eben wollte ihm der zweite Siedemeister nebst dem Maschinenmeister folgen, als eine colossale Detonation erfolgte, hervorgerufen durch die Explosion des Monte-jus, welche den ersten Siedemeister durch den gewaltigen Luftdruck an die Wand schleuderte, so daß derselbe einen Schädelbruch erlitt. Die beiden anderen Personen, welche noch außerhalb der Thür standen, wurden mit der Füllmasse complet überschüttet, so daß ihre Augen, Nase, Mund und Ohren ganz angefüllt waren, während der gewölbte Boden des Monte-jus gerade in die Höhe ging, das Glasdach des Nebengebäudes total zerstörte, das überhängende Dach des 12,5 Met. hohen Fabrikgebäudes abriß und einzelne Theile, wie Mannlochdeckel, Bügel und Schraube, weit über die Gebäude hinwegschleuderte.

Die Besichtigung der zerrissenen Theile, welche sorgfältig gesammelt waren, ergab, daß die Haupttrennung im oberen Deckel des Kessels erfolgt war, und zwar war der obere Boden mit unregelmäßigen Stücken des Cylinders abgerissen und der Boden quer eingerissen, während der Mannlochdeckel noch dicht aufgesessen hatte, und nur die Schraube des Bügels wahrscheinlich beim Niederfallen verbogen war.

Das Blech war im Cylinder selbst ganz gesund, überhaupt der Apparat erst in diesem Jahre neu aufgestellt. Die drei Röhren von Kupfer, von denen eine zum Auflösen des Zuckers, die andere zur Dampfzuführung beim Hinaufdrücken des Saftes benutzt wurde, während die dritte eben das Steigrohr in dem Filterthurm darstellte, waren abgerissen, aber die beiden Dampfventile, soweit man sehen konnte, geschlossen. Die Ansätze der ersten beiden waren mit demselben klebrigen Stoffe gefüllt wie das Monte-jus selbst und das Steigrohr, während die Dampfrohre beide von den Ventilen bis zur Hauptdampfleitung in der Fabrik vollständig blankes Metall zeigten.

Es mußte während der Explosion kein Dampf von irgend erheblicher Spannung in dem Apparat gewesen seyn, weil die beiden Männer, welche im Moment der Explosion mit der Füllmasse überschüttet waren, selbst an den Augen keine Brandbeschädigung erlitten hatten, auch war den Dampfrohren selbst nach dem Abreißen des Gefäßes kein Dampf entströmt.

Was konnte also die Ursache dieser kräftigen Explosion seyn? Die chemische Untersuchung der Masse, welche bereits durch den Chemiker der Fabrik erfolgt war, gibt einen Schlüssel dazu, den ich hiermit Zuckerfabrikanten und Chemikern zur Erörterung anheimgebe.

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Es stellte sich heraus, daß die ganze aus dem Monte-jus geschleuderte Masse keinen Zucker mehr enthalte, sondern gänzlich zu Caramel geworden war; es mußte also eine Zersetzung des gesammten Inhaltes des Gefäßes stattgefunden haben. Da eine solche nur bei unaufgelöstem Zucker in Verbindung mit Dampf von höherer Temperatur vor sich geht, so ist jedenfalls dem in das Monte-jus eingefüllten Zucker zu wenig Wasser zugesetzt worden, so daß ein Theil desselben nicht gelöst wurde. Ob nun die Ventile nicht ganz dampfdicht geschlossen waren, oder auf welche Weise die Zersetzung vor sich gegangen ist, lasse ich dahingestellt; es ist jedoch außer Zweifel, daß sich explosive Gase gebildet haben, Kohlensäure durch das Oeffnen des Lufthahnes frei geworden ist oder dergl. Dampfdruck von so hoher Spannung, um die Explosion herbeizuführen, war jedenfalls nicht vorhanden.

Unglücklicher Weise kostete dieser sonst gewiß höchst lehrreiche und interessante Fall ein Menschenleben. (Vorgetragen in der Sitzung des Breslauer Bezirksvereines deutscher Ingenieure vom 14. März 1872. – Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure, Bd. XVI S. 255)

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