Titel: Fasbender, über Brodvergiftung.
Autor: Fasbender,
Fundstelle: 1872, Band 206, Nr. CXXXII. (S. 475–480)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/ar206132

CXXXII. Ueber Brodvergiftung.

Im zweiten Septemberheft dieses Journals vom Jahre 1870, Bd. CXCVII S. 530, befindet sich ein Bericht der HHrn. Dr. Eulenburg und Dr. Vohl „über Brodvergiftung.“ Besondere Gründe veranlassen mich zu einigen Bemerkungen bezüglich desselben.

In dem angezogenen Bericht sind die drei untersuchten Brodsorten bezeichnet als Brode aus der Umgegend von Maastricht. Im |476| Jahre 1869 hat Herr Dr. Vohl drei Brode von zwei Bäckern aus Maastricht im Auftrage eines hiesigen Industriellen, des Herrn R...., untersucht. Die an Herrn R.... mitgetheilten Resultate dieser Untersuchung lagen mir, bevor die Herren Eulenburg und Vohl ihre Abhandlung im polytechn. Journal veröffentlichten, in Abschrift vor, welche letztere noch in meinem Besitz ist. Die völlige Uebereinstimmung der im Journal veröffentlichten und der mir in Abschrift vorliegenden Zahlen (2,01660 Proc. Aschengehalt im Journal, statt 2,166 ist natürlich ein Druckfehler) läßt keinen Zweifel, daß wir es hier mit demselben Falle zu thun haben; derselbe betrifft zwei hiesige Bäcker, die HHrn. H. und V.

Brode dieser Bäcker sind von mir untersucht worden und haben ergeben:

Brod von Bäcker V.: Aschengehalt:
1869 den 15. Nov. 1,03 Proc.
1870 den 3. Juli 0,83 „

In letzterem Falle war das Brod sehr frisch mit einem bedeutenden Wassergehalte.

Brod von Bäcker H.: Aschengehalt:
1869 den 2. Nov. 0,9 Proc.
1870 den 3. Juni 1,05 „
1870 den 7. August 1,09 „

Die Aschen erwiesen sich frei von beigemengten fremden metallischen Bestandtheilen.

Die Resultate der im polytechn. Journal a. a. O. unter I und II angeführten, an Herrn R..... unter dem 7. August 1869 mitgetheilten Analyse des Herrn Dr. Vohl sind zufolge der mir vorliegenden Abschrift:

I. (A) II. (B)
Wasser 46,00 45,888
Brodsubstanz 54,00 54,112
Asche 2,166 5,366
darin schwefelsaures Zinkoxyd 0,0350 0,0311
Alaun 0,0222 0,0610
Lencin oder Bolus Spuren 3,9660

Nr. III – in meiner Abschrift C, sowie auch die Buchstaben A und B sich auf die mir vorliegende Abschrift beziehen – ist am 8. Nov. 1869 an Herrn Dr. Vohl in Auftrag gegeben und hat, da das Brod sehr ausgetrocknet war, ergeben an Wasser 18,00, an Asche 4,699 mit 0,0309 Zinkoxyd und 0,0593 Thonerde. I betrifft Bäcker V., II und III Bäcker H., beide von hier. Die letzte Analyse (III) fällt mit der |477| von mir unter dem 15. Nov. 1869 ausgeführten Analyse von Brod desselben Bäckers so ziemlich in dieselbe Zeit.

Es ist doch ein eigener Zufall gewesen, der Herrn R.... zweimal hintereinander gerade das vergiftete Brod so glücklich in die Hände gespielt hat. Bei mehr als 40 Untersuchungen von Brod, welches mit Beobachtung aller möglichen Vorsichtsmaßregeln durch den Chef der hiesigen Polizeiverwaltung gekauft wurde, ist es mir nie gelungen, metallische Gifte in dem hiesigen Brode zu finden; in keinem einzigen Falle habe ich in dem hiesigen Brode mehr als die normale Quantität Asche gefunden. 1,5 Proc. Asche von frischem Brode ist nach meinen Untersuchungen die alleräußerste Grenze, welche in mehr als 40 Fällen niemals erreicht wurde, mit einer einzigen Ausnahme, wo ich einen Aschengehalt von 2,16 Proc. fand bei einem Wassergehalte (Wasserverlust bei 100° C.) von 17,1 Proc.; in diesem Falle war dem Brode (feinen Brödchen) Kochsalz beigemengt, so daß dasselbe durch Auslaugen mit Wasser und Verdampfung der Lösung in Kryställchen erhalten werden konnte.

