Titel: Müller's Seiltraject.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 2 (S. 72–74)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi01_2

Müller's Seiltraject.

Durch die Erfindung der Seilbahnen ist die Industrie wieder mit einem neuen Transportmittel beschenkt, welches neben den verschiedenen Eisenbahnen, Straßenlocomotiven, Kettenschiffen etc. berufen zu seyn scheint, eine wichtige Rolle zu spielen; denn die Seilbahnen vermitteln gerade an solchen Stellen, wo die erwähnten kostspieligen Fahrmittel fehlen, oder wegen localer Hindernisse, als Flüsse, Häuser Schluchten und dergleichen nicht angewendet werden können, den billigsten und bequemsten Transportweg in der geraden Luftlinie.

Es existiren bis jetzt drei principiell verschiedene, durch die Praxis erprobte Constructionen von Seilbahnen. Die älteste und primitivste besteht aus einem oder zwei parallel neben einander gespannten Seilen, deren Enden fest verankert oder auch auf einer Seite mit einer Spannvorrichtung versehen sind. Unter diesen Seilen hängt das Transportgefäß an kleinen Rollen und wird mittelst eines anderen Seiles einfach hin- und zurückgezogen.

Die zweite vervollkommnete Seilbahn ist die von Hodgson (beschrieben im polytechn. Journal, 1871, Bd. CCI S. 378). Bei dieser fällt das Zugseil für die Transportgefäße weg, indem das tragende Seil selbst durch einen Motor continuirlich bewegt wird und die daran gehängte Last mitnimmt. Es ist ein Drahtseil ohne Ende, welches an den Endpunkten der Bahn um horizontale Rollen geschlungen und in bestimmten Entfernungen durch kleinere Rollen getragen ist, so daß die aufgehängten |73| Kästen auf der einen hin-, auf der anderen zurückgehen, einer dem anderen in gewissen Distanzen folgend. Dabei kann die Bahn Steigungen von 1 : 15 überwinden und vermöge einer entsprechenden Anbringung der kleinen Tragrollen auch Curven bis zu 180 beschreiben.

Das dritte Princip der Seilbahn wird repräsentirt durch das Seiltraject von Hermann Müller, Ingenieur in der Maschinenfabrik Sigl in Wien.

Während die beiden vorerwähnten Arten von Seilbahnen ein für sich abgeschlossenes Mittel zum Transportiren bieten, indem das Material auf einem Ende der Bahn eingeladen, am anderen ausgeladen werden muß, weil die Fördergefäße die Bahn nicht verlassen können, ist das Müller'sche Traject geeignet, bei jeder Schienenbahn, welche durch Abgründe, Thäler, Wässer und dergleichen unterbrochen ist, eine Verbindung herzustellen, da jeder Wagen, welcher auf den Schienen läuft, durch daran befestigte Klauen eingerichtet ist, die Seilbahn zu übersetzen und hinter derselben die Schienenbahn weiter zu verfolgen. Deßhalb gab der Erfinder auch seiner Construction den Namen „Traject.“ Wiewohl dasselbe gleich den obenerwähnten Seilbahnen als für sich bestehendes Transportmittel dienen kann, so ist der große Vortheil doch in die Augen springend, daß man die Wagen auf verschiedenen Schienensträngen und aus beliebigen Entfernungen auf dem Traject und jenseits desselben nach beliebigen Richtungen weiter führen kann, ohne ein Umladen, Abheben oder dergleichen nöthig zu haben. So können z.B. dieselben Wagen, welche in den Stollen der Bergwerke laufen, mit ihrer Last auf den Grubenschienen und den Drahtseilen des Trajectes bis an einen Ladeplatz an der Straße oder Eisenbahnstation befördert werden und denselben Weg leer zurückmachen.

