Titel: Pavy's Filzfabricate.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 8 (S. 157–158)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi02_8

Pavy's Filzfabricate.

Unter den vielen Artikeln der dießjährigen Londoner Ausstellung tragen wenige so sehr den Stempel der Originalität und Neuheit, wie die Vorhänge, mit denen verschiedene Thorwege, Corridors und Nischen im Ausstellungs-Gebäude geschmückt sind. Einem gewöhnlichen Beobachter mögen diese Vorhänge als sehr elegante Cretonnes von Mülhausen oder Zitze von Manchester erscheinen, aber bei genauerer Prüfung überzeugt man sich, daß sie aus einem ganz anderen Material bestehen. Für das Auge sind sie Baumwollgewebe, für das Gefühl Papier, während sie in Wirklichkeit weder das eine noch das andere, sondern eine Verbindung von beiden sind. Sie sind in der That aus Filz oder tissus feutre japonnais, wie sie der Erfinder Eugen Pavy bezeichnet, hergestellt. Diese Erfindung wurde vor etwa drei Jahren bekannt; der Krieg von Frankreich störte jedoch für einige Zeit die Pläne des Erfinders, aber nunmehr hat er. in Verbindung mit seinem Compagnon, Hrn. Pretto, sich die Aufgabe gestellt, dieses Product in England einzuführen.

Eine zum Stillstand gekommene Papierfabrik zu Chilworth bei Guilford wurde angekauft, mit der Einrichtung für die neue Fabrication versehen und der Betrieb seit Schluß vorigen Jahres eifrig begonnen. Das Fabricat ist kein eigentliches Gewebe, sondern eher eine Art japanesisches Papier von sehr starkem Gefüge. Es ist fest und dicht, dabei zugleich biegsam und zur Anwendung für viele decorative und industrielle Zwecke, wofür Papier und Baumwollgewebe oder Leder gegenwärtig benutzt werden, geeignet. Eine sehr empfehlende Eigenschaft dieses Productes ist, daß mit ihm die meisten eleganten Stoffe annähernd und in brauchbarer Weise nachgeahmt werden können, während der Verkaufspreis noch nicht ein Zehntel des Preises der Artikel beträgt, welche es ersetzt.

Die Substanzen, woraus dieses Material hergestellt wird, sind zahlreich und umfassen viele Varietäten von thierischer und pflanzlicher Faser. Die Rohmaterialien werden durch Maceration in Lumpenvorbereitungs- und Schlagmaschinen von besonderer Construction vorbereitet, worauf sie Waschprocessen in alkalischen und antiseptischen Bädern unterworfen werden. Sie werden dann zwischen rotirenden Walzen zerkleinert, gebleicht und mit verschiedenen Chemikalien in Bottichen zu Brei verwandelt, worauf das Material durch eine Reihe von Gefäßen mit Rührapparaten nach einer Papiermaschine geht. Diese Papiermaschine unterscheidet sich durch verschiedene, dem vorliegenden Zweck entsprechende Vorrichtungen von der gewöhnlichen, und liefert das Material in der Form eines dichten Filzes ab. Wenn es erforderlich ist, die Sprengel herzustellen, welche manche Sorten des japanesischen Papieres zeigen, so wird gepulvertes Mineral oder Metall, je nach dem verlangten Effect, in den Brei eingeführt. Das so hergestellte Fabricat wird verschiedenen Stampf-, Preß- und Druckoperationen etc. unterworfen, so daß es schließlich das Aussehen von Zitz, Leder oder anderen Stoffen erhält.

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Wir betrachten die Herstellung dieses Fabricates als eine interessante Erfindung, welche einer sehr ausgedehnten Verwendung fähig ist. Es können darauf Muster von der einfachsten, wie von der reichsten Art mit gleicher Leichtigkeit und Treue hergestellt werden, und die darauf befestigten Farben trotzen der Wirkung des Sonnenlichtes und der Feuchtigkeit.

Die in der Fabrik zu Chilworth benutzte Maschinerie ist sehr complicirt und wird durch drei Wasserräder von zusammen 70 Pferdekräften nebst Dampfmaschinen von zusammen 120 Pferdekräften, die ihren Dampf von drei Cornwallkesseln erhalten, betrieben. Die Materialien werden in den verschiedenen Stadien der Fabrication hinauf in obere Räume und hinab in untere Localitäten nach den verschiedenen Stockwerken mittelst Dampfaufzügen befördert, während durch das ganze Etablissement in der Höhe ein Eisenbahnsystem angebracht ist. Durch diese Anordnung ist der Transport der Materialien von einem Punkte zum anderen sehr erleichtert. Die größte Aufmerksamkeit ist der Materialersparniß gewidmet, wodurch ein Minimalpreis des Productes erreicht wird. Die fertige Waare wird nach dem Magazin der Firma Pavy u. Pretto in London (Hamsel-street, Falconsquare) gesendet. (Aus dem praktischen Maschinenconstructeur.)

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