Nehmen wir an, daß das Maximum von 1,5 Proc. in den durch Herrn Dr. Vohl untersuchten Brodsorten nach Abzug der fremden beigemischten Bestandtheile erreicht worden ist, und daß nur durch ein Versehen in die mir vorliegende Abschrift „schwefelsaures Zinkoxyd“ und „Alaun“ an die Stelle von „Zinkoxyd“ und „Thonerde“ gekommen sind, so bleiben doch im Falle I (A) noch 0,6, im Falle II (B) noch 3,7738 (Herr Vohl rechnet 3,9660), im Falle III (C) auch noch über 3,000 fremde Beimengungen, welche quantitativ einen viel „erheblicheren“ Bruchtheil der zugefügten fremden Bestandtheile ausmachen, als 0,0309 bis 0,0350 Zinkoxyd und 0,0222 bis 0,0613 Thonerde. Ob bei solchen Mengen die durch Herrn Vohl gefundenen Quantitäten von Zinkoxyd im Stande sind, einer häufig an sich schon schwach gelblich gefärbten Asche in der Hitze eine schön citronengelbe Farbe zu geben, bezweifle ich. Auch die Redaction des Wagner'schen Jahresberichtes scheint daran zu zweifeln, wie ich aus dem „kaum glaublich“, welches sie der Bemerkung der HHrn. Eulenburg und Vohl hinzufügt, schließen muß. Ich habe wenigstens bei Versuchen die ich weiter unten besprechen werde, in einem Falle, wo der Zinkgehalt in Brodasche relativ größer war, als in dem von Herrn Vohl citirten Falle, nichts dergleichen wahrnehmen können.

Im polytechn. Journal ist über die Natur der übrigen fremden Bestandtheile, deren Quantitäten oben angegeben resp. ausgerechnet sind, durch Herrn Vohl nichts gesagt. In der mir vorliegenden Abschrift |478| sind dieselben bezeichnet als „kieselsaure Thonerde“ , welche dem Brode als „Lencin“ oder „Bolus“ zugefügt ist.

Sind die 0,6, welche von 2,1660 doch keinen unerheblichen Bestandtheil ausmachen, vielleicht die Spuren von „Lencin“ oder „Bolus“ in I (A)?

Die HHrn. Eulenburg und Vohl mögen mir nicht verübeln, wenn ich die Bezeichnung „Lencin“ oder „Bolus“ etwas unbestimmt, ja bedenklich finde.

Ueberhäuft mit Arbeiten, habe ich bis jetzt mich nicht mit der Prüfung verschiedener im Handel unter dem Namen von Kaolin (China clay) u.s.w. vorkommenden Thonsorten in Bezug auf ihre Angreifbarkeit durch chemische Agentien, welche ich, im Hinblick auf den vorliegenden Fall vorzunehmen Willens war, beschäftigen können; Eines will ich aber hier doch bemerken.

Ein Kaolin (China clay) einer hiesigen Fayencefabrik wurde nicht allein durch kochende Salzsäure, sondern auch durch Schwefelsäure die mit der Hälfte ihres Gewichtes an Wasser verdünnt war, sehr merklich angegriffen. Durch gelindes anhaltendes Glühen mit 1/3 des Gewichtes an Brodasche schien derselbe fast vollständig aufgeschlossen zu werden. Wenn es nicht gewagt wäre, aus dem Verhalten einer einzigen Kaolinsorte auf das der anderen unter diesem und anderen Namen im Handel vorkommenden Thonsorten einen Schluß zu machen, so möchte der von den HHrn. Eulenburg und Vohl gefundene Thonerdegehalt nicht auffällig seyn; mehr auffallend, ja unbegreiflich wäre dann der geringe Procentgehalt an Thonerde, ohne daß man bei einem solchen an eine Verfälschung durch Alaun zu denken hätte. Bedenklich ist und bleibt die Sache, selbst wenn die durch die HHrn. Eulenburg und Vohl mitgetheilte Methode zur Auffindung und Bestimmung von Zink in Brod ausschließlich angewendet worden ist.