Die Einfachheit, Billigkeit, sowie die Möglichkeit der schnellen Herstellung solcher Seiltrajecte müssen namentlich für Montanbahnen hervorgehoben werden, wenn man bedenkt, daß damit die kostspieligen Brücken über Thaleinschnitte und Flüsse, und die Durchbohrung von Tunnels gänzlich erspart werden, da das Traject bei Steigungen von 1 : 8 die Berge direct übersetzen kann. Eine Pferdebahn wäre an solchen Stellen nicht mehr möglich, oder müßte mit außerordentlichen Umwegen zu demselben Ziele geführt werden.

Auch überschwemmte Flächen und breite Seen können mit dem Seiltraject überspannt werden, weil es auch in diesen Fällen leicht zu ermöglichen ist, die in Distanzen von 200 bis 300 Fuß nöthigen Gerüste für die kleinen Tragrollen der Drahtseile aufzustellen oder bei großer Wassertiefe auf verankerten Stehschiffen zu befestigen. Sehr häufige Anwendung werden die Müller'schen Trajecte finden, um nahe der Eisenbahn gelegenen Fabriken die Rohstoffe vom Bahnhof zu- und die fertige Waare zurückzuführen, die Rüben aus den Sammelgruben in die Zuckerfabriken, Baumstämme aus dem Wald auf die Säge zu bringen; in kleineren Dimensionen transportabel aus Eisen ausgeführt, wäre die Erfindung auch für Kriegszwecke in's Auge zu fassen, z.B. um Munition über die Truppen hinweg zu den Batterien zu befördern und dergleichen.

Schließlich ist nicht zu bezweifeln, daß diese Trajecte auch hinreichende Sicherheit bieten, um Personen zu befördern, da ein Jeder, der vielleicht an der Zuverlässigkeit der schwachen Drahtseile zweifeln könnte, nachdem er sechs- bis achtfach größere Lasten, als die seinige, von den Seilen fortziehen sah, auch seine geringe Körperlast denselben anvertrauen wird.

Müller's Trajecte sind je nach dem Zweck und der Situation verschieden construirt, jedoch ist bei allen folgende Einrichtung gemeinsam:

Die Transportirung geschieht nämlich in allen Fällen auf zwei parallel laufenden Seilen ohne Ende, welche an den Endpunkten des Trajectes über große Rollen laufen und in verschiedenen Distanzen durch kleinere Rollen getragen und geführt werden. Die Entfernung und Anbringung dieser Führungsrollen ist von der Beschaffenheit des Terrains abhängig. So können dieselben z.B. im Walde an den Bäumen, an Felswänden, bei Ueberschreitung von Wasserflächen auch schwimmend angebracht werden. Der Antrieb des Trajectes geschieht nur auf einer Seite desselben, oder bei gekuppelten Trajecten in der Mitte, indem durch einen beliebigen Motor mit entsprechendem Vorgelage die großen Rollen gedreht werden; die Seile selbst übertragen die Bewegung auf die übrigen Rollen. Die großen Endrollen sind an dem Ende, wo der Antrieb nicht stattfindet, jede für sich gelagert und mit einer Spannvorrichtung versehen, um die gleichmäßige Durchbiegung beider Seile jederzeit herstellen zu können.

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Jede Last, welche auf dem Traject transportirt wird, seyen es Wagen, Körbe, Ballen oder Hölzer, muß mittelst vier Klauen auf den Seilen aufliegen, damit der Gegenstand nicht oscillirt, sondern nur die Schwankungen der Seile mitmacht, und damit beim Passiren der Führungsrollen, während gleichzeitig zwei Klauen die Seile loslassen, die beiden anderen die Last vermöge der Reibung auf den Seilen festhalten. Sämmtliche Rollen, sowie auch die Klauen sind mit Holz gefüttert, so daß die Drahtseile nirgends mit Eisen in Berührung kommen, um die Abnutzung der Seile möglichst zu vermeiden.