Was letztere betrifft,88) so scheint mir dieselbe in nichts Anderem, als in einer Modification, vielmehr in der nicht zu Ende geführten schon älteren Methode von Danger und Flandin zu bestehen. Nach dieser Methode werden die organischen Substanzen mit 1/4–1/6 Schwefelsäure in einer Porzellanschale verkohlt, die kohlige Masse mit Salpetersäure oder Königswasser versetzt, nach Verdampfung der Salpetersäure |479| mit Wasser ausgezogen u.s.w. Herr Vohl übergießt mit Schwefelsäure „so viel als das Brod aufzusaugen vermag,“ in einer Retorte, verdampft im Sandbade zur Trockne und zieht mit destillirtem Wasser aus u.s.w. Ich kann mich hier über die Methode nicht auslassen und will mich auf ein Citat aus Dragendorff's Ermittelung der Gifte“ beschränken. Dort heißt es nach Aufzählung der Uebelstände der Danger-Flandin'schen Methode: „Der Vorschlag Bérard's, die Zerstörung in einer Retorte vorzunehmen, ist wegen des starken Aufschäumens unausführbar.“ Sollte Brod eine Ausnahme machen?

Bei meinen Versuchen sind die durch Verbrennung in Platingefäßen erhaltenen Aschenmengen auf metallische Beimengungen untersucht worden; außerdem wurde die Methode von Hadow (Campecheholz- und Blutlaugensalz-Auflösung) angewendet. Ich habe mich bei vergleichenden Proben von der Empfindlichkeit derselben, namentlich der Campecheholzreaction, überzeugen können.

Man könnte gegen meine Methode einwenden, daß bei Verbrennung in Platingefäßen das anwesende Zink verflüchtigt worden sey, auf welchen umstand in den Lehrbüchern der forensischen Chemie hingewiesen wird. Ist das Zink in Form von Chlorzink oder sind bedeutende Mengen von Chlormetallen vorhanden, so mögen diese Bedenken gerechtfertigt seyn. Bei der Bereitung einer Brod- oder Getreideasche verbietet sich, wegen der leichten Schmelzbarkeit der Asche, eine so hohe Temperatur, daß Reducirung und Verflüchtigung des Metalles bei Anwesenheit von schwefelsaurem Zinkoxyd zu befürchten wäre, von selbst. Ich habe mir indessen durch directe Versuche in dieser Beziehung Ueberzeugung verschafft.

Von einem weißen Brode, wieder Brod des Bäckers H. von hier, welches 465 Grm. wog, wurden am 7. August 1870 vier Theile genommen:

a) 110,5 Grm.
b) 111,0
c) 113,5
d) 118,0

Für c wurden 0,070 Grm. krystallisirten Zinkvitriols abgewogen, für d 0,071 Grm. derselben Substanz, in Wasser aufgelöst und dem Brode zugefügt.

a und c wurden in Platingefäßen eingeäschert und erhalten an Aschenmengen in:

a) 1,09 Proc.
c) 1,17 Proc.
|480|

b und d wurden mit chlorsaurem Kali und Salzsäure bis zur Zerstörung der organischen Substanz behandelt.

Von a und c wurden die Aschen, von b und d die erhaltenen Auflösungen analysirt. a und b erwiesen sich als frei von fremden metallischen Beimengungen; in c und d wurde das Zink quantitativ bestimmt und die ganze Menge des zugefügten Zinkes wiedergefunden.89)

Daraus geht hervor, daß bei vorsichtiger Bereitung von Brod- und Getreideasche auch Spuren von Zink, welche in Form von schwefelsaurem Zinkoxyd zugefügt sind, in der erhaltenen Asche wiedergefunden werden müssen.

R. Fasbender,
Lehrer der Chemie an der höheren Bürgerschule in Maastricht.

Maastricht, den 29. November 1872.

|478|

Ich habe von der Methode der HHrn. Eulenburg und Vohl erst nach Beendigung meiner Versuche Kenntniß erhalten; auf eine Anfrage des Hrn. R..... bei Hrn. Vohl in Cöln, welche auf meinen Wunsch stattfand, erfolgte nicht die Mitheilung.

|480|

Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß auch in c und d keine anderen fremden Beimengungen aufgefunden werden konnten.

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