Die drei hauptsächlichsten Constructionen der Müller'schen Seiltrajecte sind folgende:

A. Traject für Schienenwagen mit auslösbaren Klauen, durch verticale Rollen angetrieben. – Diese Construction ist in solchen Fällen anzuwenden, wo der verfügbare Platz neben den großen Seilrollen so schmal ist, daß kein Schienenstrang daneben Raum findet. Die beiden parallelen Seile laufen hier über verticale Rollen, an denen die beiden durch den Motor angetriebenen auf einer gemeinsamen Achse, die Endrollen auf einzelnen Lagern mit verstellbaren Lagern behufs Spannung der Seile befestigt sind. Die mit Schienen belegten Rampen dienen dazu, die Wagen von den unteren Seilen auf die oberen und umgekehrt zu bringen, und zwar läßt man wegen der größeren Stabilität der auf der Strecke befindlichen Rollenständer die geladenen Wagen unten, die leeren oben gehen. Der Abstand der Schienen von den Seilen ist an den Auf- und Abfahrpunkten so gerichtet, daß sich die ausgespannten Klauen von selbst auf die Seile legen und von diesen mitgenommen werden. Da bei dieser Construction sowohl die oben als unten laufenden Wagen zwischen den großen Rollen durchpassiren, so müssen die vier Klauen eines jeden Fahrzeuges auslösbar seyn, und zwar selbstthätig in dem Moment, wo der Wagen vor den großen Rollen von den unteren Seilen auf die Schienen abläuft.

B. Traject für Schienenwagen mit unbeweglichen Klauen, von verticalen Rollen angetrieben. – Die Einrichtung enthält schon wesentliche Verbesserungen gegen die oben beschriebene und besteht darin, daß die Wagen an den Endpunkten des Trajectes, wo sie die Seile verlassen und auf den Schienen weiter laufen, nicht zwischen den großen Rollen, sondern seitwärts von diesen abgeführt werden, wodurch der ganze Mechanismus zur Auslösung der Klauen entfällt.

C. Traject für Schienenwagen mit unbeweglichen Klauen, von horizontalen Rollen angetrieben. – Da größere Wagen, welche unbeladen mehr als 5 Ctr. wiegen, sehr schwer die Rampen hinaufzuschieben wären, so hat Müller in dieser Construction die letzteren ganz vermieden, sondern läßt die leeren wie die beladenen Wagen an den Enden des Trajectes nur auf horizontalen Schienen laufen. Die großen Seilrollen sind nämlich in horizontaler, etwas schräger Lage unter dem Gerüst placirt, welches die Schienenstränge und die ersten Führungsrollen der Seile trägt und ist deren Stellung so angeordnet, daß die nach einer Richtung parallel neben einander laufenden Seile und die entgegenkommenden nicht wie bei den Constructionen A und B übereinander, sondern in gleicher Höhe nebeneinander geführt sind. Dabei ist es durchaus nicht nöthig, daß die beiden horizontalen Endstationen in gleicher Ebene liegen, sondern den Seilen kann auf der Strecke vermittelst der Gerüste für die kleinen Tragrollen nach Erforderniß des Terrains eine beliebige Steigung gegeben werden, welche erst da ihre Grenze findet, wo die vier Klauen des Wagens wegen unzureichender Reibung von den Seilen nicht mehr mitgenommen werden. Bei gut gefirnißten Seilen kann eine Neigung der Seile von 1 : 6 noch ohne Anstand überwunden werden.

Die Herstellungskosten eines Müller'schen Trajectes lassen sich zwar im Allgemeinen nicht angeben, da sie, wenn auch im geringerem Maaße als bei Locomotiv- oder Pferdebahnen, von der zufälligen Beschaffenheit des Terrains abhängen. Doch sey bemerkt, daß ein Traject für 1/4 deutsche Meile Länge nach den Constructionen A und B mit 20 Millimet. starken Seilen, sammt einer 12pferdigen Locomobile zum Betriebe, aber ausschließlich der hölzernen Rampen-Ständer, Fahrzeuge und Aufstellung ca. 15,000 fl. am Wiener Platz kosten würde. Damit könnte bei Einzellasten von 9 Zoll-Ctr., per Stunde ca. 500 Ctr. Bruttolast transportirt werden. (Nach der Zeitschrift des österr. Ingenieur- und Architektenvereines.)

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